Kleiderordnung

Schluss mit lässig

Der Strand taugt nicht mehr als Laufsteg für Bademoden, wenn Stoff-Minimalisten Bikini und Badehose in der Stadt tragen (wollen). Und in Portugals Büros wird die Wendung zu wertkonservativer Präsentation an der firmeneigenen Kleiderordnung sichtbar Hawaiihemden und Badehosen ­ das sei die Kleiderordnung für Offizielle und Gäste beim Festakt zum portugiesischen Nationalfeiertag. Der läutete in diesem Jahr ein langes Wochenende ein, am 10. Juni war es heiß und die Feier fand in Faro statt ­ Algarve heißt Freizeit. Der Witzbold, der den Text in den Satire-Blog Inimigo Público (,,der öffentliche Feind”) der ansonsten seriösen Zeitung Público setzte, fuhr fort, der Dia de Portugal sei diesmal ,, ne Pool-Party mit Sardinengrillen am Wohnwagen des Präsidenten. Bier mitbringen!”. Da musste Zweiflern klar sein: Vorsicht, Humor! João Borges findet das nicht komisch. Der Mann vom Sicherheits-Dienst arbeitet in einem Einkaufszentrum der Algarve, trägt Uniform und hat im Sommer eine Zusatzaufgabe: Er verweigert Urlaubern im Bikini oder ohne Hemd den Zutritt zu den Läden. Borges erklärt immer wieder, dass ,,Londoner oder Berliner Kaufhäuser auch solche Dresscodes haben, die sie zu keiner Zeit lockern”. Kleider machen Leute, aber auch Probleme, bestätigt die Empfangsdame des Hotels Pestana Palace in Lissabon. Sie hat Erfahrung mit Reisenden, die meinen, der (halb)nackte Körper gehöre immer und überall zum Sommer. Das 5-SterneLuxushaus im Nationaldenkmal Palácio Valle Flor übergibt Gästen eine Karte mit dem Dresscode des Hauses und bewegt sich damit an der Grenze zur Beleidigung, wenn jemand sich die Unterstellung verbittet, ein Banause zu sein. Schlappen, Morgenmantel oder die nackte Männerbrust sind im Frühstücksraum nicht zugelassen, ebenso wenig Sportkleidung oder Shorts zum Mittag- und Abendessen, wo auch T-Shirts verpönt sind. Ähnliches gilt zum Beispiel im Hotel Santa Eulália in Albufeira, wenngleich die Algarve zwanglosere Sitten duldet. Doch abseits der Strandpromenade stört partielle Freikörperkultur viele. ,,Sonnenöl, Sand und Schweiß gehören nicht auf den Sitz”, ermahnt ein Busfahrer eine Touristengruppe. Ihr Protest nützt nichts: entweder Hemd an oder zu Fuß gehen. Im Urlaub fehlt häufig der Dolmetscher für die Kleidersprache. Und in Unternehmen stehen BekleidungsRichtlinien immer öfter im Arbeitsvertrag. Der Telefon-Konzern Vodafone gibt seinem Personal ,,Orientierung und Regelung der Bekleidung”: Für die Herren ,,Anzug oder Sakko und Hose mit Bügelfalte”. Für die Damen ,,Kleid, Hose oder Rock, schlichtes Schuhwerk und moderate Accessoires”. Die seriöse Bekleidung der Mitarbeiter soll den professionellen Anspruch der Firma spiegeln. Portugal hinke ,,in der Darstellungsfähigkeit dem übrigen Europa hinterher”. Jeder solle seine Erscheinung freiwillig selbst prüfen, ohne Zwirnzwang. Sie zeige, welchen Wert jemand seiner Position und Leistung zumesse. In Portugal wurden Jeans und Turnschuhe als Attribut vermeintlich dynamischer Führungskraft nie salonfähig. Bei der Caixa Geral de Depósitos gehört die Garderobe zur innerbetrieblichen Weiterbildung: Jeans, bauchfreie oder ärmellose Tops und auffälliger Schmuck gehören nicht in die Bank. Reisebüro-Kräfte tragen dunkle Anzüge, der Ferienlook bleibt den Kunden am Urlaubsort vorbehalten. Für Arbeitnehmervertreter sind solche Vorschriften ,,ein Eingriff in die Privatsphäre”, so die Bank-Gewerkschaft CESP. Die Betroffenen widersprechen: ,,Wir kleiden uns ganz natürlich jeweils anders, wenn wir zu einer Hochzeit, in die Disko oder zum Einkaufen gehen. Warum also nicht im Job?”, fragt eine Kassiererin der Caixa Geral de Depósitos. Wer ins Restaurant gehe, wolle den Kellner an seiner Bekleidung erkennen. Und Schüler finden Lehrer eher uncool, die sich als Berufsjugendliche kleiden. Umgekehrt verbieten immer mehr Schulen sehr aufreizende oder lässige Kleidung im Unterricht. Und Vodafone-Sprecher Diogo Sousa zitiert Umfragen aus Internetcafés, deren Kunden sich in Gesellschaft von Baseballkappen-Trägern unwohl fühlten. Das Schirmkäppi gelte längst als Unterschichten-Merkmal und werde mit Rüpelei assoziiert. Die Journalistin Rute Peixinho verblüffte ihre Landsleute mit einer ungeahnten Form und Folge der Lässigkeit: In Japan habe die Regierung die Kleiderfrage mit dem Umweltschutz verbunden und erlaube im heißen Sommer relative Lässigkeit: Krawatten weg ­ schon wird es luftiger, die Klimaanlage kann abgeschaltet werden und die Bürotemperatur darf auf 28 Grad steigen. Das spart Strom und senkt den CO2-Ausstoß.
Henrietta Bilawer

ESA 08/10

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