Ein tierisches Vergnügen

Lagos ist vor allem für die Grottentouren bei der Ponta da Piedade bekannt. Dabei ist es auch möglich, einen einzigartigen und unvergesslichen Bootsausflug landeinwärts auf der Ribeira de Bensafrim zu unternehmen

Kapitän João Neves ist ein Pionier. Er war der Erste, der in Lagos Bootsausflüge zur Ponta da Pie­dade anbot und der Erste und bislang Einzige, der den Bootsausflug auf der  Ribeira de Bensafrim bis zum Paúl de Lagos anbietet. „Boote und Wasser sind mein Leben“, sagt der braungebrannte Seemann. Das ist nicht übertrieben. Schon als Zehnjähriger hat er auf Schiffen gearbeitet. Mit der Handelsmarine hat er die Welt bereist, bevor er sich wieder in seiner Heimatsstadt Lagos niederließ und die touristischen Bootsausflüge ins Leben rief. „Und vor drei Jahren habe ich in meinem Alter noch das Unternehmen RiverWatch gegründet. Ich kann einfach nicht tatenlos sein“, sagt der gutgelaunte 70-Jährige. „Wissen Sie, was mein Hobby ist?“, fragt er mit ernster Miene, um gleich lachend hinzuzufügen: „Ich schnitze  Bootminiaturen!“. Als der letzte Passagier eintrifft, meint Senhor João mit einem mysteriösen Lächeln „welcome to Vietnam“ und wir brechen auf. Start ist am Kai im Hafen von Lagos. Statt Richtung Meer wie alle anderen Boote, die auf den Fluss entlang der Strandpromenade von Lagos unterwegs sind, fahren wir gen Norden. Unter der Zugbrücke durch, vorbei an der Marina, durchschiffen wir die römische Brücke Dona Maria, die knapp über 100 Meter lang ist, aus zwölf Bögen besteht und den Haupteingang zur Stadt bildet. Stark durch das Erdbeben von 1755 beschädigt, wurde sie erst 1783 wiederaufgebaut.

