Die Marmorroute

Wege auf einer geologischen Schatzinsel

Der älteste Beleg für die Verwendung von Marmor aus dem Alentejo ist ein Grabstein aus der Nähe von Alandroal, den der karthagische Feldherr Maharbal vor 2.250 Jahren auf seinem Zug von Faro nach Elvas anfertigen ließ. Heute erlauben die Marmorbrüche der Region gleichsam wie ein geöffnetes Fenster den Blick in die Erdgeschichte. Eine touristisch erschlossene Route führt durch Landschaft und Industriehistorie

Endlos ist die Landschaft dieser Erde. Soviel an anderem auch fehlen mochte, an ihr war niemals Mangel, ein Überfluss, der nur als rastlos wirkendes Wunder zu erklären ist, war doch die Landschaft ohne Zweifel vor dem Menschen, und doch ist sie vom langen Sein noch nicht erschöpft.“ Mit diesen Worten beginnt der Roman ‘Hoffnung im Alentejo’, den Portugals Literatur-Nobelpreisträger José Saramago über die Region schrieb, die mehr als jeder andere Landesteil mit dem verbunden ist, was auf und aus der Erde entsteht. Nicht nur Kork, Oliven und Wein. Auch Stein. Marmor. Der feste, polierfähige Kalkstein aus den Mineralen Aragonit, Dolomit und Kalzit aus dem Erd-altertum vor rund 400 Millionen Jahren ruht in einem rund 42 x 8 km großen geologischen Sattel, der sich vom Gebiet um die Ortschaften Sousel und Estremoz im Nordwesten in elliptischer Form entlang der Ausläufer der Serra de Ossa über Borba und Vila Viçosa bis Alandroal im Südosten erstreckt.
Auf der Rota Tons de Mármore, der ‘Route in den Farben des Marmors’ kann man dieses Universum entdecken, die Industriegeschichte der Region kennenlernen und dabei Landschaft, Kultur und Kulinarik genießen. Dreizehn Steinbrüche (darunter ein unterirdischer in Vila Viçosa), verarbeitende Betriebe, Künstlerateliers und eine Werkstatt, die Marmorverzierungen historischer Bauten restauriert sind Teil der Route. Geologen und Landschaftsarchitekten führen die Besucher auf den Touren, die in Längen von einem halben bis zu drei Tagen Dauer angeboten werden. Wer die steinerne Welt individuell erleben möchte, kann weite Teile des Marmorgebiets mit dem Auto oder Fahrrad über Nebenstraßen erkunden, die die Orte verbinden, und auf ausgewiesenen Wanderpfaden der Serra de Ossa spazieren.
Jetzt, nach ungewöhnlich kühlen Wochen, ist der Alentejo zwischen knorrigen Bäumen, Wein, sanften Hügeln und weiten Feldern bunt wie eine Blümchen-tapete, was den Ausflug landschaftlich besonders reizvoll macht. Dort, wo das steinerne Gold der Region gefördert wird, wirkt die Postkartenlandschaft wie von einer gewaltigen Geisterhand aufgerissen, bis zu 150 Meter tief. Etwa fünfhundert Steinbrüche gibt es in der Gegend. Die meisten sind stillgelegt. Heute wird an etwa achtzig Orten Marmor gefördert, knapp 400.000 Tonnen pro Jahr. Die Marmorvorkommen im Alentejo sind gewaltig: Das Felsgestein könnte noch 500 Jahre lang abgebaut werden. Nur ein knappes Drittel der Lagerstätten ist industriell erschlossen. Weiß und cremefarben schimmert das Gestein, aber auch schwarz, grau und rosa, es gibt auch einen grünlichen Stein.
Seit über zweitausend Jahren ziehen Hacken und Sägen tiefe Furchen in die Landschaft. Einst wurden die Marmorblöcke in Handarbeit geschlagen und auf Holzrollen und Viehkarren transportiert. Bei einem großen Quader dauerte es Monate, bis er aus dem Fels gelöst war und weitere Wochen, bis er an seinen Bestimmungsort gelangte, zum Beispiel nach Évora: Der Sockel des römischen Tempels aus dem ersten Jahrhundert wie auch die mittelalterliche Kathedrale, beides Wahrzeichen der Stadt, wurden mit heimischem Marmor gebaut. Ebenso viele andere Monumente, die zum Teil längst verschwunden sind: In der Spätantike, als die christliche Religion sich verbreitete, endeten viele Marmorstatuen, die Göttern und Herrschern des zer-brochenen Römischen Reichs gewidmet waren, in Kalköfen. So entstand der Mörtel für den Bau der Symbole der neuen Zeit.

