Ausflug – Radtour (Foia)

RADAUSFLUG
Eine Fahrradtour für Genießer ist der Downhill Nature Trip in der Serra de Monchique vom Fóia bis nach Mexilhoeira Grande. ESA-Redakteur Georg Partoloth schwang sich auf den Drahtesel
Text: GEORG PARTOLOTH

Donnerstag früh: Was ziehe ich an? Immerhin geht es auf den höchsten Berg der Algarve. Ein ansonsten von mir so gehasstes Unterhemd, ein T-Shirt, Trainingsjacke, noch eine Jacke darüber und eine normale Trainingshose. Sind meine Alltagsschuhe für das Vorhaben tauglich und wird meine Kondition ausreichen? Um einen Rückzieher zu machen, ist es schon zu spät. Treffpunkt ist beim Büro von Outdoor-Tours in Mexilhoeira Grande. Die sympathische Praktikantin aus den Niederlanden bietet Kaffee an, die anderen Teilnehmer der Tagestour kommen nach und nach an. Es ist ein bunt gemischtes Team für diesen Tag, zwei Familien aus Deutschland und eine aus den Niederlanden nehmen am Downhill Nature Trip teil, der Jüngste ist 13, der Älteste 51. Übermäßig trainiert und wie absolute Radprofis sehen sie nicht aus, somit sind meine Bedenken bezüglich meiner Kondition verschwunden. Ich fühle mich wie bei der Tour de France. Profifahrräder stehen glänzend bereit, sogar um Essen und Trinken müssen wir uns nicht selbst kümmern. Unser Coach bereitet uns mental auf die Strecke vor. Zugegeben, ein paar Unterschiede zur Königsklasse des Radsports gibt es schon: Die einzige Droge, die als Doping durchgehen könnte, ist das Bier vom Vorabend. Und eigentlich gibt es gar keinen Wettbewerb, sondern wir radeln, um die Natur zu genießen und Spaß zu haben. Frank Koopman, der Organisator des Ausflugs, bringt uns mit seinem Jeep den Berg hinauf, auf dem Hänger befinden sich die Fahrräder. Sobald wir uns in Richtung Monchique begeben, ändert sich die Landschaft massiv. Es ist viel grüner, ein Baum ist höher als der andere und wir sind umgeben von Hügeln und kleinen Bergen, fernab von Sandstrand und Meer. Während der Motor brummt und Frank den ersten Gang einlegen muss, um überhaupt den Berg hochzukommen, tritt neben uns der erste Fanatiker in seine Pedale, um den Anstieg möglichst rasch zu bewältigen. Da haben wir vom Auto aus leicht lachen, immerhin steigen wir erst am höchsten Punkt der Algarve, am Fóia auf 902 m, auf das Rad. Oben angekommen begrüßt uns Thomas, der Führer unserer Tour. Er gehört auch zu den Extremsportlern, die sich gerne der Herausforderung stellen und den ganzen Berg hochfahren, um fit zu bleiben. ,,Für die 28 km brauchte ich heute eine Stunde und 58 Minuten. Mein Ziel ist es, die Strecke in einer Stunde und 45 Minuten zu schaffen”, sagt Thomas. Er und Frank richten die Fahrräder her, der Sattel muss bei jedem die passende Höhe haben, so, dass die Zehen und Fußballen den Boden berühren können. Sicherheit steht im Vordergrund, jeder bekommt einen stylischen Helm und es geht los. Doch halt! Was kommt hier angeflogen? Sind das Adler? Einen ganzen Vogelschwarm können wir beobachten. ,,Adler können es nicht sein, dafür sind es zu viele auf einmal. Es sind Geier”, weiß Thomas, der die Tiere durch sein Fernglas beobachtet. Nachdem diese weitergezogen sind, genießen wir noch die Aussicht vom höchsten Punkt der Region. Leider ist es etwas trüb, doch durch die Erklärungen unseres Guides bekommen wir einen Überblick über einen Teil der Algarve. Das moderne Autodrómo, den Rio Arade und den Odelouca-Stausee haben wir in Sichtweite. Thomas erzählt uns auch Wissenswertes über Monchique: ,,In den 50er Jahren lebten hier noch 12.000 Menschen, bis heute hat sich die Zahl der Einwohner um die Hälfte reduziert.” Nun schwingen wir uns auf den Sattel, kurz eine Proberunde, ob beim Fahrrad wohl alles in Ordnung ist, und es geht endgültig los. Wir rollen, einer nach dem anderen, bergab, den Vordermann in Sichtweite und mit den Händen an den Bremsen. Nach nur wenigen Minuten bleibt Thomas stehen. Wir sind umgeben von Eukalyptusbäumen. Eukalyptus ist in Portugal eigentlich nicht heimisch, er wurde aus Australien hierher gebracht. Die Bäume wachsen sehr schnell und haben tiefe Wurzeln. In der Nähe des Eukalyptus wächst kein anderer Baum. ,,Diese Pflanzen entziehen dem Boden sehr viel Wasser. Die Regierung unterstützt mittlerweile jene Leute, die den Eukalyptus wegbekommen möchten”, so Thomas. Der Geruch der Blätter ist zwar etwas weniger süß, als ich es vom handelsüblichen Badezusatz kenne, dennoch sehr intensiv und gut. Mit den Händen bleibe ich auf der Weiterfahrt beinahe an der Gangschaltung kleben, denn das Eukalyptusextrakt hat sich auf meiner Handinnenseite verteilt. Die langsam vorbeiziehende Landschaft ist so beeindruckend, dass ich am Liebsten in jeder einzelnen Sekunde ein Foto knipsen würde. Durch den Sturz der Frau, die vor mir fährt, verursacht durch Rollsplit, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Schnell zur Stelle und mit Verbandsmaterial bestens ausgerüstet verbinden Frank und Thomas die Wunde an der Handfläche fachmännisch. ,,Das war in diesem Jahr das erste Mal, dass wir den Verbandskoffer öffnen mussten”, bemerken die beiden. Bei dieser Gelegenheit gibt uns Thomas den Tipp, dass wir den Arm ausstrecken sollen, falls uns ein Hund hinterher rennt: ,,Unter dem Arm fühlen sich die Hunde nämlich nicht wohl und sie weichen zur Seite.” Nächster Zwischenstopp unserer Abfahrt ist neben den Korkeichen. Eine weiße Ziffer auf den Stämmen gibt an, in welchem Jahr der Kork abgeschält wurde, denn er darf nur alle neun Jahre geerntet werden. Thomas erzählt, dass der Kork eigentlich ein Parasit ist, der auf den Eichen wächst, doch das Material ist für die Menschen sehr wertvoll. Kork hält nämlich eine Temperatur von bis zu 800 Grad aus, eignet sich als Dämmmaterial und wird auch heute noch für den Verschluss von Flaschen zumindest von Qualitätsweinen benützt. ,,Eine Familie hätte die Korkeiche nach Australien exportieren sollen. Doch diese kochten die Samen zuvor, so konnte der Baum in Australien nicht wachsen”, weiß Thomas. Perfekt für die portugiesische Wirtschaft, denn heute gilt das Land als führender Korkhersteller der Welt. Sehr ruhig ist es, als wir wieder die Straße entlang fahren. Außer dem leichten Rauschen des Fahrtwindes ist nur Vogelgezwitscher zu hören. Die Stimmen der Kollegen sind verstummt, alle konzentrieren sich auf die kurvenreiche Strecke.

