Vanilles Verwandtschaft

Vanilles Verwandtschaft

Wenn es aus Richtung Backofen weihnachtlich nach Vanillekipferl duftet ­ denken Sie dann an Orchideen? Sollten Sie aber!

Die langen schwarzen Schoten mit dem klebrigen aromatischen Inhalt sind die Samenkapseln von Vanilla planifolia, einer Orchideenart. Vanille zählt sogar zu den größten Orchideen überhaupt, sie klettert nämlich und kann bis zu zehn Meter lange Ranken ausbilden. Tlilxochitl, schwarze Blume, nannten die Azteken das auch von ihnen schon geschätzte Gewürz, dessen Urheimat Mexico ist. Heute wird Vanille in tropischen Gebieten rund um die Erde angebaut; Madagaskar und Réunion im Indischen Ozean sind die Hauptproduzenten. Die Bourbonvanille hat sogar ihren Namen von der Insel Réunion, die früher ,,Ile Bourbon” hieß, bis die französische Revolution der Herrschaft der Bourbonen ein Ende setzte. Zunächst aber scheiterte der Versuch, Vanille auch außerhalb Mexikos kommerziell zu nutzen. Grund war der anspruchsvolle Bestäubungsmechanismus der Vanille. Nur ausgewählte Bienenund Kolibri-Arten, die ausschließlich in Mexiko und Zentralamerika vorkommen, waren der Pflanze genehm. Erst als es einem belgischen Botaniker 1837 gelang, den komplizierten Fortpflanzungsmechanismus der Pflanze ganz zu verstehen, konnte eine künstliche Bestäubung im Gewächshaus erfolgreich durchgeführt werden. Bis eine frisch gepflanzte Vanilla planifolia Ertrag und Gewinn abwirft, dauert es fünf arbeitsintensive Jahre. Die mühsame künstliche Bestäubung der einzelnen Blüten per Kakteenstachel ist heute meist Frauenarbeit. 1.000 bis 1.500 Blüten schafft eine geübte Arbeiterin am Tag, und es ist nur zu hoffen, dass von dem teuren Endpreis des Gewürzes auch ein angemessener Teil bei ihr verbleibt. Der Marktpreis von Vanille schwankt abenteuerlich, er wird beeinflusst von Großabnehmern wie Coca Cola, von tropischen Wirbelstürmen, die ganze Plantagen verwüsten, von Spekulation und von der Konkurrenz des synthetisch hergestellten Geschmacksstoffes Vanillin. Liebhaber des Vanillegeschmackes sind sich einig: die echte Vanille muss es sein, erkennbar an den schwarzen Pünktchen, den Samen der Pflanze. Schwarz wird die Vanille natürlich erst durch den Fermentationsprozess, vorher hängen die Früchte wie lange grüne Bohnen an den Ranken. Vanille ist die einzige kulinarisch verwertbare Orchidee, die in unserer häuslichen Umgebung nicht kultiviert werden kann. Anders ist es mit gängigen Zierpflanzenorchideen, die, oft zur last-minute-Geschenkidee missbraucht, sicher auch wieder den einen oder anderen weihnachtlichen Gabentisch beglücken werden. Vor allem Züchtungen von Hybriden der Gattungen Phalaenopsis, Cattleya, Dendrobium, Cymbidium findet man als getopfte Pflanzen, und dank moderner Zuchtmethoden sind sie sogar bezahlbar. Früher musste jede Orchidee im tropischen Regenwald eingesammelt und per Schiff nach Europa verfrachtet werden. Das war teuer, und deshalb haftet der Orchidee noch heute der Nimbus von etwas besonders Seltenem, Kostbaren an. Die exotische Pracht ihrer Blüten trägt natürlich ebenfalls zu ihrem Paradiesvogelimage bei. Die Familie der Orchideen ist unglaublich einfallsreich und vielseitig bei der Ausbildung von Formen und Farbkombinationen ihrer Blüten. Für den Orchideenfreund ist dabei besonders erfreulich, dass sich die Blütentrauben wochenlang halten. Während das Schnittblumenarrangement nach ein paar Tagen auf dem Kompost