Ausflug – Weinprobe

Zur Weinprobe in den Alentejo

Hinter dem Erfolg eines Weingutes steckt in der Regel die Tradition einer Familie. So auch bei Dorina Lindemann. Hier aber auf Umwegen. Dorinas Vater Georg Böhm, Sohn einer Pfälzer Winzerfamilie, musste bei einem Törn mit seiner Yacht das lecke Boot in Lissabon reparieren lassen. Die Wartezeit nützte er. 1971 war das, drei Jahre vor der Nelkenrevolution. Er entdeckte Portugal, ein vergessenes Land, fast wie aus dem Mittelalter geschnitten. Hier wollte er Wurzeln schlagen. Georg Böhm änderte alsdann sein Leben. Nicht zuletzt, weil er beim Probieren der lusitanischen Weine bemerkt hatte, dass es trotz der optimalen Voraussetzungen von Boden und Klima an Qualität arg mangelte. Er, der Diplomkaufmann, studierte nun in Deutschland Pflanzengenetik und kehrte 1983 nach Portugal zurück. In Montemor-O-Novo im Alentejo erwarb er ein Landgut, die Quinta São Jorge, gründete eine Rebschule. Ideal der Boden: gut durchgemischt aus Lehm, Schiefer und Granit. Heute beliefert er mit über fünf Millionen Pflänzchen pro Jahr mehr als 25 Prozent des portugiesischen Marktes, importiert seine veredelten Pflänzchen nach Spanien, Frankreich und Deutschland. Auch Thomas Lindemann studierte Pflanzengenetik. Dabei lernte er Dorina kennen, die Tochter des Rebschulgründers Böhm. Das Paar stattete dem Papa einen Besuch ab. Und blieb. Dorina studierte im nahen Évora weiter, und Thomas half Georg, inzwischen Jorge gerufen, beim Anbau der Reben. Auch gründete er eine Schule für Olivensetzlinge. Heute entstammt jeder zweite in Portugal angepflanzte Olivenbaum seiner Obhut. Auch Walnussbäume baut Thomas an, deren Äste er für die Veredelung der Reben benötigt. Er hat ein ganzes Feld von nicht veredelten amerikanischen Rebstöcken, die von der Reblaus befallen sind, jene Plage, die, aus Amerika eingeführt, sämtlichen europäischen Weingärten Mitte des 19. Jahrhunderts den Garaus machte. Thomas verwendet sie für die Veredelung mittels Aufpropfen bekannter roter Rebsorten wie Touriga, Aragonez oder Syrah, bei den weißen vor allem Verdelho und Viosinho, was sie nun resistent gegen die Plage macht. Handarbeit pur. Vater und Schwiegersohn beschäftigen fast fünfzig feste Mitarbeiter, saisonal kommen an die Hundert hinzu. An eigene Weine dachten die Männer nicht. Dorina umso mehr. In der Uni Évora erzeugte sie 1993 ihren ersten Wein, zwei Jahre später wagte sie die Gründung der eigenen Kellerei. Inzwischen fährt sie jedes Jahr begehrte Medaillen ein, national wie international, Gold hier, Silber da. Ihre Marken finden bei guten Supermärkten ebenso Anklang wie bei erstklassigen Restaurants im ganzen Land, auch in der Algarve, wo ansonsten eher die renommierten Marken ,,laufen”. Warum Dorina so viel Erfolg mit ihren Weinen hat (übrigens auch in der deutschen Fachpresse), wird bei einem Gespräch mit ihr leicht erkenntlich. Sie sprüht vor Begeisterung für sorgfältigen Ausbau, zeigt stolz ihre neue, superhygienische Kellerei mit den Edelstahlfässern, eine Halle für Rotwein, die andere für Weißwein. Wegen der möglichen Ausbreitung von Bakterien sind sie deutlich voneinander getrennt. Edle Rotweine werden in Eichenholzfässern gelagert. Faszinierend, wie sie über die Geheimnisse der hilfreichen wie gefährlichen Bakterien spricht. Einige bauen die im Rebensaft enthaltene Apfelsäure in Milchsäure um, die freilich auch in Essigsäure umkippen kann, was leider oft geschieht, wenn man nicht sorgfältig kontrolliert. Der biologische Säureabbau ist beim Rotwein sehr gewünscht, besorgt er doch den runden Geschmack. Regel: Je höher der PHWert, desto weicher der Wein. Beim Weißwein aber geht dadurch die Spritzigkeit verloren. Nur wenige Weißweine, wie der berühmte Chablis, haben vollen biologischen Abbau, der auch eine lange Lagerung ermöglicht. Mit anderen Worten: Der Kellermeister ­ in diesem Fall Dorina ­ muss die eigene Balance finden. Die Önologin schwärmt von den Rotweinen und ihrem Duft nach Schlehen, Holunderbeeren oder Brombeeren, und erst recht von ihren Weißweinen, von deren kessen Kräuternoten und knackiger Säure. Leuchtende Augen bekommt sie beim Vorführen ihrer Kreationen: bei einer Probe in der von Licht durchfluteten Galerie, die Papa Jorge als namhafter Kunstmäzen ausgestattet hat, mit Werken von Joseph Beyss und dessen Schülern, sowie von anderen berühmten Künstlern. Sie öffnet eine Flasche roten Pintada, die Hausmarke, die jetzt im heißen Sommer auch gut gekühlt ihre Pracht schon beim ersten Schluck entfaltet (,,der Nachgang ist klasse”). Überhaupt meint sie, dass man fast alle Rotweine, auch sehr edle, gut gekühlt trinken kann, ohnehin wärmt sich der Wein im Glas auf. Auch passen manche Rotweine hervorragend zu Fisch ­ die alten Vorurteile von wegen weißer Wein zu weißem Fleisch lösen sich im gleichen Atemzug auf, indem sich mutige neue Kochgerichte breit machen. Auch mit diesem Statement erschreckt sie Traditionalisten: Guter alter Kork ist out, Glaskorken wären viel besser, lassen sich am Markt aber leider nicht durchsetzen. Trostpflaster: Würde man Weinflaschen stellen oder schräg statt flach lagern, hätte man sich gegen ,,verkorksten” Wein schon gut geschützt.

Für einen Besuch der Quinta São Jorge sollte man sich Zeit nehmen. Von Lissabon aus gelangt man in Richtung Évora direkt nach Montemor. Für die Fahrt von der Algarve eignet sich die IC1 bis Alcacer do Sal. Nun geht’s auf der N 253 durch alentejanischweites Land vorbei am verzweigten Stausee Barragem do Pego do Altar nach Montemor-O-Novo, bekrönt von einer stattlichen Burgruine. Die Quinta liegt unmittelbar beim Ort. Vor Besuch ist ein Anruf ratsam: Tel. 266 899 260.

 

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