Milfontes

Von Seeräubern und Sehnsüchten

Im sonnigen Südwesten Europas fühlt man sich wie in einen glänzenden Reiseprospekt versetzt. Doch demnächst bricht die Urlaubszeit aus. Dann verblasst der Hochglanz. Matt werden die Seiten. Jetzt ­ vor der heißen Saison ­ ist die Natur immer ein üppiger, praller Paradiesgarten. Rolf Osang machte sich auf den Weg nach Milfontes

Jahre ist es her, dass ich diese Küste zum ersten Mal erlebte. Auch damals war es Juni. Die Bilder, die sich mir seinerzeit einprägten, sie gingen nie verloren: Sattgrüne Pinienwälder, immer wieder altehrwürdige Olivenbäume, und, wohin das Auge schaut, topfrunde Hügel, überzogen von harzig-duftenden Zistrosen, und in zahllosen Hainen baumeln Orangen und Zitronen an blühenden Bäumen. Die lehmigen Mauern verlassener Häuser fallen ein. Die Erde, sie nimmt sie sich zurück, so allmählich und so natürlich, dass man gar nicht traurig darüber sein kann. Die Straßen, die sich durch die stillen Landschaften winden, sind löchrig. Vor Cafés sitzend alte Männer und schauen ins Leere voll Sehnsucht und Saudade, und hinten am Horizont glänzt silbern der Atlantik. Automatisch fährt man langsamer durch diesen Küstenstrich, dem fernsten des Alten Europa ­ und der Neuen Welt allernächst. Diese Eindrücke sind heute nicht anders. Es ist, als wäre an der Westküste die Zeit stehen geblieben. Und das macht diese Zeit hier so wertvoll. Mittags gehe ich in Odeceixe, dem nördlichsten Küstenort in der Algarve, in der ,,Taberna do Gabão” essen, wo Silvia und Fernando Candeias eine vorzügliche Küche in einem höchst angenehmen Rahmen bei günstigen Preisen anbieten ­ für Genießer ist dieses Lokal ein kleines Juwel, und Odeceixe und sein Strand an der Mündung des aus der Serra de Monchique herbei sprudelnden Flüsschens Ceixe sowieso. Odemira ist die nächste Station, ein kleines Alentejo-Städtchen mit dem größten Landkreis (Concelho) Portugals. Gediegene Stadtvillen, lauschige Plätze, schummrige Tascas ­ hier umher zu schlendern, oder auch unten an der Uferpassage am Rio Mira, ist ein Pläsir. Beim großen Kreisverkehr am Rio erhebt sich ein aus Tausenden von Schaufeln und Spaten und Sicheln und Sensen zusammengeschweißter Ölbaum ­ eines der wenigen gelungenen Beispiele ,,öffentlicher Kunst”. An der Rotunda in Richtung Cercal abbiegen. Man kurvt jetzt immer weiter in die Pampa hinein, bis sich das Tal weitet und fünf Kilometer hinter Odemira eine Brücke über den Ribeiro Torgal in Sicht kommt. Gleich dahinter zum einzigen, aber unbeschilderten Weg rechts abbiegen. Nach einem Kilometer nahen mächtige alte Eukalyptusbäume. Da wird wieder deutlich, wie majestätisch diese Bäume sind, wahre Persönlichkeiten, und wie eintönig und fast hässlich sie werden, wenn sie, in öder Monokultur aufgeforstet, einer Landschaft die Gesichtszüge rauben. Hier das Auto abstellen und den nächsten Kilometer zu Fuß am sanft strömenden Ribeiro Torgal entlang spazieren ­ der holprige Weg ist nur für Jeeps befahrbar. Wo er endet, beginnt eine versteckte Märchenwelt mit dem Lago das Tatarugas (Schildkrötensee). Er ist lang und schmal und wird von schluchtartig aufragenden Felsen und einer üppigen Vegetation umrahmt. Zum Baden ist er bestens geeignet. Die Schildkröten, von welchen es in der Tat viele gibt, sind scheue Tiere und suchen, naht ein Wesen wie ein Mensch, gleich in dunklen Tiefen Zuflucht. Solch ein herrlicher Flecken Erde mit Wasser ist natürlich kein Geheimtipp mehr. Motorisierte Leute fallen zuhauf an den Wochenenden ein, haben Lärm und Dreck im Gepäck. Aber an Wochentagen herrscht ungetrübt die Ruhe. Weiter geht es zum Provinzstädtchen São Luís. Behaglich ist es da und so friedlich, wie es eben nur im Alentejo sein kann. Und so nähert man sich ,,von hinten” der Perle Milfontes, einem Ort, der wegen des guten Wassers seinen Namen erhielt: ,,tausend Quellen”. Ab und zu zeigt sich zwischen den Hügelketten das grünblaue Band des Rio Mira, der von Odemira bis Milfontes mäandert und von