Palmen über Palmen

Sind Palmen im mediterranen Gartenbau überhaupt noch zeitgemäß? Oder anders: kann man auf Palmen als Stilmittel verzichten? Nicht zuletzt wegen der Käferproblematik drängen sich solche Fragen förmlich auf

Und doch ist die Palme in der Algarve nicht mehr wegzudenken. Als Symbol schlechthin für den Tourismus ist sie innerhalb weniger Jahrzehnte zum eigentlichen „Brotbaum“ der Algarve avanciert und löst damit die Jahrtausende alte Tradition von Oliven und anderen ab. Gar mancher, der sich endlich den langersehnten Traum vom sonnigen Süden erfüllt hat, möchte die ein oder andere Palme in seinem Garten nicht missen. Und warum auch? Es träumt sich einfach so schön unter Palmen! Phoenix canarensis, die Kanarische Dattelpalme wird jedoch, wer Probleme vermeiden will, heutzutage sicher keiner mehr pflanzen. Dies aber öffnet Raum für solche Palmenarten, die bisher weniger Beachtung fanden. Zugegeben, auch andere Arten werden gelegentlich vom „Palmenrüssler“ befallen, aber doch eher ausnahmsweise. Und wären schon früher mehr verschiedene Palmenarten gepflanzt worden, so hätte der Käfer seinen Siegeszug durch die Algarve sicher nicht in dieser verheerenden Weise antreten können. Denn viele der anderen Palmen eignen sich nicht so gut für die Eiablage: Entweder ist das „Herz“ – das Wachstum-Meristem – zu klein, um die Vollendung des Entwicklungszyklus zu gewährleisten, oder sie produzieren zu viele Abwehrstoffe. Der Traum vom Palmengarten darf also ruhig weiter geträumt werden. Ein weiterer Vorteil der meisten Palmenarten ist, dass sie in der Regel sehr robuste Überlebenskünstler sind, die mit den heißen Algarvesommern problemlos zurechtkommen. Sind sie einmal angewachsen, so kommen die meisten Sorten ohne oder mit nur geringer Bewässerung aus. Um der Käferepidemie entgegenzuwirken, kann aus der Forstwirtschaft das Konzept des Mischwaldes entliehen werden. Es basiert auf der Beobachtung, dass in gemischten Wäldern ein insgesamt gesünderer und vitalerer Baumbestand vorhanden ist. Ökosysteme sind ständig irgendwelchen Angriffen von Parasiten und Krankheitserregern ausgesetzt. Je heterogener jedoch die Zusammensetzung, desto weniger kann sich ein bestimmter Schädling ausbreiten. Und selbst wenn eine bestimmte Baumart stark befallen ist, so finden sich doch stets genug andere, die gegen die Krankheit immun sind und die Lücken schließen können. Wie kann nun aber ein solch heterogener Palmengarten, ein sogenannter „Palmeiral“, aussehen? Auch hier kann man sich wieder an Naturwäldern orientieren: Große Bäume bilden die Oberschicht, in deren Schatten kleinere emporwachsen. Bodendecker füllen die Lücken aus; ein mehrschichtiges Gerüst, bei dem der Blick von einer Etage in die andere übergleitet. Übertragen auf den Palmengarten fänden in der Oberschicht Giganten der Gattung Washingtonia Platz, wobei W. filifera langsamer wächst als W. robusta, dafür aber oft einen dickeren Stamm entwickelt. Auch sehr dekorativ sind die fiederblättrigen Exoten Sagyrus romanzoffia und Archontophoenix alexandrae. Bismarckia nobilis glänzt mit ihren bläulichsilbrigen Wedeln. Eine der noch weniger bekannten Sorten ist Wodyetia bifurcata, deren Blätter an Gingko erinnern. Zwar ebenfalls sehr groß, doch deutlich langsamer wachsend sind Jubaea und Livistona chilensis. Mittlere Größen erreichen Sabal mexicana und palmetto, Roystonea regia (Königspalme), Ravenea rivularis oder die dreieckige Dypsis de-carii. Etwas langsamer wächst die Hanfpalme Trachycarpus fortuneii. Für die unteren Stockwerke eignen sich besonders langsam wachsende Palmen, die aber ausserdem gut schattenverträglich sein müssen. Beispiele hierfür wären die Zwergpalmen Chamaerops humilis, Trithrinax campestris und Chamaedora seifrizii. Diese horstartig wachsende Palmenart erinnert mit ihren vielen Stämmchen fast an Bambus. Auch die vielstämmige Raphis humilis/multifida bleibt eher kleiner. Sehr edel ist die schlanke Phoenix roebellinii. Desweiteren können auf der unteren Ebene sehr gut Palm- und Baumfarne wie Cycas revoluta und Cyathea cooperi mit eingestreut werden. Auch gut kombinierbar sind Immergrüne wie Strelizia regiae, Philodendron oder Charissa (Natalpflaume) und Sukkulenten wie Agave attenuata oder verschiedene Aloen. Nicht Palmen im engeren Sinne, aber dennoch oft im selben Atemzug genannt und daher hervorragend für einen Palmengarten geeignet, sind Yucca (Palmlilie), Banane, Baumstrelizie (Strelizia nicolaii) oder Drachenbaum. Andere Bäume, die gut mit Palmen kombiniert werden können, sind immergrüne Ficus-Sorten und die pyramidenförmige Araukarie, deren Form mit dem tief sitzenden Schwerpunkt genau konträr zu der der „kopflastigen“ Palmen ist.

Tom Kaltenbach

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