Tausendgüldenkraut

Das Kraut der Centauren

Tausendgüldenkraut · Centaurium erythraea · Fel do Mato
In einer Serie wird Christina Steffens über die heimischen Heilpflanzen berichten. Über ihre Geschichte und Mythologie erzählen, auf Botanik eingehen und sowohl medizinische als auch kulinarische Rezepte nennen

Wandernden Genießern werden im Mai an der malerischen Küste bei Lagoa überall die zartrosafarbenen Blütenteppiche auffallen. Hierbei handelt es sich meistens um das Tausendgüldenkraut. Centaurium erythraea wurde im Mittelalter als Heilpflanze so hoch geschätzt, das sein Bestand dadurch stark dezimiert wurde. Heute zählt es zu den geschützten Pflanzen. Es darf zwar gepflückt, sein Wurzelstock aber nicht ausgegraben werden. Das Tausendgüldenkraut gehört zu der Familie der Enziangewächse und somit zu den Bitterstoffpflanzen. Seine kleine Blüte lässt nicht ahnen, wie bitter sie schmeckt. Wer möchte, kann eine Blüte im Mund zergehen lassen, der bittere Geschmack bleibt lange erhalten. Die ,,bittere Medizin” regt den Speichelfluss derart an, dass der Magen anfängt seine Säfte zu produzieren und die Galle umgehend ihre Tätigkeit aufnimmt. Diese unscheinbare Blüte schmeckt so schockierend bitter, dass der Kreislauf in Gang kommt und man sich insgesamt wacher und durchgewärmt fühlt. Der ganze Stoffwechsel wird belebt. Man spricht beim Tausendgüldenkraut von einem Bitterwert von 1:3.500, das heißt, bei einem wässrigen Auszug aus dem Kraut schmeckt dieser noch bei einer Verdünnung von 1:3.500 bitter. Schon die Römer waren von seiner Bitterkeit so sehr beeindruckt, dass sie es ,,Erdgalle” (,,fel terrae”) nannten. Sie brachten damit die Verdauungssäfte wieder zum fließen, heilten Bisse von tollwütigen Hunden, behandelten schlecht heilende Wunden und wendeten es auch bei Fieberkrankheiten und Wurmbefall erfolgreich an. Das Kraut war aus den Lebenselixieren (Theriak), die den heutigen ,,Schwedenbittern” ähnelten, nicht mehr weg zu denken. Als ,,Allesheiler” diente er im Haus auch dazu, Böses abzuwenden und vor Bränden zu schützen. Wer sich eine am Johannistag gepflückte Blüte in die Geldbörse steckt, dem wird das ganze Jahr über das Geld nicht ausgehen. Die hohe Wertschätzung des Tausendgüldenkrautes als Heilpflanze zeigt sich ebenfalls in seinem Namen, der durch einen Übersetzungsfehler seiner wissenschaftlichen Bezeichnung zustande gekommen ist. Der Gattungsname ,,Centaurium” geht auf das griechische ,,kentaureios = zu den Kentauren gehörend” zurück. Centauren sind Mischwesen, halb Mensch halb Pferd. Im antiken Griechenland lebte der berühmte Kentaure Chiron. Eines Tages wurde er an seinen Pferdebeinen verletzt. Die Wunden heilte er mit dem Tausendgüldenkraut. Aus Dank und zur Erinnerung nannte er die Pflanze Centaurea. In unserem Kulturkreis glaubte man an Drachen und Einhörner, hatte aber nie von Pferdemenschen gehört. So übersetzte man damals ,,Centaurea” lateinisch mit centum = hundert, und mit aurum = Gold. Hundertguldenkraut hieß es bis ins 15. Jahrhundert. Seine außerordentliche Heilkraft, die heute wissenschaftlich bestätigt ist, ließ den Wert und somit auch den Namen in Tausendgüldenkraut steigen. Ähnlich wie die alten Römer, nennen die Portugiesen noch heute das Centaurium ,,Fel do Mato”, was so viel bedeutet wie ,,Galle des Gestrüpps”. Anwendung findet es bei Appetitlosigkeit, Verdauungsschwäche, chronischen Hautleiden, nervöser Erschöpfung, zur Kräftigung nach überstandenen Krankheiten und als Zusatzmittel bei Diabetes und Leber-Galle-Störungen. Erst nach einer längeren Einnahmezeit entfaltet es seine auf den gesamten Organismus anregende und kräftigende Wirkung. Nicht angewendet werden sollte das Centaurium bei empfindlichem Reizmagen, Sodbrennen und Magen-Darm-Geschwüren. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Fragen Sie Ihren Arzt oder Heilpraktiker nach einer für Sie individuell angepassten Anwendung. Portugal bietet mit seiner großen Auswahl an Portweinen die beste Basis für einen selbst gemachten Kräuterwein: 20 Gramm bis 40 Gramm Kräuter in einen Liter Portwein einlegen. Das Ganze lässt man, je nach Geschmack, ein bis sieben Tage stehen, schüttelt es regelmäßig und filtert es dann ab. Dieser Wein ist drei Monate haltbar und kann likörgläschenweise zur Anregung der Verdauungssäfte 30 Minuten vor dem Essen eingenommen werden. Das Tausendgüldenkraut lässt sich für diesen Wein gut mit Johanniskraut und Rosmarin mischen. Aus Russland ist bekannt, dass ein Branntweinaufguss mit Johanniskraut und Tausendgüldenkraut als Magenmittel zu jedem guten Essen gehört.

Christina Steffens
interessierte sich bereits in ihrer Kindheit für die Pflanzenheilkraft. Um ein professionelles Fundament für ihre Ausbildung in Pflanzenheilkunde zu erhalten, entschied sie sich vorab die Ausbildung zur Heilpraktikerin zu absolvieren. Anschließend folgten Zusatzausbildungen wie Iris-Diagnostik, Ohrakupunkutur, Fußreflexzonenmassage. Schließlich erhielt sie einen Platz an der renommierten Heilpflanzenschule in Freiburg bei Ursel Bühring. Seit einem Jahr lebt sie nun in der Algarve und freut sich darauf, mit den Beiträgen in der ESA ihre Kenntnisse an Interessierte weiterzugeben, und sie dadurch für diese einzigartige und vielseitige Flora der Algarve zu sensibilisieren. Entdecken Sie mit Christina jeden Sonntag wandernd die Hausapotheke der Natur! Christina Steffens Heilpraktikerin/ Phytotherapeutin www.algarve-heilpraktikerin.com Mob.: 917135306

Der ausführliche Bericht und die Botanik steht auf www.entdecken-sie-algarve.com

ESA 05/09

Share.

Comments are closed.