Marmor aus dem Alentejo ist weltweit geschätzt: Portugiesische Kolonialherren ließen ihn für Prunkbauten nach Afrika, Indien und Brasilien bringen. Ludwig XIV., Frankreichs Sonnenkönig, orderte den Stein für den Bau seines Schlosses in Versailles. Heute ist Alentejo-Marmor in den Park Kolonnaden am Potsdamer Platz in Berlin ebenso präsent wie in der japanischen Staatsbank und beim Wiederaufbau kriegszerstörter Paläste im Irak.
Wer die Marmorbrüche besucht, sieht wuchtige Steinbrocken, die durch Sprengungen aus dem Berg gebrochen wurden und Schwertransporter, Bagger und Raupen unterwegs auf den Abbauterrassen. Die Arbeit im Tagebau ist aufwendig und gefahrvoll. Zunächst werden Löcher in den Fels gebohrt und Spalten gesägt, durch die dann mit Diamanten besetzte Stahltrossen rotieren. Die oft haushohen Marmorblöcke werden mit Lösekissen unter Luftdruck aus der Felswand geschoben, in kleinere Teile zerlegt und zur Weiterverarbeitung gebracht. Um die Steinmasse für den Lkw-Transport zu sichern, ist Erfahrung nötig, schließlich wiegt ein Kubikmeter etwa 2,8 Tonnen.
Technische Daten wie Festigkeit, Schleifbarkeit und die Seltenheit der Sorte bestimmen den Preis des Marmors. Auch die Architektur-Mode beeinflusst, welcher Stein gerade gefragt ist. Rund um die Marmorbrüche haben sich verarbeitende Betriebe angesiedelt, denn alles, was aus dem Bauch der Erde kommt, hat einen Nutzen: Gesteinsabfall lässt sich zu Marmorpulver zermahlen und dieses wieder in Platten pressen. Marmorstückchen werden so bearbeitet, dass aus ihnen Bodenbeläge hergestellt werden. Der Kleinstabfall ist in der Chemieindustrie und für Kosmetik und Pharmazeutika ein gefragter Rohstoff.
Die Marmorstädte sind eine Schatzkammer der Geschichte: Alandroal lockt mit einem denkmal-geschützten Ortskern und besonders vielen historischen Architektur-Kleinoden. Die Burg des Ortes und die nahe gelegenen Castelos Juromenha und Terena bieten wunderbare Panoramen. Die Stadt Borba ist als Wein-Mekka bekannt und hat doch so viel mehr zu bieten. Emblematisch ist der Marmorbrunnen Fonte das Bicas aus dem Jahr 1781. Die Bevölkerung versorgte sich sittenstreng geteilt an drei Wasserausläufen: für Unverheiratete, Verheiratete und Verwitwete. Ein Labyrinth aus kleinen Säulen und Streben hielt Tiere von der Tränke fern. Estremoz ist ein Freilichtmuseum der Landesgeschichte und vermutlich die Stadt in Portugal, die von der Reconquista bis zur napoleonischen Besatzung am häufigsten Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen war. Im Mittelalter befand sich hier Portugals wichtigste Getreidebörse.
Auch das Zentrum von Sousel steht unter Denkmalschutz. Der Ort besticht mit historischen Herrenhäusern, die den alten Reichtum der Marmorindustrie bezeugen. In Vila Viçosa steht das regionale Marmor-Museum. Die Stadt war seit 1500 die Residenz der Herzöge von Bragança, die sich eine (marmor-)reiche Architektur leisteten. Die lokale Küche rühmt sich einer Besonderheit: Über Jahrhunderte beherbergte die Stadt den Adel aus aller Herren Länder als Gäste der Herzöge und die Wirte lernten das eine oder andere fremdländische Küchengeheimnis, was die lokale Gastronomie bis heute prägt. Vila Viçosa bietet außerdem die thematisch passende Unterkunft für eine Reise auf der Marmorroute: Das Alentejo Marmòris Hotel & Spa (www.alentejomarmoris.com) hat sein gesamtes Interieur dem edlen Stein gewidmet. Die Architektin Ana Cristina Duarte betrachtet die Marmorkulisse aus einer langfristigen Perspektive. Mit ihrem Projekt zur Umwandlung eines stillgelegten Steinbruchs gewann sie 2015 den Preis der Biennale Archiprix: In „effizientem Land-Management“ sollen Künstlerdörfer gemeinsam mit der Natur wachsen, denn „bei aller Faszination für Marmor darf nicht vergessen werden, dass die Steinbrüche einen massiven Eingriff in die Umwelt darstellen.“ Bis sich hier wieder ein grüner Teppich ausbreitet und Tier- und Pflanzenarten erneut gedeihen, vergehen Generationen. „Die menschliche Intervention hat dieser Gegend eine Bedeutung und einen Namen gegeben. Die Zukunft soll einer Symbiose aus Kunst und Natur gehören“ und der Lebensraum aus zweiter Hand als flächenhaftes Naturdenkmal geschützt werden.

