Das Riff von Armação de Pêra

Das bestgehütete Geheimnis der Algarve

Der Meeresgrund ist von oft vergessenen Reichtümern wie Seegraswiesen oder Kalkalgenbänken bedeckt. Eine der bedeutendsten Kalkalgenbänke in Europa befindet sich direkt vor Armação de Pêra. Ein Hotspot biologischer Vielfalt und ein Traum für Meeresbiologen und Taucher

Der Tourismusverband der Algarve entwickelte das Motto von „Europas bestgehütetem Geheimnis“, um die Region zu vermarkten. Die Region dürfte mittlerweile europa- und auch weltweit gut bekannt sein. Das Riff von Armação de Pêra hingegen nicht. Selbst innerhalb der Algarve ist es vielen unbekannt. Dabei handelt es sich um Portugals größtes natürliches Riff und eines der fünf besten Tauchziele des Landes.

Das Riff erstreckt sich über 12 Kilometer vom Leuchtturm von Alfanzina bei Carvoeiro bis Galé bei Albufeira. Geologischen Studien von Forschern der Universität der Algarve zufolge entstand das Riff vor zirka 30.000 Jahren, als der Meeresspiegel anstieg und die damalige Küstenlinie der Region bedeckte. Seine bis zu zwanzig Meter senkrecht abfallenden Steilhänge sind bedeckt mit einer farbenfrohen und verschiedenartigen Unterwasserflora und -fauna. Vor allem vor Armação de Pêra prunkt das Riff mit Leben und ist ein wahrer Traum für Meeresbiologen und Taucher. „Gerade hier, wo der Meeresboden flach und sandig ist, ist das Riff von besonderer biologischer Bedeutung, denn es bietet vielen Spezies einen natürlichen Schutz und ist für die frühen Entwicklungsstadien vieler Meeresorganismen wichtig“, erklärt João Silva, Meeresbiologe des Meereswissenschaftszentrums CCMAR der Universität der Algarve. 
800 Spezies können hier beobachtet werden. Von Zebra- und Seebrassen über Muräne, Meeraale, Tintenfische, Seespinnen und Langusten bis zu Seeanemonen, Seesternen, Schwämmen und Gorgonien. Zudem bieten diese Gewässer einen großen Reichtum an winzigen Lebewesen wie verschiedene Arten bunter Nacktschnecken. „Obwohl der Seegang und die Wassertemperaturen nicht so vorteilhaft sind wie in der Karibik, dem Roten Meer oder dem Mittelmeer bietet das Riff von Armação de Pêra spektakuläre Unterwasserlandschaften und ist eines der spannendsten und lohnenswertesten Tauchziele in ganz Portugal“, ist Miguel Rodrigues vom Tauchzentrum Divespot überzeugt. „Jeder einzelne Zentimeter Riff ist von Schwämmen, Algen oder Weichkorallen bedeckt.“ Das Riff ist seit 1997 seine Spielwiese, er kennt sie wie seine Westentasche. Mit fast 20-jähriger Erfahrung und einem Meeresbiologie-Studium kann Miguel einen privilegierten Einblick in diese atemberaubende Unterwasserwelt bieten. Neben den touristischen Tauchgängen begleiten Miguel und sein Team zudem regelmäßig Meeresbiologen und Forscher verschiedener Universitäten und Forschungsgruppen.

