Garten Blues

Kornblumenblau ­ Sind die Augen der Frauen beim Weine…

Karneval ist längst vorbei, der unerbittliche Schunkeltakt der rheinischen Traditionslieder verklungen. Die Räusche sind überstanden und es gibt bei den Frauen auch wieder andere Augenfarben. Blau sein ist out, Blues ist angesagt. Ein wenig Katerstimmung, Selbstbesinnung, Fastenzeit, zur Ruhe kommen. Selbstverständlich ist der Garten dafür das ideale Umfeld. Am besten: der blaue Garten. Die Farbe Blau soll den Nervus Vagus aktivieren, der eine beruhigende Wirkung auf das Nervensystem hat. Blau führt zur Verlangsamung von Atmung, Herzschlag und Puls und lässt den Blutdruck fallen. Blau ist die Farbe von Passivität und Ruhe, ästhetischem Erleben, Empfindsamkeit und Harmonie. Blau kühlt wie das Wasser, streichelt wie eine sanfte Brise, führt in märchenhafte Ferne. Wenn ein kleiner Garten größer und tiefer wirken soll, bepflanzt man seine Grenzen mit blau Blühendem, kombiniert mit den Farben Weiß und Creme. Grün und Blau umgeben die Ruhe- und Meditationszone mit stillen Farben, die versteckte Laube wird von blauer Wisteria umrankt. Die ,,hohe, lichtblaue Blume”, von der Heinrich von Ofterdingen, der Held in Novalis’ Romanfragment, träumt, löst Sehnsucht nach der Ferne aus und regt zu Aufbruch und Suche nach persönlicher Sinnerfüllung an. Die blaue Blume galt fortan als vielzitiertes Symbol der literarischen Bewegung der Romantiker. Es ist nicht überliefert, um welche Spezies es sich dabei gehandelt haben könnte; Novalis’ Beschreibung ist sehr nebulös und reicht für eine Klassifizierung leider nicht aus. Vielleicht war sie auch deshalb so sehr schwer zu finden, die blaue Blume. Blau ist die Farbe der Algarve: Himmel und Meer gehen am Horizont ineinander über. Wir können hier, je nach Tageszeit und Lichtstimmung, unendlich viele verschiedene Blautöne beobachten. Die Agypter sahen im tiefen Blau des Wassers das Leben und im unermesslichen Blau des Himmels das Göttliche. Im abendländischen Kontext symbolisierte Blau göttliche Reinheit, weshalb die alten Meister in ihren Darstellungen der Maria immer gern einen leuchtend blauen Mantel umlegten. Der expressionistische Maler Wassily Kandinsky gründete mit Künstlerkollegen die Vereinigung ,,Blauer Reiter”, denn auch diese jungen Wilden des angehenden 20. Jahrhunderts liebten die Farbe Blau besonders und fühlten sich durch sie ins Unendliche und Übersinnliche, ins Träumerische berufen. Suchen wir also nach den blauen Blumen der Algarve, um den Traumgarten in Blau zu gestalten und dort dem Garten Blues zu lauschen. Die eingangs zitierten Kornblumen (Centaurea cyan) gibt es übrigens nicht nur am Rhein, sie stammen ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Wenn man ihr wunderschönes Lichtblau im Garten haben möchte, muss man sich allerdings die Mühe machen, sie jedes Jahr aus Samen zu ziehen und ihnen ein angemessen nährstoffarmes Ambiente bieten. Die hellblaue Marguerite Felicia amelloides bekommt man hingegen im Gartencenter. Vier Pflanzen auf einen Quadratmeter schließen sich zu einer dichten Bodendecke zusammen, die von März bis Juli mit Blütensternen bedeckt sein wird; oft gibt es sogar noch eine Nachblüte im Herbst. Auch die kriechende Winde convolvulus sabatius erfreut mit üppigem blauen Blütenflor. Beide Arten tolerieren die Sommentrockenheit, sind aber glücklicher und blühfreudiger mit gelegentlichen Wassergaben. Vinca minor (oder major) ist in dieser Hinsicht hart im Nehmen, allerdings hätte diese Ausläufer bildende Bodendeckerpflanze gerne ein wenig Schatten. Sie ist ein sicherer Tipp für die schwierig zu besetzenden Stellen unter Bäumen und Sträuchern.

Natürlich ist Blau nicht gleich Blau. Auf der einen Seite der Farbskala nehmen die Rotanteile zu, und die Farbe wandelt sich ins Violette, auf der anderen Seite stehen die grün-blauen Farbkombinationen. Für alles gibt es die pflanzliche Entsprechung. Viele der mediterranen Kräuter und Halbsträucher wie Rosmarin, Salbei, Lavendel, Ysop, Teucrium sind blaublütig. Es existieren aber Arten und Sorten, deren Blütenfarbe von kräftig mittelblau bis zum zarten bleu, blauviolett und rosa reichen. Lavandula stöchas zum Beispiel geht mehr ins violette, Lavandula angustifolia Hidcote Pink ist nahezu rosa, Lavandula dentata Candicans hat blaue Blüten. Die Blütenkugeln von Agapanthus africanus sind eindeutig mittelblau, während die ebenso geformten Blüten des Zierlauch Allium giganteum wiederum mehr ins Lila spielen. Die provozierend blauen Blüten des Borretsch, die uns im März, April zusammen mit Mohn und gelber Marguerite von Schutthalden und Ruderalflächen entgegenleuchten, können wir auch in den Garten holen. Der große Bruder vom Borretsch, Echium candicans, zieht mit hohen Blütenkerzen ebenfalls eine blaue Show ab.Während Borretsch sich fürs nächste Jahr vorsorglich selbst aussäht, bleiben die strauchigen Blattquirle von Echium stehen, bis es wieder Zeit ist, die Blüten auszufahren. Die abgeblühten Stengel sollte man aber regelmäßig abschneiden. Für Sträucherfans sei weiter noch an Bleiwurz, (Plumbago capensis) Kartoffelstrauch (Solanum rantonettii), Schmetterlingsstrauch (Buddleia) erinnert sowie an die wunderbare Säckelblume, Ceanothus. Die strahlend blauen oder violetten Blüten dieser Gattung entstehen im Frühjahr geballt in Büscheln an den Zweigenden und erinnern in ihrer Erscheinung an Flieder. Säckelblumen brauchen volle Sonne, durchlässigen Boden und windgeschützte Lagen. Allzu kalkhaltigen Boden schätzen sie auch nicht, löbliche Ausnahmen sind Ceanothus ,,Concha” und Ceanothus griseus var Horizontalis. Wie sieht es bei den Kletterern aus? Auch hier können wir ins Blaue hinein gestalten; Blauregen (Wisteria), Clematis, Hardenbergia, Sollya stehen blaublütig zur Verfügung. Vorsicht bei Ipomoea indica, der Prachtwinde: mit ihr kann man sein blaues Wunder erleben ­ wenn man nämlich versucht, ihre Wuchsfreudigkeit einzudämmen. Abschließend zum Baum aller Bäume, wenn es um die Farbe Blau geht: Jacaranda mimosifolia, der Palisanderholzbaum. Die Blüten kommen vor den Blättern, ihre geballte blaue Farbwucht ist unübertrefflich. Wer also Platz für diesen raschwüchsigen Laubbaum hat, der hole sich den blauen Traum in seinen Garten und er kann sich jedes Frühjahr auf den Garten Blues freuen.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin

ESA 03/08

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