Die Route des Chamäleons

Im Pinienwald in Vila Real

In der Ostalgarve leiht ein sympathisches Reptil seinen Namen einem Wanderweg. Der Grund dafür ist, dass der Wanderweg durch den Lebensraum einer der letzten großen Chamäleon-Populationen des Landes führt

Die fünf Kilometer lange Chamäleon-Route verbindet Vila Real de Santo António an der spanischen Grenze mit der Tourismushochburg Monte Gordo und der kleinen Ortschaft Aldeia Nova. Es gibt jedoch mehrere Pfade innerhalb des Pinienwaldes Mata Nacional das Dunas Litorais de Vila Real de Santo António, die einen Rundweg ermöglichen. Wir entscheiden uns für diese zirka sieben Kilometer lange Variante. Start ist am Centro de Informação Ambiental do Camaleão in Vila Real, einem Informationszentrum, das diesem Schuppenkriechtier aus der Familie der Leguanartigen gewidmet, jedoch leider meistens geschlossen ist.
Im Gebäude des Informationszentrums befindet sich auch der Sitz des lokalen Taubenzüchtervereins und direkt daneben die „Aldeia Columbófila“, eine kleine Taubenhaus-Stadt. Bis Ende der 1990er Jahre lagen die aus Blech, Holz und Plastik zusammengebauten Taubenschläge an der Nordeinfahrt der Stadt und boten eine nicht unbedingt schöne Ansicht direkt neben dem Naturschutzgebiet Reserva Natural do Sapal de Castro Marim e de Vila Real de Santo António (s. ESA 11/16). Nun stehen die einheitlichen, hölzernen Häuschen im Pinienwald und bieten Vorbeigehenden die Möglichkeit, die Haustauben bei ihren Flugkünsten zu beobachten. Wer nicht nur die Haustauben, sondern auch die Kiefern hier genauer betrachtet, wird feststellen, dass nicht nur im sogenannten „Krummen Wald“ nahe der Gemeinde Gryfino im Nordwesten Polens die Stämme der Kiefern umgeknickt wachsen. Auch hier weisen die Stämme faszinierende Formen auf.

Kurz darauf biegen wir dem Wegweiser folgend rechts in den Pinienwald ein in Richtung Monte Gordo. Das Forstgebiet Mata Nacional das Dunas Litorais erstreckt sich drei Kilometer entlang der Küste zwischen Vila Real und der Tourismushochburg der Ostalgarve und nimmt eine Fläche von 434 Hektar ein. Die Waldfläche wurde dem Staat 1886 übergeben, das offizielle Dokument, mit dem sie gleichzeitig zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, stammt aus dem Jahr 1902. Das Gebiet ist ein wichtiges Ökosystem, das die Dünenlandschaft und den Wald aus Mittelmeer- und Seekiefer einschließt, und ist Teil des europäischen Schutzgebietnetzes Natura 2000. Inmitten der Pinien, die dabei helfen, die Dünen zu fixieren, wachsen Pflanzen aus der Gattung des Stechginsters, wie der Tojo-do-Sul und die Retama, und Mastixsträucher sowie Opuntia ficus indica aus der Familie der Kakteengewächse, die beachtliche Größen erreichen und kuriose Formen annehmen. Der Wald ist Lebensraum für Vögel wie die Blaumeise, der Wiedehopf und die Grauammer.

Doch der wichtigste Bewohner ist das kleine Reptil, nach dem die Wanderroute benannt wurde, und das in Portugal nur in der Algarve die idealen klimatischen und ökologischen Bedingungen findet. Das Chamäleon soll Anfang des 20. Jahrhunderts von der marokkanischen Atlantikküste hier eingeführt worden sein. Aktuelle Studien unterstützen diese Theorie, da das Chamäleon aus Vila Real genetisch identisch mit den Artgenossen aus der marokkanischen Provinz Essaouira ist. Die Einführung könnte jedoch auch schon im 17. Jahrhundert geschehen sein, da die Portugiesen bereits damals regen Handel mit Nordafrika trieben, vor allem mit der Hafenstadt Essaouira.
Das Chamäleon kommt in der Algarve in der Gegend von Armação de Pêra, zwischen Quarteira und Faro, zwischen Olhão und Tavira (vor allem auf den vorgelagerten Inseln des Parque Natural da Ria Formosa) und zwischen Cabanas (Tavira) und Vila Real de Santo António vor. Es kann auch in anderen Gebieten der Region, sogar weiter im Hinterland, vorkommen. Dabei handelt es sich jedoch um Exemplare, die vom Menschen dorthin gebracht wurden, so der Wissenschaftler Octávio Paulo, der seit Jahren diese Reptilien studiert. Der Wald in Vila Real ist wegen der Größe der Fläche und der vorhandenen Flora der wichtigste Lebensraum der Tiere. In anderen Gebieten der Region wurde der Lebensraum der Chamäleons zugunsten des Immobilienmarktes zerstückelt, zerstört und bebaut.
Das zirka 30 Zentimeter große Chamäleon kann auf Büschen wie der Ginsterart Retama gesehen werden sowie auf Seekiefern und Kakteen. Doch um eines zu erblicken, bedarf es viel Aufmerksamkeit, Geduld und Glück, schließlich handelt es sich um den König der Tarnung in der Tierwelt. Sollte man doch eins entdecken, gilt: nicht anfassen und vor allem nicht mitnehmen! Es handelt sich um eine gefährdete Art.