So zum Beispiel João Silva vom CCMAR, der die aus wurzellosen Kalkalgen bestehende -sogenannte Maërlbank rund um das Riff von Armação de Pêra studiert, eine der größten in Europa, sowie die Konsequenzen der Ozeanversauerung für Kalkalgen. Die Bank besteht aus den roten Kalkalgen Phymatolithon lusitanicum, eine erst Ende 2015 neu entdeckte Art, die, wie der Name verrät, vor allem rund um die Iberische Halbinsel vorkommt, und Phymatolithon calcareum, eine auf internationaler Ebene durch die Habitat-Richtlinie geschützte Art, die zuvor massiv abgebaut wurde, denn die Substanz fand reiche Verwendung zur Regulierung des Säuregehalts landwirtschaftlicher Böden. Seit 2012 ist sie nun geschützt. Einerseits, weil sie für die frühen Entwicklungsstadien vieler Meeresbewohner und somit für die aquatischen Ökosysteme insgesamt wichtig sind, andererseits, weil diese Algen zum Aufbau ihrer Skelette Kohlendioxid assimilieren und somit ein alkalisches Milieu schaffen. Doch die steigenden Kohlendioxid-Emissio-nen wirken im Meerwasser chemisch: Das Kohlendioxid reagiert mit dem Wasser und wird zu Kohlensäure, die dann das Meer saurer macht. Die Abnahme des pH-Wertes des Meerwassers führt dazu, dass die Fähigkeit kalkskelettbildender Lebewesen nachlässt, ihre Schutzhülle beziehungsweise Innenskelette zu bilden. „In Zukunft kann dies das Aussterben dieser Kalkalgen bedeuten und weitere schwerwiegende Konsequenzen für die zahlreichen von ihnen abhängigen Meeresbewohner nach sich ziehen, weil diese Arten oft die Basis der Nahrungskette in den Ozeanen bilden und, wie gesagt, vielen kleinen Organismen als Schutz dienen“, erklärt João Silva. Seit 2012 führt der Meeresbiologe Wachstums- und Verkalkungsmessungen der Kalkalgen in der Maërlbank durch sowie in der Versuchsstation des CCMAR in der Ria Formosa. Dort kultiviert João Kalkalgen unter den für das Jahr 2100 prognostizierten Bedingungen der Ozeane und beobachtet, welchen Einfluss die Wasserversauerung auf die Ablagerung von Kalk hat.

Miguel Rodrigues unterstützt ebenfalls das portugiesische Meeresinstitut IPMA, das im Riff von Armação de Pêra Jungfische aus der Zucht in Olhão aussetzt. Ziel ist es, der starken Überfischung in diesen Gewässern entgegenzuwirken, die, wie Miguel berichtet, dazu geführt habe, dass man nahe dem Riff nur noch selten große Fischschwärme entdeckt.

Die touristische Nutzung des Riffs kann hingegen sehr positiv sein, sind sich beide Meeresbiologen einig. „Sie kann dazu verhelfen, die Menschen für die Notwendigkeit zu sensibilisieren, dieses Habitat zu schützen“, so João Silva, der daher fest davon überzeugt ist, dass Wissenschaft und Tourismus zum Schutz der Ökosysteme kooperieren können. Miguel fügt hinzu, dass Taucher normalerweise sehr umweltbewusste Menschen sind, die selbst ein Interesse haben, das Ökosystem zu schützen. „Schließlich wollen sie immer wieder dort tauchen und diese einzigartige Unterwasserlandschaft genießen können.“ Anfängern gibt Miguel, neben dem von den internationalen Organisationen PADI und Scuba School International anerkannten Einführungskurs, auch eine Einführung in Meeresbiologie und ermahnt sie dazu, das Riff lediglich mit den Augen zu erkunden. Weichkoralle oder Seesterne als Souvenirs mitzubringen, kommt keineswegs in Frage!

In Tiefen zwischen 12 und 22 Metern bietet das Riff fantastische Tauchgänge für alle Erfahrungsgrade und dank dem natürlichen Schutz der Bucht von Armação de Pêra und dem Riff kann man das ganze Jahr über bequem und sicher tauchen, dabei Freiheit und Schwerelosigkeit genießen, Abenteuer und Natur erleben und das endlose Blau erkunden. Am meisten sind die Taucher von der biologischen Vielfalt beeindruckt. „Wir können eine Stunde lang ein Quadratmeter Riff beobachten und immer wieder neue Arten entdecken“, so Miguel, der darum bemüht ist, seinen Gästen vor allem die winzigen Lebewesen zu zeigen, die ansonsten übersehen werden könnten. Ein Tauchgang im Riff von Armação de Pêra ist ohne Zweifel ein unvergessliches Erlebnis und den Familienmitgliedern, die nicht tauchen, stehen andere Aktivitäten wie Schnorcheln, Stand-up-Paddle oder Kajak zur Verfügung, sodass die gesamte Familie einen erlebnisreichen Tag genießen kann.
Text: Anabela Gaspar; Fotos: Divespot
In ESA 06/16

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