Der letzte Schrei

Cyperus Papyrus: mag gern feuchte Füße

Der letzte Schrei
Das Thema Garten beschränkt sich schon lange nicht mehr auf Hacke, Samentütchen, Spaten, Rechen und Liegestuhl, sondern bemüht sich um Lifestyle, Wohnambiente, Garteninszenierungen mit Eventcharakter

Was Studium der Kataloge und Gartenzeitschriften soll die beliebteste ­ da einzig mögliche ­ Winterbeschäftigung des mitteleuropäischen Freizeitgärtners sein. Hier im Süden Portugals haben wir kaum Zeit dazu, denn gerade im Winter gibt es im Garten viel zu tun. Aber natürlich ist es immer reizvoll, einen Blick in die Druckerzeugnisse aus aller Herren Länder zu werfen. Im Frühjahr schwellen nicht nur die Knospen, sondern auch die Gartenmagazine und Kataloge, bereichert durch vielfältige Beilagen, die die neuesten Produkte des einschlägigen Marktes in Wort und Bild vorführen. Wenn längere Tage und zunehmende Wärme die Lust auf das Draußen wecken, locken Hersteller mit den jährlichen Neuheiten. Es ist beeindruckend, was da unter dem Titel ,,Wohnen im Freien” alles an Brauchbarem und Merkwürdigem vorgeschlagen wird. Neben Neuheiten sorgen wechselnde Moden dafür, dass der Rubel rollt. Textiles Design stellt sich jährlich anders dar, von den Sitzkissen bis zu den Grillhandschuhen; war gestern noch Florales ein Muss, trägt der Sonnenschirm heuer einfarbig oder gestreift. Zu den ganz edlen Designermöbeln ist selbstverständlich nur das praktische Weiß als Polsterstoff denkbar. Der Siegeszug der Plastikstühle liegt mittlerweile lange zurück, Holz und Metall sind jetzt eher auf der Gartenterrasse gefragt. Eine in Ehren ergraute Teakbank ist wohl angesehen, während der ebensolche, ehemals weiße Kunststoffstuhl nicht die gleiche Wertschätzung erfährt. Eine Auffrischung mit ein wenig Öl oder Beize ist hier freilich nicht möglich. Wechselnde Moden beeinflussen auch die Formen von Mobiliar und gärtnerischem Zubehör. Behäbig und gewichtig ist derzeit out ­ nach ,,light und luftig” geht der Trend und orientiert sich dabei an den Bauhaus inspirierten Linien moderner Architektur. Natürlich muss der Garten, der solche Architektur umrahmt, mit entsprechend klaren Formen antworten. Und Stahlrohr, helles Holz und Glas ergeben die passende Begleitmusik. Ein meterhohes quadratisch-schlankes Gefäß in silbermetallic, sich nach unten verjüngend, zeigt nur noch sehr entfernte Verwandtschaft mit dem bodenständigen Tonblumentopf alter Prägung. In entsprechender Umgebung mag es genau der erforderliche Akzent sein. Diese Formen stellen sich allerdings in Sachen Schwerpunkt etwas beunruhigend dar: Sind sie wirklich standfester als sie aussehen, oder ist diese unterschwellige Befürchtung, das Ding könne kippen, ein beabsichtigter Kick des Designers? Wer sich nicht fürs Coole erwärmen kann, vielleicht in ländlichem Ambiente wohnt und an seinen verschieden gestimmten Gartenräumen mit dem charmant durchmischten Pflanzenchaos hängt, der prüfe genau, ob das gestrenge Styling sich in diese Umgebung einfügen wird. Wahre Klassiker lassen sich mit nahezu allem kombinieren, modische Saisonfliegen hingegen können in solcher Umgebung wirken wie ein gerade zu Boden gegangenes Ufo. Natürlich bietet auch der Sektor Gartengeräte jedes Jahr Neuheiten. Und natürlich versprechen ,,die Neuen” noch mehr Arbeitserleichterung und einfachere