Ebbe und Flut im Rhythmus gehalten wird. War Milfontes bis vor wenigen Jahren noch ein verträumtes Nest, von Lissabonnern und ein paar Nordeuropäern gern besucht, so wandelte es sich nun in ein touristisches Zentrum, das seine Gemütlichkeit und ganz eigene Ausstrahlung indessen behalten hat. Und wo lernt man authentische ,,Strahlungen” besser kennen als in Kirchen, Herbergen und Kneipen? Blau umrahmt ist die Pfarrkirche, klar doch im Alentejo. Die Uhr steht still seit mehr als 15 Jahren (damals bemerkte ich das schon), steht so unbewegt da wie ein paar Schritte nebenan das Castelo. Schon die Karthager hatten an diesem strategisch wichtigen Punkt ­ von hier kontrolliert man bequem das gesamte Ästuar des Rio Mira ­ eine Festung erbaut. Römer und später die Mauren bauten sie aus. Piraten, die im 15. Jahrhundert aus Marokko, England oder Holland anrückten, um Handelsschiffe zu kapern, zerstörten die Anlage. Ende des 15. Jahrhundert baute man die Burg wieder auf. Als man die Seeräuber endgültig vertrieb, verlor das Fort seine Bedeutung. Der Niedergang zog ein und die Bevölkerung fort nach Odemira. Mehrmals wechselte die Burg den Besitzer, bis sie 1959 bei einer Versteigerung an Dom Luís de Castro e Almeida ging. Er und seine Frau bauten sie zu einer Edelherberge um, in der das Prinzip gilt: ,,Viver sem amigos não é viver” ­ Leben ohne Freunde ist kein Leben. Die Burg ist eine wahrhaft edle Herberge, eingerichtet wie ein nobles Herrenhaus samt Bar und langer Tafel fürs Essen, das man gleich mitbuchen kann. Mir liegt das Essen in charaktervollen Kneipen aber mehr. Ich fand gleich drei Restaurants, die getrost jedem ans Herz zu legen sind, der auf Qualität und Stimmung schwört: ,,A Fateixa” unten am Anlegekai hat traditionelle Küche, Fisch, frisch von Fischers Fritze geliefert, ist natürlich angesagt, aber auch Spezialitäten vom schwarzen Schwein. Einfach herrlich gelegen ist ,,Portinho do Canal” am Felsrand über dem Fischerhafen (Porto da Pesca, 3 km nördlich von Milfontes). Auch hier: klasse frischer Fisch, Langusten, Hummer vom Feinsten und nicht zu teuer. Und abends trifft man sich in der ,,Tasca do Celso” mitten im Ort. Ein unscheinbares Häuschen, eng ist’s, saugemütlich, und nur-gutes alentejanisches Essen kommt auf den Tisch. Die Tasca ist fast immer voll, man sollte unbedingt telefonisch einen Tisch reservieren. Seeräuber haben die Geschichte von Milfontes mitgeprägt, wie auch die von Porto Covo mit der vorgelagerten kleinen Insel ,,Ilha dos Pessegueiros”. Man muss nicht, wie auf Karten angezeigt, via Cercal hinfahren, sondern kann knapp zwei Kilometer nördlich von Milfontes vor der Escola Primária links abbiegen (kein Schild!) und kommt dann geradewegs hin. Den Ort Porto Covo sollte man meiden ­ er mutet inzwischen wie ein Vorort von Lissabon an. Also kurz davor abbiegen zur Ilha. Am Ende der Straße steht eine Strandkneipe, und dahinter ragt eine Burganlage auf, erbaut im Vauban-Stil, ähnlich wie die Fortaleza in Sagres, kleinformatiger indes. Von hier (oder bis hierher…) führt ein einzigartig schöner Dünen-Wanderweg zum zehn Kilometer südlich gelegenen Milfontes. Seit das Fort seine Anti-Piraten-Funktion gegen Ende des 18. Jahrhundert verlor, kehrte der Niedergang ein, der allerdings einem neuen Boom Platz macht: Sonnen- und sandsüchtige Campingfreunde sorgen dafür. Ist Milfontes schon eine Perle, so stellt der gesamte Küstenstrich in Richtung Norden wie Süden ein Juwel an Wildheit in den Klippen und an Sanftheit in den Dünen dar. Die Vegetation ist jetzt im Frühsommer an ungestümer Blütenpracht nicht zu übertreffen! Hinzu kommt die stille Flusslandschaft des Rio Mira, der Fischerhafen und die zahllosen Strände. Auch praktische Vorteile punkten: Gemütliche Kneipen und Restaurants lassen aus einem Tagesausflug (noch besser aus einem Kurzurlaub) ins magische Milfontes ein feines Erlebnis werden. Und das Residieren in der Burg oder in traditionellen Landhäusern ist ein Hochgenuss. Versprochen!

