Im freien Fall

Aus 4.300 Meter Höhe, nur mit einem Fallschirm ausgerüstet, aus einem Flugzeug springen. Nur etwas für Wahnsinnige? Auf keinen Fall. Es ist ein Erlebnis für Abenteuerlustige

Plötzlich habe ich keinen Halt. Ich sehe nur den blauen weiten Himmel und kann mich nirgends festhalten. Hilflosigkeit steigt in mir auf. Mein Herz klopft schneller. Zu schnell. Gleich bleibt es stehen. Doch es ist zu spät, um es mir anders zu überlegen. Dann rückt mein Tandemmaster noch ein Stück vor und wir fallen aus dem Flugzeug. 4.000 Meter unter mir erkenne ich den Küstenstreifen, das Meer, den Arade-Fluss, Bäume, Straßen und Häuser. Wir fallen langsam. Anders als ich es mir vorgestellt hatte, zieht die Luft nicht an meinen Wangen. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Egal was noch kommen wird, weiß ich jetzt schon, dass es eine Erfahrung fürs Leben ist. Dann ist es soweit. Der 50 Sekunden lange freie Fall ist zu Ende und der Schirm muss geöffnet werden. Im Gegenteil zu dem was ich erwarte, bringt uns der Fallschirm mit einen sanften Ruck den Wolken ein wenig näher. Mein Tandemmaster fragt mich, ob ich die Steuerleinen des Schirms halten möchte. Erst jetzt bemerke ich, wie ruhig es ist. Ich höre ihn laut und deutlich und um uns ist es mucksmäuschenstill. Ich halte die Steuerleinen und drehe ein wenig nach links, dann nach rechts. Aus der Himmelsperspektive sehen Portimão und Alvor ganz anders aus. Viel schöner. Ich genieße jede Sekunde. Wünsche mir, dass es nie zu Ende geht.
Als ich eine Stunde davor mit leichtem Kribbeln im Bauch meinen Wagen auf dem Parkplatz des städtischen Flugplatzes in Alvor 34 parkte, ahnte ich nicht, wie viel Spaß mich erwartet. Als ich ausstieg, merkte ich, wie weich meine Knie sind. Ich war auf dem Weg zu meinem ersten Tandemsprung. Auf dem Flugplatz herrscht eine angenehme Atmosphäre. Gelassen und gut gelaunt laufen die Fallschirmspringer in ihren bunten Anzügen herum. Sie sind kurz davor, aus über 4.000 Meter Höhe zu springen. Wie können sie so locker sein? denke ich mir und kaue weiter nervös an meinen Nägeln. Einige sind dabei, ihre Schirme zu packen. Diese Aufgabe wird konzentrierter ausgeführt, denn schließlich hängt vom korrekten Packen des Schirms das Leben der Fallschirmspringer ab. Ein wenig abseits sehe ich eine Gruppe, die mit ihrem Bauch auf Skateboards liegt und hin und her rollt. Evelin Meier von der Organisation erklärt mir, dass es sich um ein Fallschirmspringerteam handele, das seine Formationssprünge im Bodentraining übt. Was für eine seltsame ,,Trockenübung”, denke ich und kann mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, denn es ist schon eine lustiges Bild. Der Landebahn nähert sich ein bunt bemaltes Flugzeug. Wie ich später erfahre, ist es ein DO 28 G 92, das vom Flugzeugtyp DO 28 der deutschen Bundeswehr abgeleitet wurde. Sie eignen sich hervorragend für das Fallschirmspringen, da sie durch den eingesetzten Vorflügel Kurzstart- und gute Landeeigenschaften vorweisen, sich für Starts und Landungen auf unbefestigten Landebahnen eignen und eine große Tür haben, die den Einbau eines Springer Kits mit Rolltür, Griffe und Windabweiser ermöglicht.