Motorengeräusche nehme ich auch keine wahr, immerhin habe ich bis jetzt erst fünf Autos gezählt, die uns überholten. So macht Fahrradfahren in der Natur Spaß und ich verstehe, warum gerade im Herbst oder im Frühjahr, wenn es nicht so heiß ist, die Algarve als Paradies für Biker gilt. Unvermittelt kommt Lärm auf, uns gegenüber sehe ich Bagger und Lkw, denn die Serra de Monchique eignet sich auch für den Bergbau. Granit wird hier gewonnen, der in die ganze Welt exportiert wird. Nach den vielen Eindrücken gönnen wir uns eine Mittagspause in Casais. Der Hunger wird gestillt und die Nachspeise dürfen wir am weiterführenden Weg pflücken. Denn wir können dem Duft von frischem Obst, den uns der Wind in die Nase bläst, nicht widerstehen. Orangen, Zitronen und Granatäpfel sind momentan reif. Die kleinen roten Medronhos, die für die Erzeugung des regionalen Schnapses verwendet werden, sind entlang der Straße schon abgepflückt. Doch wir wollen auf diese nicht verzichten, lassen unsere Drahtesel am Straßenrand liegen und klettern ein wenig den Hügel hinauf, um ein paar reife zu ergattern. Von hier aus ist die Sicht zurück auf den Berg wunderbar, so können wir sehen, von wo aus wir morgens gestartet sind. Weiter im Tal verkosten wir noch die Früchte des Johannisbrotbaumes, ehe wir die E.N. 125 erreichen. Jene, denen die Anstrengung bereits zu groß war, kehren zum Büro von Outdoor-Tours zurück. Für die anderen gibt es noch eine Extrarunde zur Lagune in Alvor. Schließlich erreichen auch wir gegen 17 Uhr das Stützpunkt. Ich fühle mich bei weitem nicht ausgepowert und auch meine Befürchtungen bezüglich schlechter Ausrüstung oder Kondition waren eigentlich unberechtigt. ,,Unsere Downhill-Tour ist nicht extrem, sondern wir sehen das Fahrradfahren als soziales Erlebnis. Es geht darum, die Natur zu erleben und Land und Leute kennen zu lernen. Jeder, der ein Mal die Woche mit dem Rad zum Einkaufen fährt, schafft diese Tour”, so Frank. Die dünne Trainingsjacke konnte ich auf halbem Weg ausziehen, die zweite hatte ich gar nie an. Auch der Muskelkater blieb aus, lediglich einen leichten Zug verspüre ich in den Fingern, was wohl vom vielen Bremsen kommt.

Outdoor-Tours Sítio das Boiças, cci 900, E.N. 125 8500-132 Mexilhoeira Grande Tel. 282 969 520 Mob. 912 120 123 info@outdoor-tours.com www.outdoor-tours.com

 

Share.

Comments are closed.