Marmor „lehrt uns, was Ewigkeit bedeutet. Ein Mensch erlebt nur einen unbedeutend kleinen Teil dieser Zeit. Beides möchte ich in meinen Arbeiten ausdrücken“, sagt der Bildhauer César Valério aus Vila Viçosa, der sein Arbeitsmaterial persönlich in den Steinbrüchen aussucht. Er wuchs mit dem Marmor auf; sein Vater arbeitete im Tagebau, er selbst wurde Steinmetz und ist heute ein bekannter Künstler (www.cesarvalerio.net; facebook.com/arte.marmore).
Auch der britische Komponist und Dirigent Christopher Bochmann, der an der Universität Évora lehrt, verbindet Kunst und Natur, wenn er einen Steinbruch bei Viana do Alentejo in eine Konzerthalle verwandelt: Pedreira dos Sons (27. – 29.5.16; cm-vianadoalentejo.pt) bringt in einer ungewöhnlichen Kulisse mit einzigartiger akustischer Qualität Klassik zum Klingen und zeigt Theater: „Ich liebe die Steine, die Sterne und das Mondlicht, das die Blumen auf dem dunklen Wege küsst, ich liebe das tiefblaue Wasser und das Weinlaub, das die Stimmen in den Mauern versteht“, schrieb Portugals Kultdichterin Florbela Espanca, 1894 in der Marmormetropole Vila Viçosa geboren und dort auch in einem Marmorgrab beerdigt, über das Land, wo sich der Blick in der Weite verliert.

Info zur Route in den Farben des Marmors:
www.visitalentejo.pt/de/route-in-den-farben-des-marmors/routen/
www.rotatonsdemarmore.com
www.facebook.com/rotadomarmore1
Marmormuseum:
Museu do Mármore
Pedreira da Gradinha (38°47’11.47″N, 7°25’28.42″W)
Di – So (außer an Feiertagen) 9.30 h – 13 h u. 14.30 h – 18 h
http://tinyurl.com/Marmormuseum
Wanderkarten Serra de Ossa:
http://tinyurl.com/Wanderkarte-1
http://tinyurl.com/Wanderkarte-2
Konzerte, Feste und Ausstellungen in der Marmor-Region:
http://tinyurl.com/alentejo-events

Text: Henrietta Bilawer
In ESA 04/16

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