Ein Paradies auf Erden

Lagoas goldene Küste

Eine Wanderung entlang der Küste von Lagoa lohnt sich immer wieder. Für diese Ausgabe entdeckten wir den nicht ausgeschilderten Abschnitt zwischen Praia do Paraíso und Praia do Vale da Lapa. Die Route weist allerdings einen höheren Schwierigkeitsgrad auf als andere bereits beschriebene Küstenabschnitte im Raum Lagoa

Wir wanderten bereits – in mehreren Abschnitten – von Senhora da Rocha bis Vale de Centianes sowie entlang des Holzsteges zwischen Algar Seco und der Kapelle N. Sr. da Encarnação. Viel fehlt nicht mehr und wir haben die gesamte Küste von Lagoa erschlossen. Doch egal, wie oft ich oberhalb der Klippen von Lagoa unterwegs bin, machen die atemberaubenden Landschaften mich immer wieder sprachlos. Die gesamte Küste ist von bizarren goldenen Felsen mit Dolinen, Bögen, Grotten, ewig grünen Pinien und Mastixsträucher und dem schimmernden weiten Atlantik geprägt. Dennoch bietet die Natur entlang der jeweiligen Abschnitte immer neue Perspektiven und wirkt jedesmal anders auf den Betrachter. Zudem ist die Küste zu dieser Jahreszeit grüner als sonst, hier und da blüht der Sauerklee und Meereszwiebeln schießen aus dem Boden.

