Latente Gefahr für die Ölbäume

Olivenbäume sind Symbol einer Lebensart. Sie sind Wahrzeichen einer Landschaft und prägen die Menschen, sind Grundlage einer kulinarischen Weltanschauung und ein nicht zu beziffernder Wirtschaftsfaktor. Teils diffuse, teils konkrete Hinweise auf ein unbezwingbares Bakterium verunsichern jetzt die Menschen

Grund zur Panik bestehe nicht, zur Aufmerksamkeit aber allemal, urteilt Ana Paula Carvalho, leitende Landwirtschafts-Ingenieurin des portugiesischen Lebensmittel- und Veterinäramtes DGAV über ein Thema, das derzeit immer häufiger Anlass zu Spekulationen gibt: Es geht um Xylella 
fastidiosa (XFA), ein von Insekten übertragenes 
Bakterium, das seit zwei Jahren in Teilen Süditaliens ein desaströses Olivenbaum-Sterben verursacht. In 
Ländern mit ausgedehnter Ölbaum-Kultur wächst 
die Unruhe.

Selbst Pflanzenpathologen sind verunsichert, denn offiziell heißt es, bislang sei XFA nur im Süden 
Italiens aufgetreten. Aber gleichzeitig beobachtet Spanien Verdachtsfälle des Erregers; auch in Frankreich, Algerien und Tunesien wurde jetzt vereinzelt Befall festgestellt, berichtet Fernanda Nascimento von der Universität Lissabon. Äußere Anzeichen seien „auffällige Blattverfärbungen, vom Rand beginnend, gelb oder rot mit einem deutlichen gelben oder grauen Hof zum gesunden Blattgewebe“. Meist sind alle Blätter an einem Ast betroffen. Doch „Verwechslungen mit anderen Bakteriosen oder abiotischen Faktoren sind möglich“. Auch in der Algarve gibt es Gartenbesitzer und aufmerksame Spaziergänger, die ungewöhnliche Veränderungen an dem einen oder anderen Baum entdeckt haben wollen und Rat suchen. Pflanzenpathologin Nascimento hat Verständnis für diese Sorge: 
„Es geht immerhin um einen Baumbestand, den schon unsere Großeltern pflegten.“
Die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit EFSA stuft jetzt in einem 262 Seiten starken Bericht zu Präsenz und Biologie des Erregers das Risiko einer weiteren Ausbreitung als „sehr hoch“ ein und spricht von „akuter Bedrohung für die gesamte europäische Landwirtschaft“. Jedoch gibt es außer einem Verbot von Pflanzentransport und -handel mit Befallsgebieten bisher kaum konkrete Aktionspläne. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht alle befallenen Pflanzen Symptome zeigen, aber jede von diesen zum Infektionsherd werden könne, so die EFSA. Die aktuellen europäischen Xylella-Infektionen hatten ihren Ursprung vermutlich in importiertem Oleander aus Zentralamerika. Genetisch stimmen die europäischen mit costa-ricanischen Bakterien überein.

In der globalisierten Welt sind die Wege für eine mögliche Einschleppung verschlungen, wie ein Beispiel aus Brandenburg zeigt. Bei Importkontrollen zog der Pflanzenschutzdienst des Landes infizierte Kaffeebäumchen aus dem Verkehr, die aus Costa Rica über die Niederlande nach Deutschland gekommen waren. Die südamerikanischen Sträucher sind als Schmuckpflanze sehr beliebt und als Gefahrenträger bekannt. Aber hier, so Fernanda Nascimento, offenbart sich das eigentliche Dilemma, denn „XFA kennt mindestens 150, möglicherweise 300 potenzielle Wirtspflanzen-arten“, darunter Zitrusfrüchte, Wein und Steinobst-gewächse wie Mandelbäume.
Ob sich der Erreger ausbreiten kann, hänge nicht nur von der Pflanze ab, sondern auch von der Kombination aus Unterart des Bakteriums und Vorkommen entsprechender Zikadenarten, erklärt Fernanda Nascimento, denn diese Insekten verbreiten den Erreger. Insbesondere die im Mittelmeerraum häufige Wiesen-schaumzikade (Philaenus spumarius; port.: ‘cigarrinha espumosa’) ist als Überträger belegt, 
sowie Zwergzikaden (Cicadellidae; port.: ‘cigarrinhas’), eine der artenreichsten Insektenfamilien. Aufgrund der zahlreichen möglichen Kombinationen sei es „enorm schwer, Erkenntnisse aus einem Land auf ein anderes zu übertragen.“
Die Tierchen saugen am sogenannten Xylem der Bäume (das ist das Leitgewebe, das Wasser und lösliche mineralische Nährstoffe von den Wurzeln in und durch die Pflanze transportiert) und übertragen dabei das Bakterium, das sich von den Spurenelementen des Pflanzensaftes ernährt, dem Baum dieselben entzieht und den Wasser- und Nährstoffkreislauf unterbricht. Die Bäume vertrocknen. Das Insekt kriecht oder springt weiter, zum nächsten potenziellen grünen Opfer. Zikaden könnten auch in Fahrzeugen oder Transportgut unbemerkt größere Strecken überwinden und den Erreger verbreiten, meint Nascimento. „Wir wissen einfach zu wenig über den Erreger und über seine Überträger oder darüber, wie weit die in ganz Europa verbreiteten Schaumzikaden fliegen können.“