Gleich nach der Brücke macht der  Kapitän einen ersten Stopp, um uns auf die Schornsteine der ehemaligen Konservenfabriken aufmerksam zu machen. Seine Englischkenntnisse sind eher rudimentär, aber er hat keine Hemmungen und macht sich auch mit Händen und Füßen verständlich. „Fish in tin fabric“ sagt er und alle an Bord wissen genau, was er meint. Es geht ihm aber nicht um diese ehemalige, glorreiche Industrie, sondern um die Storchennester. Auf den beiden Schornsteinen sowie auf dem Dach eines Hotels, das dem Verfall preisgegeben ist, sind mehrere Nester zu sehen. Derzeit sollen sieben Storchenfamilien dort vorzufinden sein. „Im Winter sind es um die 20“, erklärt er weiter. „Während ihre Bestände in anderen Ländern zurückgehen und verschiedene Arten sogar als bedroht gelten, sind sie in der Algarve das ganze Jahr über zu sehen“, fügt er stolz hinzu. Der Fluss biegt an dieser Stelle nach rechts, folgt einige Meter der Nationalstraße 125, um dann links landeinwärts zu führen. Wir befinden uns nun im Wattgebiet am Stadteingang. Zu Zeiten der römischen Besetzung war der Fluss auf seiner ganzen Länge befahrbar und das Wattgebiet nahm zirka 400 Hektar ein. Doch nachdem im 15. Jahrhundert ein Entwässerungskanal gebaut wurde, um die Stadt mit Wasser zu versorgen, wurde hier Getreide angebaut. Davon zeugt auch die Ruine einer Wassermühle, in der die Bewohner ihr Getreide mahlen ließen. Nun, zurück in seinem natürlichen Zustand, ist das Wattgebiet Lebensraum verschiedener Spezies. Heimische Tiere sowie Zugvögel. Wir entdecken einen Silberreiher, eine Waldschnepfe, zwei Stockenten und viele kleine Vögel, die so schnell vorbeifliegen, dass wir sie nicht erkennen können. Aber sie lieben es hier in der Ufervegetation. Beweis dafür sind die vielen Nester, die gefährlich über dem Wasser hängend gebaut wurden. Ebenfalls in der Ribeira de Bensafrim zuhause sind verschiedene  Libellenarten und Süßwasserschildkröten. Um all diese Tiere nicht zu stören, achtete Senhor João beim Entwurf dieses Bootes genau auf die Details. Sein „Pernilongo I“ (Stelzenläufer) hat einen flachen Rumpf, um in diesen niedrigen Gewässern fahren zu können und ist gut in Grün getarnt. „Schon als Kind war ich hier unterwegs“, erinnert er sich. „Viele Familien unternahmen damals am  Wochenende Ausflüge zum Paúl de Lagos“. Der Kapitän will, dass auch seine Enkelkinder und deren Kinder noch von diesem Fleckchen Erde schwärmen können. „Daher tue ich alles, um die hiesige Fauna zu schützen“, erklärt er.
Und dann verstehen wir auch, weshalb zu Beginn des Ausfluges unser  Kapitän „welcome to Vietnam“ sagte. Die Ribeira wird immer schmäler und die Vegetation bildet fast einen Tunnel. In einem Floß unterwegs auf einem kleinen Fluss von Grün und Vogelgezwitscher umzingelt – ja, wir könnten tatsächlich im Dschungel in Vietnam sein! Vor allem wegen der vielen kleinen, grünen Blattläuse, die unsere Arme, Beine und sogar das ganze Boot bedecken. Lachend schütteln wir sie immer wieder ab. Was jedoch nichts bringt, denn gleich danach streifen wir an den nächsten Blättern und sind erneut von Grün bedeckt. Der Kapitän schaut uns amüsiert zu und wiederholt immer nur: „Ihr könnt nicht sagen, dass ich euch nicht gewarnt habe“.

Schließlich erreichen wir unser Ziel. Der Wasserlauf endet abrupt in einer Sackgasse, in der eine Schildkrötenfamilie es sich gemütlich gemacht hat. Doch als wir sie entdecken und alle Fotos schießen, tauchen sie schnell ab. Für uns beginnt hier die Rückfahrt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn da nicht ausreichend Platz zum Wenden des Bootes da ist, müssen auch rückwärts fahren. Nach der vorherigen Erfahrung nehmen wir sofort alle lachend Deckung und kauern uns auf den Boden. Gekonnt führt unser Kapitän das „Pernilongo“ sicher durch den Dschungel und dreht es an der ersten breiteren Stelle um. Zeit für unsere nächste Pause. Wir nutzen die Gelegenheit, um uns noch mal gründlich abzuschütteln und Senhor João gibt einen Portwein aus. „Wäre es nicht schade, wenn unsere Besucher diesen Schatz nicht entdecken würden?“, fragt er in die Runde und alle stimmen ihm zu. Als wir uns auf dem Rückweg der Straße und den ersten Häusern von Lagos nähern und träumerisch vor uns hinschauen und die Eindrücke Revue passieren lassen, sagt der Kapitän „welcome back to civilization“. Wir lachen, aber er hat recht. Obwohl wir so nah an der Stadt Lagos waren, fühlten wir uns mitten im Dschungel. Nach zirka einer Stunde sind wir zurück im Hafen. Für
Sabine und Rolf aus Freiburg, die mit uns an Bord waren, war dieser Ausflug das Highlight ihres Urlaubes.
Anabela Gaspar
ESA 7/13

RiverWatch
João Neves &
José Manuel Santos
Mob.: 967 221 483 / 967 528 500
riverwatch_lagos@yahoo.co.uk
http://riverwatchlagos.wix.com/
riverwatchlagos
www.facebook.com/RiverWatchLagos

Share.

Comments are closed.