Bootsfahrt in den Sonnenuntergang

Windstriche

Ganz oben auf der Beliebtheitsskala verträumter Seelen steht ein Sonnenuntergang am Meer. Das belegen Umfragen zum Thema Urlaub. Wer das nachvollziehen kann, sollte eine Küstenfahrt ins Abendrot unternehmen. Wer sich den Zauber nicht vorstellen kann, sollte es erst recht tun

Zugegeben, die Überschrift ist nicht von mir. Windstriche. Das habe ich bei Paul Valéry abgeschaut. Von Aufzeichnungen des französischen Literaten, die er in Anlehnung an die Linien auf der Windrose als „Abweichungen von einer bestimmten, von meinem Geiste bevorzugten Richtung“ bezeichnet. So wird es mir heute ergehen, denke ich, als ich an diesem Nachmittag an Bord des Katamarans Mara gehe, in Abweichung der von mir favorisierten Route: Ich bin eine Landratte und betrachte das Meer gerne von der Küste aus. Ja, ich schwimme und tauche gerne und liebe die See, seit ich ein kleines Kind war. Das Meer ist mein Freund. Aber Schiffen konnte ich nie etwas abgewinnen. Bei diesem Trip in den Sonnenuntergang erkenne ich, was ich bisher verpasst habe. Doch der Reihe nach.
Treffpunkt ist die Marina von Albufeira, Anlegestelle H; immerhin der Anfangsbuchstabe meines Namens. Nebenan und rundherum ist es geschäftig: Motorboote, Tauchboote, Ausflugsschiffe sind unterwegs. Fischerboote sehe ich nicht. Die Mara bietet Platz für gut sechzig Passagiere. Heute ist das Schiff nicht vollbesetzt, aber es ist geräumig und ich bin sicher: Auch bei vollständiger Auslastung geht’s hier beschaulich zu. Die Mara hat den Yachthafen hinter sich gelassen und nimmt Kurs nach Westen. Die Fahrt wird uns entlang der Bilderbuchküste führen, vom Touristenmekka Albufeira in Richtung Carvoeiro. Die Schönheiten dieser Strecke kenne ich von vielen Klippenwanderungen. Von der Seeseite her wird sich ein ganz besonders schönes Panorama auftun.

Unsere Fahrt heißt „Sonnenuntergangs-Kreuzfahrt“ und während das Licht des Fixsterns schwächer wird, bis es hinter dem Horizont verlöscht, schimmern die Felsen in einem Wechselspiel der Farben. Kalksandstein, von Atlantikwind und salzigen Wellen in Äonen bizarr geschliffen – so steht es in Reisebüchern. Hier werden die Dimensionen deutlich und manchmal sind sie zum Greifen nah. Das Gestein leuchtet je nach Licht und Schatten mal terrakottafarben, mal braun, mal golden oder blassgelb mit dunkleren Flecken. Das erinnert mich an Bernstein, von dem die Legende erzählt, seine Einschlüsse seien kleine Stückchen von der Sonne. Oben an der zerklüfteten Abbruchkante zieht sich immer wieder tiefgrüne Vegetation über die Felsenlandschaft: Agaven, Rhododendren, Pinien, Hibiskus, Wacholderbüsche, Mastixsträucher. Der Wind biegt die Bäume hier nicht so unnachgiebig in seine Richtung wie an der Westküste. Auf der Höhe gedeiht ein Garten.
Eine leichte Brise weht von Westen, ich sitze am Bug des Katamarans auf dem Netz, das bei diesem Bootstyp ‘Trampolin heißt. Unter mir die See, über mir ein paar Möwen. Ich werde zur Touristin in meiner Wahlheimat. Es ist ruhig an Bord, die Besatzung verzichtet wohltuenderweise darauf, die Passagiere mit Musik zu beschallen. So hört man das Plätschern der Wellen und das Rauschen der Brandung. Die Mitreisenden werden still, denn vor unseren Augen läuft ein Naturfilm ab, den es so kein zweites Mal geben wird: Am folgenden Tag wird die Sonne schon ein wenig früher untergehen, vielleicht sind dann Wölkchen am Himmel und der Ozean zeigt nicht immer dasselbe Blau. Das bedeutet, die Felsen, die Buchten und die Strände, die wir passieren, sind zwar Symbole der Ewigkeit, aber dennoch präsentieren sie sich ständig buchstäblich in einem anderen Licht. Ich denke an den Dichter Valéry: Der Verstand streicht die Segel, jetzt gibt sich der Reisende nur noch seinen Eindrücken hin.