landet, steht die rätselhafte Orchideenblüte unverändert perfekt auf ihrem Stengel. Was können wir tun, um sie auch so schön zu erhalten? Auf keinen Fall des Guten zuviel ­ zum Beispiel in Punkto Wasser. Zwar kommt die Orchidee aus dem feuchten tropischen Regenwald, aber sie ist keine Sumpfpflanze. Mehr als die Hälfte aller Orchideen wachsen epiphytisch, d.h. auf anderen Pflanzen, die sie nicht als Wirtspflanze aussaugen wie Schmarotzer, sondern nur als Haftunterlage benötigen. Dort werden sie von starken Regenschauern völlig benässt, das Wasser läuft aber auch schnell wieder ab. Wenn eine Orchidee mit den Wurzeln längere Zeit im Wasser steht, so ist das ihr sicherer Tod. Je nach Größe ein- bis zweimal die Woche gießen genügt in der Regel. Der fachgerechte Orchideentopf hat zum Zwecke des raschen Wasserablaufs geräumige Löcher im Boden und steht auf einer Schicht Blähton oder Kiesel, die der Drainage dienen. Wer seiner Orchidee extra Streicheleinheiten zukommen lassen möchte, der liebkost sie gelegentlich mit etwas Wasserspray aus dem Zerstäuber. Auch Düngegaben können des Guten zuviel sein und damit eher schaden als nutzen. Orchideen sind sehr bescheiden in ihren Ansprüchen und zudem sehr salzempfindlich. Also den ­ ohnehin bereits stark verdünnten ­ speziellen Orchideendünger eher unterdosieren und die Ruhephase, in der die Pflanze Wachstum und Blüte einstellt, unbedingt respektieren. Die Wurzeln der epiphytisch wachsenden Orchidee wickeln sich um ihre Unterlage wie ein Klammeraffe und sind in der Lage, auch aus Regenwasser und Luft Nährstoffe aufzunehmen. Daraus ergibt sich Orchideenpflegeregel Nummer drei: epiphytische Orchideen niemals in Blumenerde beerdigen. Ihre Wurzeln brauchen Licht und Luft, deshalb stecken sie in einem Substrat aus Rinde, Torf und anderen Zusätzen, die luftdurchlässig sind. Sollte ein Umtopfen nötig sein, dann nur in fachgerechtes Orchideensubstrat aus dem Gartencenter. Die Temperatur- und Lichtansprüche der Tropenpflanzen sind, je nach Art, verschieden. Arten der Gattung Cattleya sind eher lichthungrig, während Phalaenopsis sogar an einem hellen Nordfenster gehalten werden kann. In Anbetracht ihres Heimatstandortes im Schatten von Baumkronen sollte man den meisten Orchideen direkte Mittagssonne ersparen, diese kann die Blätter verbrennen. Mit diesen wenigen Grundregeln wird der Orchideenanfänger, der an der tropischen Pracht einfach seine Augenweide haben möchte, zunächst zurechtkommen. Die höheren Weihen der Orchideenvermehrung allerdings sind wesentlich komplizierter, wie das Beispiel des Befruchtungsmechanismus von Vanilla planifolia bereits gezeigt hat. Orchideen sind zur erfolgreichen Keimung oft nicht nur auf bestimmte Bestäuber, sondern auch auf eine Symbiose mit Pilzen angewiesen. Im Erwerbsgartenbau wird deshalb über Meristeme vermehrt, das heißt mit jungem Pflanzengewebe werden genetisch identische Pflanzen geklont. Eine Faszination der ganz anderen Art sind wilde Orchideen. Wer das erleben möchte, der gehe im Frühjahr mit offenen Augen über Land und entdecke die auf der Iberischen Halbinsel heimischen, terrestrisch wachsenden Orchideen: die vielen Arten des Knabenkrauts, der Ragwurz, des Zungenstendel. Aber das ist ein eigenes Kapitel.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und gibt regelmäßig Tipps für die ESA-Leser. Kontakt: Tel. 282 912 630

ESA 12/07

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