Handhabung, ja, nahezu eine Freistellung von jeder gärtnerischen Fron. Freudig Hecken scherende Gärtnermodels in faltenloser Freizeitkleidung führen es in den Prospekten vor. Wenn eine Maschine als besonders problemlos dargestellt werden soll, dann wird ein weibliches Model eingesetzt, ansonsten kümmert sich das starke Geschlecht um alles, was mit Motor zu tun hat. Das dürfte aber so ziemlich das einzige sein, was der Werbeprospekt mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Denn im Garten gilt trotz aller Motorisierung: ohne Schweiß kein Preis! Und für die wahren Gartenfreaks ist das hautnahe Hantieren mit Erde und Pflanzen gerade das Wichtige. Aber auch diese Spezies hat der Markt bereits entdeckt und versorgt sie mit formschönem Gerät, solide und altbewährt, Nostalgietouch inklusive, nach dem Motto: es gibt sie noch, die gute alte Spitzhacke. Übrigens verlangt der Maschinenpark seinerseits Wartung und Pflege, und wo dereinst Spaten, Hacke und Rechen im Winkel unter der Treppe im Weinkeller verstaut werden konnten, brauchen nun die Formel 1-Rasenmäher und Laubsaugerboliden eigene Garagen, wo es dezent nach gasolina duftet. Erstaunlicherweise unterliegen auch Pflanzen einem Modediktat. Man sollte meinen, sie, die doch ihren eigenen Gesetzen folgen und Form und Farbe ihrem Schöpfer, der Evolution oder ihren Umweltbedingungen verdanken, seien über so kurzlebige Erscheinungen wie Moden erhaben. Weit gefehlt. Der Mensch hat überall seine Finger drin und sorgt auch hier durch Züchtung oder Auswahl dafür, dass sich das Pflanzenmaterial seinen Vorstellungen anpasst. Architektonische Pflanzen sind gefragt für kühle, geradlinige Baukörper: ,,Phormien”, ,,Cycadeen”, ,,Strelizien”, Grasarten liefern die puristische Strenge, die mit der klaren Architektur harmoniert; wenige Arten, wenig Farbe, vor allem verschiedene Grüntöne, durchsetzt mit etwas Silbergrau, erzeugen eine ruhige, meditative Stimmung. In der Algarve ist gerade die zunehmende Verwendung von Gräsern zu beobachten, während zum Beispiel das robuste Wandelröschen als altbacken gilt und höchstens noch in seiner kriechenden Form ,,Lantana montevidensis” akzeptiert wird, und ,,Myoporum” als Heckenpflanze gar verächtliches Naserümpfen riskiert. Dies mag eine Folge des zeitweise inflationären Einsatzes dieser Spezies sein; früher waren fast alle Grundstücke unisono mit kastenförmig geschnittenem Myoporum abgegrenzt. Aber diese einst hochgeschätzte Pflanze deshalb nun völlig aus dem Kanon zu streichen? Ein einzelner Myoporumbaum, der zu seiner natürlichen Größe aufwachsen darf, ist eine Bereicherung jeder gemischten Baumgruppe. Garten und Architektur, das Draußen und das Drinnen, sollen aufeinander eingehen und eine harmonische Einheit bilden, und hieraus werden sich immer Präferenzen bestimmter Pflanzengestalten ergeben. Der viel zitierte Zeitgeist tut ein Übriges und bevorzugt mal die eine, mal die andere Formensprache. Aber Pflanzen können nicht ,,unmodern” sein. Sie können höchstens im falschen Kontext stehen ­ wofür sie nichts können!. Im Übrigen: Spätestens bei der nächsten Retrowelle sehen wir sie wieder.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und gibt regelmäßig Tipps für die ESA-Leser. Kontakt: Tel. 282 912 630 56

ESA 03/07

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