Wir schippern vorbei an vielen kleinen Sandstränden, eingebettet in die zerklüftete Felsenlandschaft, an einigen Stellen sind die Buchten weiter geöffnet und die Areale größer. Und manche dieser Kleinode sind nur vom Wasser her zu erreichen. Die Hauptsaison ist vorbei, die verbliebenen Herbst-Touristen lassen die Strände nahezu leer erscheinen. Die Mara fährt vorbei an São Rafael, den Stränden Castelo und Evaristo, an Galé in Richtung Armação de Pêra. Aus der Ferne haben sogar dicht bebaute Küstenstreifen etwas Pittoreskes. Das weite Areal von Salgados liegt am Weg, ein schöner Blick auf das Naturschutzgebiet: Zuerst der Strand, dahinter die Lagune, die Salzmarsch und dann – Vögel fliegen auf, Schwärme gefiederter Lagunenbewohner. Sind sie schon auf dem Weg nach Afrika, weil es im Norden Herbst wird? Hier jedenfalls harrt der Sommer aus; ein fantastischer, warmer Abend. Ich schaue hinaus aufs Meer und zurück aufs Land. Nichts ist jetzt weiter weg als der Alltag.
Das Meer ist ruhig und so kann die Mara zwischen der Praia da Marinha und Benagil in die Tiefe der stillen Grotten hineinfahren, die die Jahrtausende in den Fels gegraben haben und deren Inneres wie eine steinerne Kuppel wirkt. Darunter feine kleine Sandstrände und im Gestein entdecke ich hier und da Fossiles. Der Skipper fühlt sich hier wie in seinem Wohnzimmer. Wo heute die See-Ausflügler die Natur bestaunen, trieben einst Piraten ihr Unwesen. Fischerdörfer waren besonders häufig Opfer der Beutezüge, denn die zahlreichen Felsengrotten in dieser Gegend boten den Freibeutern Unterschlupf. Ein gewisser D. Pedro da Cunha soll die Küste vor fünfhundert Jahren von den übelsten Zeitgenossen befreit haben. Das war bei einer Schlacht vor Carvoeiro, dem Wendepunkt für die Mara, die nun die Rückfahrt antritt.
Zeit, unter die Leute zu gehen. Ich habe meinen Platz auf dem Trampolin geräumt, an der Bord-Bar einen frischen Saft geholt, setze mich auf eine bequeme Bank unter dem Sonnendach und unterhalte mich. Die Mitglieder der Crew sind sehr auskunftsfreudig, egal ob es um die Technik des Katamarans geht oder um die Landschaft, an der das Schiff vorbeigleitet.

Die Abenddämmerung mit ihrem Spiel aus Schimmer und Farben begeistert alle an Bord. Es sieht für einen Moment lang so aus, als stünde die Sonne als Scheibe auf dem Horizont. Der Sonnenuntergang gilt in einigen Kulturen als Tagesbeginn und Legionen von Dichtern haben das Abendrot mit allen erdenklichen Metaphern belegt. Jemand sagt, er werde das nicht fotografieren, denn von diesen Farben würden die Freunde daheim sagen, sie kämen aus dem Photoshop.
Das Wasser ist jetzt dunkler als bei unserer Abfahrt vor gut drei Stunden, der Sand goldener. Plötzlich scheint der Himmel nach unten gerutscht, sodass man ihn nicht mehr vom Meer unterscheiden kann. Das Ende der Fahrt kommt näher, das Bunt der Bauten an der Marina von Albufeira wirkt wohltuend matt im verlöschenden Tageslicht. Wir legen an, verabschieden uns wortkarger als es die Crew verdient hätte, aber jeder hängt seinen Erinnerungen nach. Paul Valery schrieb, am Meer fänden wir „angerissene Gedanken, Fetzen von Gedichten, Schattenbilder von Taten und Hoffnungen.“ Nach dieser Küstentour verstehe ich, was er meinte. Ich hänge diesen angerissenen Gedanken auch jetzt nach, während ich dies aufschreibe.

Info
Algarve Charters
Marina de Albufeira, Cais H
Tel. 289 314 867 / 916 606 184
info@algarvecharters.com
www.algarvecharters.com

Sonnenuntergang-Kreuzfahrten finden bis Ende September täglich ab 17 h statt. Danach werden diese und andere Schiffstouren wetterabhängig veranstaltet.

Text: Henrietta Bilawer
ESA 09/15

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