Unübersehbar sind hingegen die vielen Athleten aus Nordeuropa, die zu dieser Jahreszeit ihr Trainingslager im sonnigen Süden aufschlagen, denn in Vila Real befindet sich eines der größten und von der Internationalen Leichtathletik-Föderation IAAF anerkannten Hochleistungs-Trainingszentren Europas. Der Bau des Complexo Desportivo de Vila Real de Santo António, der in den 1990er begann und 2004 abgeschlossen wurde, hat die Dynamik der Stadt und den Tourismus im Bezirk revolutioniert. Dank der Athleten erfreuen sich lokale Hotels in der Nebensaison genauso hoher Auslastung wie im Hochsommer, und im Wald geht es seitdem etwas schneller und internationaler zu als zuvor.
International bevölkert ist auch der Campingplatz von Monte Gordo, entlang dessen Zaun wir nun Richtung Strand laufen. Im Mai 1957 eröffnet, wurde er im Laufe der Jahre zu einem zweiten Zuhause für viele Portugiesen, vor allem aus Beja und Barreiro. Jahr für Jahr verbringen sie hier ihren Sommer, sind hier aufgewachsen und kommen mittlerweile mit der eigenen Familie. Die Pläne des Rathauses, den Campingplatz an das Westende von Monte Gordo zu verlegen, damit dort, wo er sich nun befindet, eine Ferienanlage gebaut werden kann, betrachten sie genau so kritisch wie die lokale Bevölkerung und Naturschutzverbände. Letztere kritisieren, dass mit dem Bau des neuen Campingplatzes ein weiterer Teil des Pinienwaldes zerstört werde, „lediglich um finanziellen Interessen des Rathauses zu dienen.“
Finanzielle Interessen sollen auch hinter dem Bau des Hotels direkt auf den Dünen neben der Picknickanlage an der Osteinfahrt von Monte Gordo gestanden haben. Das Hotel befindet sich auf ehemaligen öffentlichen Grundstücken und innerhalb des im regionalen Raum-ordnungsplan vorgesehenen Sicherheitsstreifens, in dem Bauverbot gilt. Der Bau des Hotels war daher sehr umstritten.

All dies ist bei einem Abstecher zur Praia do Coelho schnell vergessen. Der feinsandige, weiße Strand erscheint endlos, seine Dünen imposant. Auf ihnen wachsen Stranddisteln, -rauken und -hafer sowie die Strand-Filzblume cordeiro-da-praia (Otanthus maritimus) aus der Pflanzenfamilie der Korbblütler, und tomilho-carnudo, eine Thymianart, die nur im Süden Portugals vorkommt. Wer nun Lust auf einen Strandspaziergang hat, kann gen Osten bis zum Strand von Vila Real laufen und dort der asphaltierten schmalen Straße durch den Pinienwald zurück zum Startpunkt folgen.
Wir entscheiden uns für den Pinienwald und nehmen den breiten Schotterweg, der gegenüber der Picknickanlage erneut in den Mata Nacional und zurück nach Vila Real führt und folgen stets dem meist benutzten Pfad. Schließlich kommen wir zum „Caminho dos três Pauzinhos“, einer schmalen asphaltierten Straße, die 1,2 km quer durch den Pinienwald bis zum Parkplatz am Strand von Vila Real führt. Der Bau dieser Straße war ebenfalls sehr umstritten, da viele Pinien gefällt wurden. Schließlich wurde sie im August 2006 bei Anwesenheit des Umweltministers eingeweiht. Die 125.000 Euro teure Straße dient ausschließlich einer kleinen Touristenbahn, die Badegäste zum Strand bringt. Zu Beginn war die Fahrt kostenlos, mittlerweile sind zirka zwei Euro fällig. Natürlich dürfen auch Fußgänger und Radfahrer die Straße nutzen.
Wir folgen der Straße einige Meter bis zur Hauptstraße, gehen dann Richtung Westen bis zum Kreisel und biegen dort rechts zum Startpunkt an der „Aldeia Columbófila“ ab. Wer nicht an der stark -befahrenen Straße entlanggehen will, kann schon früher im Pinienwald einen Pfad Richtung Norden nehmen.

Text: Anabela Gaspar
ESA 02/2017

Anfahrt
Über die A22/EN 122: Ausfahrt Vila Real/Castro Marim nehmen; der EN 122 über Castro Marim bis VRSA folgen, am Kreisel an der Nordeinfahrt geradeaus fahren, am nächsten Kreisel, zirka 500 Meter nach Lidl, liegt die „Aldeia Columbófila“ auf der rechten Straßenseite.
Über die EN 125: Am großen Kreisel an der Einfahrt zu VRSA, rechts zu Lidl und zirka 500 Meter weiter rechts zur „Aldeia Columbófila“ abbiegen.

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