Start ist heute der westlich vom allseits bekannten Carvoeiro-Strand gelegene Strand Praia do Paraíso. Die kleine geschützte Bucht mit feinem Sand und klarem Wasser hat ihren Namen mehr als verdient. Da der Strand nur über eine lange, steile Treppe erreichbar ist, lässt sich hier auch im Hochsommer immer ein Plätzchen für das Badetuch finden. Doch zum Strand geht es heute trotz klaren Himmels und Sonnenschein nicht. Nachdem meine Kollegin Susanne Röhl und ich gleich am Parkplatz einige Fotos von der Bucht und der sich den Hang hinab schmiegenden, weißen Kopfsteinpflaster-Treppe gemacht haben, gehen wir vor dem Restaurant entlang, um dann den Trampelpfad oberhalb der Klippen zu folgen. Von hier aus glänzen nun oberhalb der Bucht die weißen Häuser im Licht der Wintersonne und man entdeckt an der Ostseite des Strandes eine kleine Grotte. Gen Westen erstreckt sich kurz darauf der Strand Vale Currais. Feiner Sand ist weit und breit nicht zu sehen, dafür ragen schwarze Steine aus dem Wasser. Rote Klippen, wie man sie sonst von der Küste von Albufeira gewohnt ist und die uns ein wenig an die grandiosen Landschaften des amerikanischen Grand Canyon erinnern, ragen gen Himmel. Nicht die Erosion, sondern ein Bildhauer scheint hier am Werk gewesen zu sein. Diese Natur-Skulpturen verdeutlichen jedoch auch, dass diese Felsen nicht ewig sind. Vorsicht ist also geboten, vor allem, an den Stellen, an denen der Pfad sehr nahe am Felsvorsprung entlangführt.
Ebenfalls mit Vorsicht erfolgt der Abstieg ins westlich von diesem Strand gelegene Tal. Der Zaun, an dem wir bislang entlang gewandert sind, erweist sich als große Unterstützung um zu verhindern, dass wir ausrutschen. Genau so steil geht es auf der anderen Seite dann hoch. Besonders fit muss man nicht sein, schließlich haben Susanne und ich es geschafft, aber für Menschen mit Gehbehinderung oder für Kinder ist diese Route nicht geeignet. Für die Anstrengung wird man kurz darauf auf der Landzunge bei Praia da Salgadeira mit einem traumhaft schönen Ausblick belohnt. Nach bewölkten und regenreichen Tagen ist der Himmel heute sehr klar. Gen Westen reicht der Blick bis Lagos und der Ponta da Piedade. Selbst Sagres ist am Horizont zu erkennen. Westlich von der Landzunge erstreckt sich der feinsandige Strand Padre Vicente. Die Bucht, die von einigen Grotten umgeben ist, ist eine der vielen wilden Strände von Lagoa, die lediglich per Boot erreichbar sind. Zwar ermöglicht am Westende des Strandes eine Leiter den Abstieg zum Areal, doch oberhalb der Felsen versperrt der Zaun der Anlage den Zugang zu befahrbaren Wegen.
Der Pfad führt uns hier ein wenig abwärts der Klippen, um den Taleinschnitt herum und dann am Zaun des Anwesens entlang wieder zu dem Felsvorsprung. An dieser Stelle ist eine der größten Dolinen der Küste von Lagoa. Wir hatten uns schon auf den Blick in die Tiefe auf das türkisblaue Wasser gefreut, mussten jedoch leider feststellen, dass das Grundstück privat und daher umzäunt ist. Etwas enttäuscht wandern wir weiter bis ins Tal am Strand Cama da Vaca. Wir haben uns an dieser Stelle verlaufen und sind an einem Tennisplatz weit von den Klippen entfernt gelandet. Am besten bleibt man so nahe wie möglich am Felsvorsprung. Der Weg führt im Bogen um den Felsen und dann steil hinab. Der Strand Cama da Vaca, zu dessen merkwürdigem Namen (Kuhbett) ich mich nicht äußern werde, soll eins der bestbewahrten Geheimnisse von Lagoa sein. Dabei handelt es sich um ein kleines Areal – auf den höchstens eine Kuh passt, vielleicht daher der Name – unterhalb eines Felsen, von dem bei Flut kein einziger Zentimeter trocken bleibt. Zudem ist er, wie die meisten Strände an diesem Küstenabschnitt, nur per Boot erreichbar.
Dann geht es wieder steil hoch auf die Klippen. Auf mittlerer Anhöhe meint die etwas außer Atem geratene Susanne: „Das ist ja fast wie auf dem Kilimandscharo!“ Die Aussage ist natürlich übertrieben, aber ich gebe zu, dass der Aufstieg eine Herausforderung ist und ich verschwitzt oben ankomme. Der letzte Abschnitt ist dafür recht einfach und eben. Gen Osten sehen wir in der Ferne die weiß getünchten Häuser unseres Startpunktes in Carvoeiro und im Westen liegt unser Ziel, der Strand von Vale da Lapa, nicht mehr weit entfernt.
Kurz vor Vale da Lapa stehe ich dann auf einem Felsen, der ins Meer ragt und von dem aus der Blick über die Küste einfach unbeschreiblich schön ist. Ich atme tief die frische Salzluft ein, genieße den Ausblick in alle Richtungen. In meinen Gedanken spielt sich die Szene ab, in der Leonardo Di Caprio mit offenen Armen am Bug der Titanic steht und fast schreie auch ich „I´m the King of the World“. Doch die
luftige Höhe, in der ich mich befinde, lässt das nicht zu. Immerhin stehe ich etwa zwanzig Meter über den in der Sonne schimmernden Wasserspiegel auf einem etwa eineinhalb Meter schmalen Felsen. In dem Sekundenbruchteil, in dem ich mich traue, hinabzuschauen, bewundere ich die Profi-Klippenspringer sowie die vielen Angler, die man immer wieder an der Algarve-Küste an den unmöglichsten Stellen findet. Kurz nach dem kleinen halsbrecherischen Abstecher erreichen wir, knapp eineinhalb Stunden nach dem Start, unser Ziel. Auch dieser Strand hat ein sehr kleines Areal, das bei Flut ganz unter Wasser steht, ist aber von Land aus zuerst über einen breiten, befahrbaren Schotterweg und zuletzt über einen steinigen Weg erreichbar.
Zurück geht es dann etwas schneller. Vor allem weil wir nicht wieder hundert Fotos schießen. An der einen oder anderen Stelle bleiben wir aber wieder voller Bewunderung stehen. Wie gesagt, es bieten sich immer neue Perspektiven. Selbst der Lichteinfall lässt nun die Felsen anders erscheinen.

Text und Foto: Anabela Gaspar
In ESA 02/16

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