Kurz nachdem das Flugzeug landet, ist es wie in dem alten Hit der Weather Girls: ,,Its raining Men!” Einige Frauen sind auch dabei, aber die Männer sind deutlich in Überzahl. Ein Springer nach dem anderen nähert sich dem Flugplatz und landet schließlich. Mit strahlenden Gesichtern kommen sie uns entgegen. Scheint richtig Spaß zu machen und sie kommen heil an. Ich muss mir also keine Sorgen machen. Einfacher gedacht als getan! Die Schmetterlinge fliegen weiterhin in meinem Bauch herum. Mittlerweile ist der bunte Flieger mit weiteren Fallschirmspringern an Bord wieder gestartet. In Abständen von ca. 30 Minuten regnet es immer wieder Fallschirmspringer auf die Landebahn. Steve Friedrich vom deutschen Unternehmen PARALVOR wird mein Tandemmaster sein, ein für das Tandemspringen ausgebildeter Sprunglehrer. In seinem Leben sprang er bereits 4.500 Mal! Doch bevor ich mein Leben in seine erfahrene Hände lege und wir selbst in das Flugzeug einsteigen, gibt es eine 15-minütige Vorbereitung. Dabei wird mir erklärt, wie der Sprung ablaufen wird und was ich dabei machen muss. Zwar sind es nur einige Kleinigkeiten, jedoch sehr wichtige. Unter anderem soll ich mich beim Springen aus dem Flugzeug an ihn lehnen und meinen Kopf auf seine linke Schulter legen, mich nur am Tandemgurtzeug festhalten und die Beine nach hinten hochziehen. Sehr wichtig ist auch, beim Landen die Beine anzuheben. Ansonsten soll ich mich nur entspannen und den Sprung ins Freie genießen! Schon landet das farbenprächtige Flugzeug wieder und wir sind an der Reihe. Mit uns im Flieger sitzen ungefähr zwölf Fallschirmspringer, die mir während des Flugs bis zu unserem Absprungpunkt immer wieder sagen, dass ich keine Angst haben soll. Es ist alles ganz einfach und ich bin in guten Händen. Doch ich spüre keine Angst, sogar das Kribbeln im Bauch ist weg. Aus dem Fenster sehe ich ganz weit unten die Algarve-Küste und den Atlantik. Heiteres Lachen bringt mich wieder ins Flugzeug zurück. Die Fallschirmspringer stehen alle auf und einer nach dem anderen springen hinaus. Ich zähle wie viele noch vor mir sind. Dann ist keiner mehr da. Ich bin dran. Wir nähern uns der Tür, setzen uns an den Rand. Stefan gibt mir kurz und prägnant Anweisungen wie vorher erklärt. Er rückt ein Stück nach vorne. Dann noch ein Stück und dann folgen die besten zwei Minuten meines bisherigen Lebens! Langsam nähern wir uns dem Landeplatz. Die letzten Steuerungsmanöver, um uns in die richtige Position zur Landebahn zu bringen, verträgt mein Magen nicht. Mir wird übel und ich bereue die Schokolade, die ich vor dem Sprung gegessen habe. Dann soll ich meine Beine heben, denn es ist soweit: wir landen. Ein paar schnelle Schritte und schließlich sitzen wir auf dem Boden. Zwar ist mir immer noch übel, doch auf die Frage des Tandemmasters, ob ich noch einmal springen würde, antworte ich ohne zu zögern: Ja!

Text: ANABELA GASPAR Fotos: FRANK TÄSLER

Der Begriff

,,Fallschirmspringen”
meint den Ablauf von Absprung aus einer erhöhten Position, meist aus einem Flugzeug, den anschließenden Fall und die Landung. Dass es weniger theoretisch zugeht und Sprunggeübte wie Neulinge faszinierende Momente erleben, zeigt Skydive Algarve. Zum ersten Ausprobieren gibt es Tandemsprünge. Die beschleunigte Freifall-Ausbildung AFF (accelerated free fall) heißt der Intensivkurs zum Erlernen des Springens, inkl. Theorie und Bodentraining. Für Geübte gibt es Strandsprünge und Birdman-Flight; One-o-One, LO/ RW, Canopy Piloting. Training für Teams nach Absprache.

Skydive
www.skydivealgarve.de
Tel.: 282 496 581 u. 282 476 431; Mob.: 914266832

ESA 12/06

 

Share.

Comments are closed.