Bei „Ausbreitung der Krankheit im Binnenmarkt ist zu erwarten, dass sich der Wirtspflanzenkreis erweitern wird.“ Hinter der hölzernen Wortwahl eines EU-Kommuniqués verbirgt sich das bedrohliche Szenario massiver Verluste in der Landwirtschaft und das Horrorszenario einer Landschaft, die nach einem nennenswerten Befall nie mehr so aussehen wird, wie zuvor. Nicht nur, weil nekrotische Blätter und nach und nach absterbende Äste den Baum als stummes Denkmal für das zerstörerische Potenzial der Natur zurücklassen: Jeder Baum mit Anzeichen der Krankheit muss gefällt und verbrannt werden, so sehen es die EU-Regeln strikt vor – und verursachen einen Streit unter den potenziell am meisten bedrohten Ländern. Frankreich und Spanien votieren bei Befall für die rigorose Vernichtung, Landwirtschafts-Verbände aus Italien und Portugal fordern die Erforschung weniger radikaler Methoden. Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelschutz, hat mehr Geld für die XFA-Forschung zugesagt. Ein Mittel zur Bekämpfung des Erregers ist nicht bekannt, XFA gilt bisher als unausrottbar.
Nur eins ist klar: Lange, heiße, trockene Sommer verstärken den Krankheitsverlauf. Die zunehmende Klimaerwärmung begünstigt das Bakterium. Forscher und Züchter suchen nach Auswegen, doch das langfristige Ziel, Ölbäume zu züchten, die XFA-resistent sind, scheitert weitgehend am Faktor Zeit: Die Bäume wachsen extrem langsam, sodass man mögliche Züchtungserfolge erst Jahre später auswerten könnte. Die italienische Regierung rief den Notstand aus, nachdem 240.000 Hektar Olivenplantagen als 
infiziert galten (das entspricht knapp der Hälfte der Fläche der Algarve). Was passiert, wenn das Bakterium Portugals Olivenhaine erreichen sollte, möchte sich niemand ausmalen und das Landwirtschaftsministe-rium beantwortet keine Fragen zu XFA.
Ein Mitarbeiter des landwirtschaftlichen Forschungsinstituts INIAV in Elvas im Alentejo hat in Gesprächen mit Olivenbauern der Region erfahren, dass sie nicht nur die Angst ihrer italienischen Kollegen teilen, sondern auch deren Theorien ganz anderer Art zur XFA-Epidemie und untätigen Politikern: Für Produzenten genetisch veränderten Saat- und Pflanzengutes wie Monsanto schaffe der massenhafte Befall erstklassige Test-Biotope für Gen-Experimente, sagen die einen. Andere argwöhnen, nach Rodung befallener Flächen hätten wahlweise die Tourismusindustrie oder die Betreiber von Solarparks Platz für ihre Anlagen auf heute unbebaubarem, geschütztem Land.
Für João Estévão, der Olivenhaine in der Algarve besitzt, kann die Rettung der Natur nur aus der Natur selbst und aus der Landwirtschaftspolitik kommen: Es müsse Anreize für die Rückkehr der Landwirte geben. „Brach liegende Olivenwälder sind das wahre Problem. Dort breitet sich jede Seuche schneller aus.“
Text: Henrietta Bilawer
ESA 09/15

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