Safari durch die Serra do Caldeirão

Die Hügel, Täler und Flussläufe zwischen São Brás de Alportel und Tavira, die Grenze zwischen Barrocal und Serra, sind uraltes Kulturland und eine der imponierendsten Landschaften der Algarve

Fällt das Wort Safari, denkt man sogleich an Hemingway, Kenia, exotische Tiere wie Kaffernbüffel, Leoparden, Löwen und Elefanten. In Kiswahili, einer ostafrikanischen Bantu-Sprache bedeutet diese Vokabel, aus dem Arabischen übernommen, nichts anderes als Reise. In der Algarve gibt es diese Art der Fortbewegung meist in Form von Jeep-Safaris, bei denen eine buntfröhliche Touristen-Gruppe auf Allrad-Fahrzeuge verteilt das Hinterland von Albufeira, Portimão oder Lagos während einer Tagestour unsicher machen. Dass es auch anders geht, zeigt William Edelman hin und wieder guten Freunden und Verwandten, wenn sie ihn besuchen. Mit 14 hat er sein streng calvinistisches Elternhaus verlassen, sich bis nach Ägypten durchgeschlagen und lebte dort viele Jahre bei einem BeduinenStamm in der Sinaiwüste. Die Zeiten sind vorbei, jetzt steht er die meiste Zeit hinterm Tresen seines Cafés in der Nähe von Moncarapacho, es sei denn er folgt dem Ruf der Wildnis und dem Drang zur Freiheit, wenn auch nur für ein paar Stunden, so wie neulich, als er ein paar niederländischen und deutschen Gästen die Schönheit der Serra do Caldeirão zeigte. Im Mai, der wohl beste Zeitraum für Exkursionen dieser Art, überzieht ein vielfarbiger Blütenteppich aus Zistrosen, Ginster, Heidekraut, wilden Pistazien und Orchideen die Karsthügel und stillen Täler der Ribeira de Asseca. Geologisch betrachtet ist die gesamte Region äußerst interessant, stoßen doch hier zwei Lithosphärenplatten aufeinander ­ die eurasische und die afrikanische Kontinentalplatte. Diese Platten sind nicht nur gewaltig, sondern auch sehr dynamisch und verursachen Vulkanausbrüche, See- und Erdbeben, zuletzt im Dezember 2009. Da befand sich das Epizentrum im Atlantik südlich von Faro und erreichte den Wert 6,1 auf der Richterskala. ,,Keine Bange, so ein gewaltiges Beben wie 1755 wird es mit großer Wahrscheinlichkeit erst wieder 3760 geben, doch das dürfte keiner von uns mehr erleben”, schmunzelt William und lenkt den dreißig Jahre alten Nissan Patrol durch das Flussbett des Asseca zu den Versickerungen und Miniatur-Wasserfällen von Cascatas Moinhos da Rocha. Reste eines Schmelztiegels und gemauerte Wasserleitungen deuten auf eine römische Besiedelung. Die Gegend ist sehr fruchtbar, ganz anders als die eruptiven Massive der Serra aus schiefrigem Verwitterungsgestein. Eine Verwerfungslinie verläuft bei Santa Catarina und trennt Granit, Sandstein und Tonschiefer, was man an Hand der unterschiedlichen Erdfarben deutlich sehen kann: ocker-grau im Westen, rotlich-braun im Osten Richtung spanische Grenze. Wenn man sich Zeit nimmt, entdeckt man im Sedimentgestein versteinerte Fossilien wie Korallen, Muscheln und Schnecken, Erinnerungen an die Jura- und Kreidezeit, die mit dem Aussterben der Dinosaurier endete. Ähnlich behäbig wie ein Brontosaurus schaukelt der bullige Jeep bergaufwärts über knochentrockenes Schottergestein auf die Kuppe des Tabuas (503 m). Das Panorama von hier oben ist grenzenlos, friedlich und nahezu makellos. Abholzungen (zuletzt auf Anordnung des Diktators António de Oliveira Salazar, der hier in seinen Visionen wogende Weizenfelder sah!) und die durch Erosion abgetragene Erde haben neuen Nährboden geschaffen für eine üppige Sekundär-Vegetation, eine Macchie aus niedrigen Mastixsträuchern, Wildspargel, Fingerhut, Oleander, Myrte, Rosmarin, Brombeergestrüpp, Baumheide und Medronheiros (Erdbeerbäume), die bevorzugte Heimat für Rothühner, Kaninchen, Wildschweine, Füchse, Ginsterkatzen, Pirole, Kleiber, Specht, Turteltaube und Eidechsennatter. Gut durchgeschüttelt, aber nicht gerührt, entsteigt man vor der Cantinha da Serra in Bemparece dem Staub überzogenen Jeep und genießt die saubere Schlichtheit des abgeschiedenen Gasthofes. Senhora Martins, die liebenswerte, leicht schrullige Patronin tafelt ihren Gästen (seit der Absenkung der Asphaltstraße vor ein paar Wochen kommen immer weniger!) Wildschwein auf, nicht auf Toast à la Obelix, sondern als Gulasch in irdenen Schüsseln. Deftig und ausgesprochen lecker. Dazu trinkt man einfachen Landwein und natürlich als Digestif einen Medronho, den bis vor zwei Jahren Ehemann Manuel noch selbst destilliert hat. Jetzt lohnt sich das Geschäft nicht mehr, dank irrationaler Behördenauflagen, was dazu geführt hat, dass die meisten Schnapsbrenner im Umland ihre Produktion eingestellt haben bzw. nur noch heimlich brennen.

INFO

Finale Station der Safari ist Água das Tábuas, ein kleines abgelegenes Tal, im Sommer der ideale Ort für ein beschauliches Picknick im Schatten uralter Stein- und Korkeichen, Olivenbäumen, Pinien und Kastanien. Leider gibt es hier an diesem idyllischen Ort ein paar Störenfriede: Prachtkäfer, Eichenbock und pilzähnliche Parasiten. Sie sind Ursache für Schwächung und Absterben vieler Baumriesen. Betroffen davon sind vor allem die Korkeichen, die ihre toten Äste fast schon flehentlich in den azurblauen Himmel über der Serra recken. Zeit, dass der Mensch etwas unternimmt, sonst könnte die 10 Millionen Jahre dauernde Ära der Korkeichen schneller zu Ende gehen, als es den Korkbauern lieb ist.

William Edelman Cafe Maragota Tel.: 914 932 138 O Cantinha da Serra Bemparece Tel.: 281 971 557 Mob.: 963 178 264

Text: BERND KEINER

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