ÜBERNACHTEN: Castelo de Milfontes. Unbedingt vorbuchen: Tel 283 998 231, Fax 283 997 122. Doppelzimmer ab 140 inkl. mehrgängiges Abendessen, ab 110 ohne Essen. Rund um Milfontes gibt es einige sehr schöne Landhäuser zum preiswerten Nächtigen und Kurzurlaub machen. Einen Überblick verschafft der Click www.casasbrancas.pt RESTAURANTS: Odeceixe: Taberna do Gabão, Tel 282 9947 549 (Senhora Silvia spricht deutsch), geschl. Di

TOUREN: Mit Gruppen besonders interessant: Die Firma SulAventura bietet Bootsausflüge an, für 10 Pers. 150/Std.

Bootstour nach Odemira und zurück, Dauer ca. 2 1/2 Std., Boot für 10 Pers. 300. Mit großem Boot für 26 Pers. 550, inkl. Kaffee & Kuchen in Odemira. Mit Jeep nach Porto Covo, Übersetzung mit Boot zum Naturschutzgebiet der Ilha dos Pessegueiros mit Besichtigung römischer Salinen, von 15. Juni -15. Sept. 20/Pers. (einzeln buchbar). Tel/Fax 283 997 231, www.sudaventura.com KUNSTHANDWERK: In der Ortsmitte neben der Junta de Freguesia befindet sich das Geschäft ,,Sabor e Arte” mit guten regionalen Produkten, wie Liköre, Keramik und Besteck aus Olivenholz von Annette und Stefan Thielsch. Die beiden Kunsthandwerker eröffneten neben ihrem Haus in Cortinhas bei S. Luis einen Shop für Olivenholz-Produkte. Bitte vorher anrufen: 283 975 055.

Milfontes: Tasca do Celso, Rua dos Aviadores, Tel 283 996 753 (unbedingt reservieren!), geschl. Mo A Fateixa, Largo do Cais, Tel 283 996 415, geschl. Mo Portinho do Canal, Tel 283 996 255, geschl. Do 22

ESA 06/07

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