Auf den Spuren des Iberischen Luchses

Zwischen den Stauseen

In diesem Monat findet ein Langstreckenlauf in der Region statt, dessen Einnahmen dem Schutz des Iberischen Luchses dienen. ESA machte einen kleinen Ausflug nahe der Aufzuchtstation dieser Raubkatze bei Silves, der schöne Ausblicke über die Stauseen Arade und Funcho bietet

Als Ausgleichsmaßnahme für die Umweltschäden beim Bau des Staudamms von Odelouca wurde im Mai 2009 die nationale Aufzuchtstation des Iberischen Luchses in der Herdade das Santinhas nahe Vale Fuzeiros bei Silves eingerichtet. Seitdem kamen dort 85 Luchse auf die Welt; 62 überlebten. 44 Katzen konnten erfolgreich ausgewildert werden, die meisten in Spanien, aber auch im Naturpark Vale do Guadiana in der Ostalgarve. Derzeit leben 32 Tiere in der Aufzuchtstation, dessen Direktor Rodrigo Serra sehr stolz auf die Ergebnisse ist. „Unser Projekt zum Schutz eines der am meisten gefährdeten Tiere der Welt ist ein enormer Erfolg, der auf internationaler Ebene anerkannt ist und als beispielhaft gilt.“ Zu den denkwürdigsten Momenten zählt der 41-jährige Tierarzt das Eintreffen des Weibchens Azahar im Zentrum im Jahr 2009. „Es war die Rückkehr des Iberischen Luchses nach Portugal, nachdem diese Kleinkatze hier seit Jahrzehnten nicht gesehen worden war“, so Serra. Weitere glückliche Ereignisse waren die Auswilderung des ersten Pardelluchses in Portugal nahe Mértola, die Geburten der ersten Würfe in der Aufzuchtstation und die erste Geburt im Freien im Vale do Guadiana im Mai dieses Jahres.
Für Schlagzeilen sorgte auch Khan. Das Männchen, das im Zentrum in Silves zur Welt kam und im November 2014 im spanischen Castilla – La Mancha in die freie Natur ausgewildert worden war, fand den Weg nach Portugal und in die Algarve zurück und wurde schließlich im September 2015 in Silves registriert. Leider gab es auch Negatives zu verzeichnen: Im März 2015 wurde – nur einen Monat nach ihrer Auswilderung – Kayakweru bei Mértola tot aufgefunden. Das Weibchen wurde vergiftet.
Ironie des Schicksals ist, dass die Aufzuchtstation praktisch zwischen zwei Stauseen liegt, denn deren Flutungen trugen zur Zerstörung des Lebensraums des Iberischen Luchses bei. Weitere Ursachen, die dazu führten, dass der Iberische Luchs heute zu den am stärksten bedrohten Wildkatzen der Welt zählt, sind der Bau von Schnellstraßen, die den Lebensraum der Luchse durchschnitten, intensive Landwirtschaft sowie die Umwandlung von Korkeichenhainen zu Eukalyptusplantagen. Durch den Landverlust konnten die einzelnen Luchspopulationen sich auch nicht mehr richtig durchmischen. Die Folgen waren Inzucht und Erbgutdefekte. Hinzu kam, dass diese Wildkatze auch noch ihr Hauptbeutetier, das Wildkaninchen, verlor. Dessen Population wurde unter anderem durch Epidemien stark dezimiert.
In den letzten Jahren arbeiten die portugiesische und die spanische Regierung zusammen, um den Iberischen Luchs vom Aussterben zu retten. Die in den drei spanischen Zentren und in Silves gezüchteten Luchse werden vor allem in Naturschutzgebieten in Spanien ausgewildert. In der Algarve sind die nötigen Bedingungen noch nicht vorhanden. Einerseits mangelt es an Wildkaninchen, andererseits an großflächigen Lebensräumen. Doch mögliche Rückzugsgebiete in der Algarve und im Alentejo sind bereits identifiziert.
Die Aufzuchtstation in Silves kann nicht besucht werden, schließlich sollen die Tiere, um später erfolgreich ausgewildert werden zu können, so wenig Kontakt wie möglich zu Menschen haben. Im Rahmen der Route „No Caminho do Lince Ibérico“, ein Projekt des Naturschutzinstituts ICNF in Zusammenarbeit mit den Rathäusern von Monchique und Silves und dem regionalen Wasserversorgungsunternehmen Águas do Algarve, wurde jedoch westlich der Aufzuchtstation eine Beobachtungsstelle gebaut, die unser heutiges Ziel ist.

