Ziel und Schicksal

Nach der Touristikmesse BTL in Lissabon folgt vom11. bis zum 15. März die Internationale Tourismus-Börse (ITB) in Berlin: Die Algarve wie auch Portugal insgesamt sind bei beiden Werbeterminen präsent und nutzen den Bekanntheitsbonus, den die Fußball-EM 2004 gebracht hat

Es herrscht Aufbruchstimmung. Auf der Touristikmesse BTL in Lissabon Ende Januar bekam der Stand der Algarve-Fremdenverkehrszentrale RTA einen Preis für funktionelle Ästhetik. Einer Auszeichnung würdig: So möchte die RTA die Region anpreisen. Die Algarve wird als Feriengebiet erster Klasse beworben, Sonne, Strand und Spaßangebote inklusive. Die Erkenntnis, dass dies allein nicht reicht, hat sich mittlerweile auch in den Rathäusern der Urlaubsorte verbreitet. Thematisch orientierte Veranstaltungen sollen Reisende ganzjährig anlocken, denen Sommerfrische allein zu wenig ist. Während 2004 die Zahl der Touristen weltweit erstmals nach dem 11. September 2001 wieder zweistellig, um 10 %, zunahm ­ das beste Ergebnis seit zwanzig Jahren ­ schrieb die Algarve die schlechteste Bilanz seit 1993 ­ trotz des Publikumsmagneten Fußball-EM. Die Kombination von Ferien und Fußballshow wurde wenig genutzt; der positive Effekt auf den Umsatz blieb aus. Die Linkspartei Bloco de Esquerda (BE) kritisiert die Regionalpolitik und fordert Maßnahmen gegen das Dasein als ,,Ferienkolonie, die von der Monokultur Tourismus” lebe. Nach der FußballEM spürt Portugals Norden Aufwind: Zahlreiche Veranstaltungen brachten die Region Douro dauerhaft in die Erinnerung der Reiseplaner. Allein die Ausflugsschiffe waren so gut besucht, dass Ende Juli bereits der Gesamtumsatz des Jahres 2003 erreicht wurde.

Die Algarve sucht Alternativen: Nach 25 Jahren Reisewesen sei die Umwelt geschädigt und es herrsche ein ,,Ungleichgewicht zwischen Küste und Landesinnerem”, bemängelt der Bloco de Esquerda. Das touristische Angebot entspreche nur noch eingeschränkt dem, was vergleichbare internationale Regionen am Meer bereithalten. Die Belegungsrate der Hotels, Pensionen und Apartments ging im vergangenen Jahr im Schnitt um knapp 5 % zurück; nicht einmal jedes zweite Bett war regelmäßig vermietet. Am schlimmsten traf der Touristenschwund die Orte Vilamoura, Quarteira, Albufeira, Lagos und Sagres und die vom Golftourismus dominierten Anlagen Quinta do Lago und Vale do Lobo. Die Tendenz könnte sich hier fortsetzen: Mittlerweile gibt es in der Algarve 513 Löcher, in die ein Golfball geputtet werden kann, doch 2004 sanken die Umsätze parallel zur Neueröffnung einiger Plätze um 4,6 %. Doch die Regierung setzt weiter auf zahlungskräftige Golf-Gäste: Für Modernisierung und Neubau von Golfplätzen sind im Staatshaushalt dieses Jahres 34,4 Mio. vorgesehen. Fast zwei Drittel davon entfallen auf Anlagen in der Algarve. Auch andere Angebote, die sich an einen eng definierten Besucherkreis wenden, gehören 2004 zu den Verlierern: Der Yachthafen von Lagos beklagt 4 Prozent Einbußen, die Freizeitparks über 5 Prozent. Einzig die Spielkasinos verbuchten Einnahmen-Steigerungen von 4 %. Elidérico Viegas, Präsident der Hoteliersvereinigung AHETA, sieht hinter all Auf der weltgrößten dem strukturelle Gründe, die nicht von heute auf morgen Touristikmesse ITB verändert werden könnten. Er hofft deshalb sogar auf einen in Berlin präsentiert ,,Tsunami-Effekt”: Vielleicht würden sich ja Europas Feriengäste sich die Algarve als nach der Flut in Asien lieber ein Plätzchen suchen, das der Heimat Reiseziel für jeden näher liegt. Doch nicht einmal auf die eigenen Landsleute ist Ver- Anspruch lass: António Gomes, Urlauber aus Lissabon, kommt nur noch selten in die Algarve. Er kennt die Küste seit dreißig Jahren und findet, der Service sei schlechter als früher, dafür aber die Preise besonders im Sommer umso höher. Und: ,,Die portugiesische Sprache wird verdrängt”. Speisekarten, Aushänge ­ alles sei auf ausländische Touristen abgestimmt. ,,Uns fehlt Selbstvertrauen, unsere kulturelle Eigenständigkeit ist vom Aussterben bedroht.” In der Algarve bestimmt im Winter zunehmend der so genannte ,,Tourismus des dritten Lebensabschnittes” (turismo da terceira idade) das Bild. Reisende im Rentenalter bleiben nicht selten länger als einen Monat in Hotels, die nicht über den Winter schließen: Alle Jahre wieder in der Hoffnung auf ein volles Haus, sobald ab Ostern die Temperaturen steigen. Auch die Menschen im zentral portugiesischen Gebirgszug Serra da Estrela möchten ganzjährig wahrgenommen werden: Bis April regiert der Wintersport. Zwar bringen selbst niederschlagsreiche Jahre nur ausreichend Schnee für rund 35 Ski- und Rodeltage, doch Kunstschnee macht Wintersport an über 100 Tagen möglich. In Seia, Covilhã und Manteigas versprechen die Hoteliers auch abseits der Pisten Erholung und Abwechslung. Das Ministerium für Tourismus hat für die Branchen-Messen das Aktions-Projekt ,,Destino Portugal” ins Leben gerufen, das die Reiseveranstalter in EU-Ländern, aber auch in Russland, Japan und den USA ansprechen soll. Der Titel ist programmatisch: ,,Destino” ist nicht nur das ,,Ziel”, das Wort bedeutet auch ,,Bestimmung” und ,,Schicksal”.

Text & Fotos: HENRIETTA BILAWER

ESA 03/05

Share.

Comments are closed.