Auf der Schattenseite des Gartens

Algarve ­ 300 Sonnentage im Jahr! Dennoch gilt auch hier: wo Licht ist, ist auch Schatten

Wer kennt sie nicht, die schütteren Stellen unter Bäumen und Sträuchern, an Mauern, zwischen Gebäuden, an Nordseiten, wo der Hibiskus sich allenfalls spärliche Einzelblüten abringt und Rosmarin duftlos vor sich hintrauert. Bei Lichtmangel haben Pflanzen es schwer. Manche Variegata-Arten vergessen ihre hellen Blattanteile und kehren wieder zu dunklem Laub zurück, Bodendecker streben mit langen dünnen Armen ins Helle, Bäume konzentrieren ihre Entwicklung ganz ökonomisch auf die oberste Etage, die der Sonne am nächsten ist. Wir Menschen reagieren ja ebenfalls auf Lichtmangel. Unlust, depressive Anwandlungen, winterliche Stimmungstiefs sind die Folge von langer Dunkelheit. Für Pflanzen hingegen wird Lichtmangel auf Dauer lebensgefährlich. Sie brauchen Lichtenergie zur Photosynthese, wenn sie aus dem CO2 der Luft und Wasser Nährstoffe gewinnen. Fehlt eine der Komponenten, gibt es keinen Lebensmittelnachschub mehr. In der Vielfalt der Pflanzenwelt haben sich aber auch Spezialisten herangebildet, die mit solch kargen Umständen ganz gut zurecht kommen. Über diverse Anpassungsmechanismen nutzen sie das wenige, das ihnen zur Verfügung steht, optimal aus; energietechnisch könnte man sagen, sie haben einen hohen Wirkungsgrad. Große Blattflächen fangen noch den kleinsten Lichtstrahl ein, Speicherwurzeln sorgen für hungrige Zeiten vor, langsames Wachstum reduziert insgesamt den Engerieverbrauch. Mit solchen Spezies kann man zwar keinen üppig farbintensiven Tropengarten gestalten, aber man kann dunkelkahlen Gartenecken ein hübsches grünes Kleid anziehen. Wenn allerdings zum Lichtmangel noch Trockenheit hinzukommt, wird die Anzahl der Überlebenskünstler wiederum kleiner. Die Strategien, mit denen Pflanzen mangelndes Licht ausgleichen, sind bei Trockenheit oft kontraproduktiv, so etwa verbieten sich in trockenen Verhältnissen große Blätter, da sie zuviel verdunsten. Doch einige ganz gewiefte pflanzliche Spezialisten können auch solchen Bedingungen noch etwas abgewinnen.
Text: MARIE GIERING

Fazit: Die dunklen Seiten des Gartens müssen nicht seine Schattenseiten sein

Einige Exemplare aus dem Schattenkabinett
Fatsia japonica ist vielen vielleicht als verstaubte Topfpflanze unter dem Namen Zimmeraralie bekannt. Hierzulande dürfen wir sie getrost nach draußen setzen, ihre großen, tiefgelappten Blätter sind ein Hingucker, und wenn es ihr gefällt, kann sie zu einem stattlichen Strauch heranwachsen. Im Sommer freut sich Fatsia allerdings schon über eine gelegentliche Extraration Wasser, genauso wie Bergenia, eine Rhizomstaude aus der Familie der Streinbrechgewächse. Deren Spezialität sind große Büschel aus rosa Blüten, die im Winter und Frühjahr erscheinen. Wenn man ein disziplinierter Gartenmensch ist und die verblühten Köpfe regelmäßig entfernt, wird man mit einer langen Blütezeit belohnt. Genügsam in puncto Wasser sind die meisten Ficusarten. In den fünfziger Jahren wurden in deutschen Wohnzimmern die großen Blätter des Gummibaums (Ficus elastica) liebevoll poliert, mittlerweile entspricht sein kleinblättriger Bruder Ficus benjaminii eher dem Zeitgeist der Innendekoration. Sein problemloses Dasein im Halbschatten von Wohnräumen zeigt aber, dass Ficus beim Thema Licht nicht empfindlich ist. Ficus benjaminii gehört zu den Allroundern, die es sowohl in der Sonne aushalten, es sich aber auch in schattigen Bereichen gemütlich machen. Viele Arten sind von ihrer Statur her selbst Schattenspender. Der kleinste, Ficus pumila, ist ein Kriecher und kann eine gewisse Größe allenfalls durch Klettern erreichen. Um bei den Kletterern und Schlingern zu bleiben: Der Klassiker unter diesen Pflanzen im Schattendasein ist natürlich Efeu (Hedera helix). Manche lehnen ihn deshalb als zu ausgeleiert ab. Aber wenn es darum geht, eine hässliche Nordmauer zu begrünen, sucht er seinesgleichen. Zwar schafft das auch die Jungfernrebe (Parthenocissus, auch wilder Wein genannt), und erfreut dazu noch mit schöner Herbstfärbung ­ im Winter aber entledigt sie sich ihrer Blätter und gibt den Blick wieder frei auf das, was sie verbergen soll. Clematis armandii klettert in bescheidenerem Maßstab. Ihr ist es egal, wenn ihre Triebe in die Sonne umgelenkt werden, sie besteht aber unbedingt auf einem schattigen Fuß. Dank ihrer schlingenden Blattranken findet sie fast überall Halt, und mit ihren weißen Blüten kommt endlich Duft in die dunkle Ecke. Wer den noch intensiver haben möchte, setze Lonicera periclymenum, den Waldgeissbart. Da auffallende Blütenfarben bei schattentoleranten Sträuchern kaum zu finden sind, sollte man die Möglichkeit nutzen, mit unterschiedlichen Blattfarben zu spielen. Material hierfür bieten silbrige Töne, wie etwa von Helichrysum petiolare oder vom grauen Blauschwingelgras, Festuca glauca, die sich gut vor dem Burgunderrot der Berberis thunbergii atropurpurea oder der Dodonea viscosa abheben. Sattdunkelgrüne Buchskugeln oder die Wuschelschöpfe von Pittosporum tobira Nana passen hervorragend zu dieser Kombination. Den vertikalen Aspekt liefert Akanthus mollis, der im Sommer äußerst attraktive blasslila-weiße Blütenkerzen aufsteckt. Ein zuverlässiger Bodendecker ist Vinca, minor oder major, die als Unterholzpflanze im Wald an ein schattiges Dasein bestens adaptiert ist. Auch Ophiopogon, ein immergrünes Liliengewächs mit kurzen grasartigen Blättern, die aus unterirdischen Rhizomen entspringen, ist anspruchslos und eignet sich als Bodendecker. Eine interessante Kombination bilden das schwarzviolette Opiophogon planiscapus Nigrescens zusammen mit den grünweissgestreiften Blättern von Chlorophytum commosum, der Grünlilie, auch sie ein eher lichtscheues Gewächs. Um doch noch ein paar Farbtupfer in die Schattenpalette zu setzen, empfehlen sich Zwiebelpflanzen. Reichlich Narzissenzwiebeln, im Herbst verteilt, zaubern im Frühjahr leuchtendgelbe Sonnenstrahlen. Iris japonica sorgt für Farbe im Sommer und im Herbst tauchen die rosa Blütenköpfe von Amaryllis belladonna jedes Jahr wie aus dem Nichts auf, denn die im Sommer vertrockneten Blätter kommen erst später wieder.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und gibt regelmäßig Tipps für die ESA-Leser. Kontakt: Tel. 282 912 630

ESA 02/08

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