Pflanzen lieben Gesellschaft

Beunruhigende Meldungen berichten vom großen Bienensterben in Amerika. Auch in Teilen Europas wurde bereits beobachtet, wie ganze Bienenvölker spurlos verschwinden. Man kann im Moment nur hoffen, dass es bei Einzelfällen bleibt, denn die Ursachen sind offenbar nach wie vor nicht geklärt

Kirschblüte

Das komplizierte Geschäft der Bestäubung und Befruchtung ist ohne Bienen nicht machbar. Wind und andere Insekten allein können es nicht schaffen, ganz abgesehen davon, dass hier jeweils unterschiedliche Voraussetzungen im Blütenbau vorliegen müssen. Gehen die Bienen in Streik, nach dem Motto ,,stell dir vor, es blüht, und keiner fliegt hin”? Die Kausalkette: keine Bienen, keine Befruchtung, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen ­ ist sicher eine verkürzte Darstellung, aber sie stimmt im Wesentlichen. Ein Großteil unseres Obstes wird von Zuchtbienen bestäubt, ebenso Mandeln, Melonen, Paprika, Kürbisse und viele andere Gemüsearten, aber auch Viehfutter wie Klee. Aber geben Sie nicht gleich mangelndem Bienenfleiß die Schuld, wenn Ihr Gehölz keine Früche trägt. Vielleicht fehlt es ihrem Exemplar nur einfach am richtigen Partner oder Partnerin? Im Pflanzenreich existieren viele Strategien, um Inzucht zu vermeiden und Selbstbefruchtung ganz oder nahezu auszuschließen, denn Fremdbefruchtung sichert den Fortbestand der genetischen Variabilität. Manche Pflanzen sind daher ,,zweihäusig” (diözisch) angelegt. Actinidia chinensis, die Kiwi, ist solch ein Fall: Es gibt weibliche Kiwipflanzen und männliche Kiwipflanzen, das heißt mit ausschließlich weiblichen oder männlichen Blüten. Und es bedarf beider zusammen, um gemeinsam die schönen grünen Kiwifrüchte zu zeugen. Ganz ähnlich wie bei der Gattung Mensch. Allerdings sind Kiwi nicht auf strenge Zweierpaarbeziehungen festgelegt, sie halten es eher mit den Mormonen. Mehrere Weiblein teilen sich friedlich ein männliches Exemplar. Sollte gerade dieses aber eingehen, ist mit Früchten nicht zu rechnen. Wenn man nicht sicher ist, welches Geschlecht das verblichene Exemplar denn nun hatte, dann bleibt nur, wieder ein Kiwipärchen zu erwerben. In der Hoffnung, dass das Gartencenter diese richtig zu unterscheiden weiß und einem nicht zwei Individuen gleichen Geschlechts verkauft, sodass man mit einem Harem ohne Sultan vergeblich auf Obst hofft. Dieses Problem entfällt bei den einhäusigen Kiwi-Neuzüchtungen. Bei einhäusigen (monözischen) Arten sind männliche und weibliche Blüten ebenfalls unterschiedlich lokalisiert und aufgebaut, befinden sich aber auf ein und demselben Exemplar, also ,,in einem Haus”. Der Haselnussstrauch demonstriert das sehr schön: Jeder kennt die im Frühjahr erscheinenden gelben, hängenden ,,Würstchen” als Haselblüte. Hierbei handelt es sich aber nur um deren männliches Teil. Man muss schon sehr genau hinsehen, um das weibliche Pendant zu entdecken, das sich als winzig kleiner rötlicher Pinsel versteckt. Ebenso veranlagt sind die Walnuss, die meisten Koniferen, Feigen, Edelkastanie und Avocado. Das heißt nun aber nicht, dass Sie bei einhäusigen Arten mit einem einzelnen Exemplar auf sicheren Nachwuchs rechnen dürfen. Das Pflanzenreich schützt sich mit raffinierten Strategien vor Inzucht. Häufig sind die jeweiligen Geschlechter bei einhäusigen Arten zu