Der Ausflug führt zum Teil mit dem Auto, zum Teil zu Fuß durch die grüne Hügellandschaft von Silves. Von der ehemaligen Hauptstadt des al-Gharb in der Zeit der Maurenherrschaft in Richtung São Bartolomeu de Messines auf der EN 124 biegen wir nach knapp sechs Kilometern links zum Stausee (Barragem) und nach Vale Fuzeiros ab. Einen Kilometer weiter kommen wir an eine Gabelung, die rechts zu den Ortschaften Gregórios und Canhestros führt. Wir fahren links und folgen der Hauptstraße weitere zwei Kilometer, bevor wir links den Hang zur Staumauer des Arade-Damms hinauffahren. Eine große steinerne Säule erinnert daran, dass die Barragem do Arade 1955 während der Salazar-Dikatur fertiggestellt wurde. Im Vergleich zum Odelouca- oder zum Odeleite-Staudamm ist dieser recht klein, dennoch ein beachtliches Bauwerk.

Wir fahren über die Staumauer und folgen der schmalen Straße entlang des Wasserreservoirs. 500 Meter weiter erreichen wir eine Gabelung, an der jegliche Hinweisschilder fehlen. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass es rechts zurück zum Damm geht und links weiter nach Vale Fuzeiros. Wir erreichen die kleine Ortschaft nach weiteren 2,5 Kilometern und biegen dem Schild „Barragem“ folgend im Ort links ab. Kurz darauf werden Passanten durch ein rechts von der Straße stehendes Schild mit der Abbildung eines Pardelluchses auf dem „Caminho do Lince Ibérico“ begrüßt. Die Strecke ist kaum befahren und eröffnet immer wieder schöne Ausblicke auf die umliegende Hügellandschaft. Das Einzige, was stört, sind die Hochspannungskabel, die hier und da den blauen Himmel durchschneiden.
Zirka fünf Kilometer hinter Vale Fuzeiros geht es rechts ab zur 1993 fertiggestellten und 200 Quadratkilometer großen Barragem do Funcho; diese Talsperre dient hauptsächlich der Bewässerung der Landwirtschaft. Die knapp einen Kilometer lange Sackgasse bietet inmitten der Pinien und Medronho-Sträuchern am Wegesrand einige schöne Ausblicke auf den großen blauen Wasserspiegel.
Zurück auf der Hauptstraße fahren wir zirka 550 Meter weiter. Am linken Straßenrand entdecken wir erneut ein Schild der Luchs-Route. Wir nehmen den schmalen Schotterweg und stellen das Auto kurz darauf ab. Von hier geht es zu Fuß bis zum Beobachtungsposten, der im Dezember 2014 eröffnet wurde und Teil eines größeren Projektes ist. Zu diesem gehören auch ein 45 Kilometer langer Rundweg von der Burg von Silves zur Beobachtungsstelle des Luchses und zurück, sowie ein Interpretationszentrum rund um den Luchs in Silves. Ebenfalls geplant ist ein Zoo, in dem Wildkatzen ein neues Zuhause finden und besucht werden können, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht ausgewildert werden können und auch nicht der Fortpflanzung dienen. Ein Teil der Informationen, die später im Informationszentrum untergebracht werden sollen, können bis Ende des Jahres in der Burg in Silves bei der Ausstellung „No Caminho do Lince Ibérico“ gesehen werden (täglich 9 h – 17 h).
Entlang der wenigen Meter bis zur blau-grün angestrichenen Beobachtungsstelle geben Holztafeln Informationen bezüglich der Bestände, des Lebensraums und der Ernährung der Luchse. Schließlich können Naturfreunde mit Hilfe eines Fernrohrs die Raubkatzen im Zentrum aus der Ferne beobachten. Etwas Geduld gehört sicher dazu, aber wenn man dann die geschmeidigen Wildkatzen entdeckt, hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Zuletzt folgen wir dem Schotterweg hinter der Beobachtungsstelle, der am mit Lackzistrosen bewachsenen Hang entlang führt. Am Wegesrand schießen junge Eukalyptusbäume in den Himmel. Ihr intensiver Duft vermischt sich mit dem harzigen Aroma der Lackzistrosen. Wir sind nun an der Nordseite der Barragem do Arade und erblicken kurz darauf am anderen Ufer die Staumauer, über die wir zu Beginn des Ausfluges gefahren sind.
Einen Iberischen Luchs in freier Wildbahn haben wir während des Ausfluges nicht getroffen. Bis der Wildkatze die Reconquista gelingt, dürfte es auch noch einige Jahrzehnte dauern. Dennoch sind die Bemühungen der Regierungen der Iberischen Nachbarländer, vor allem der Tierärzte und Betreuer der Aufzuchtstationen beider Länder, lobenswert.

Text: Anabela Gaspar
Foto: ICNF
ESA 10/16

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