unterschiedlichen Zeiten aktionsfähig. Bei der Avocado beispielsweise unterscheidet man zwei blütenbiologische Typen: Der Typ A öffnet die Blüten vormittags, dabei ist nur die weibliche Narbe reif, mittags schließt sie sich wieder. Die männlichen Staubbeutel entlassen den Pollen erst am nächsten Nachmittag bei erneuter Öffnung der Blüten. Der Typ B öffnet die Blüten nachmittags, um die Narben bestäuben zu lassen, während erst am Vormittag des nächsten Tages die männlichen Staubbeutel aufplatzen und den Pollen freigeben. Dieser Mechanismus verhindert Selbstbestäubung. Nur wenn unterschiedliche blütenbiologische Typen zusammen stehen, klappt es mit dem Fruchtansatz in befriedigender Weise. Für unseren Hausbedarf reicht es in der Regel auch, wenn in Nachbars Garten ebenfalls ein Avocadobaum steht; im Erwerbsgartenbau hingegen ist die Wahl und Zusammenstellung der richtigen blütenbiologischen Arten im Interesse reichen Ertrages entscheidend. Viele Pflanzenblüten sind zwittrig angelegt, das heißt weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale finden sich in einer Blüte vereint. Dadurch kann die Gefahr, nicht befruchtet zu werden und keine Nachkommen zu hinterlassen, minimiert werden. Aber auch bei zwitterblütigen Pflanzen ist Selbstbestäubung nicht die Regel. Viele Blüten sind so gebaut, dass eine zufällige Übertragung von eigenem Pollen auf die Narbe weitgehend oder ganz unterbunden wird. Der Blütenbau ist dabei oft derart diffizil, dass erst beim Mitwirken von Bestäubern, wie Insekten und Vögel, sichergestellt ist, dass diese den Pollen beim Anflug auf eine neue Blüte auf deren Narbe übertragen. In Blüten mancher Arten werden männliches Geschlecht (Androeceum) und weibliches Geschlecht (Gynoeceum) nacheinander reif. Und selbst bei autogamen (selbstbefruchtenden) Arten gibt es in der Regel einen kleinen Anteil Fremdbefruchtung, durch die ein Genaustausch aufrechterhalten wird. Zwittrig, einhäusig und zweihäusig sind die drei hauptsächlichen Spielarten der Geschlechterverteilung im Pflanzenreich, daneben gibt es allerdings noch kuriose Zwischenformen. Pflanzen mit zwittrigen und jeweils männlichen oder weiblichen eingeschlechtlichen Blüten (andromonözisch bzw. gynomonözisch), oder Arten, bei denen es zwittrige und weibliche (gynodiözisch) bzw. zwittrige und männliche (androdiözisch) Individuen gibt, oder polygammonözische Arten, bei denen Pflanzen mit männlichen, weiblichen und zwittrigen Blüten an einem Exemplar existieren. Alles unklar?

Besonders verwirrend liebt es der Papayabaum. Die meisten Sorten sind zweihäusig, daneben aber finden sich alle Formen der ,,Häusigkeit” mit allen denkbaren Mischformen. Und nicht nur das: Papaya pflegt gelegentlich das Geschlecht zu wechseln. Während großer Hitzeperioden zum Beispiel kann ein rein männlicher Baum plötzlich zwittrige Blüten hervorbringen, männliche oder bisexuelle Exemplare können wiederum zu gänzlich weiblichen werden, wenn man die Pflanze köpft. Wer sich die Analyse dieser ganzen komplizierten Geschlechterbeziehungen sparen will, handelt am besten nach der alten Gärtnermaxime ,,Pflanzen wollen Gesellschaft haben”. Den Rest erledigen dann, hoffentlich, die Bienchen.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin

ESA 10/07

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