Schöne Früchtchen

Schöne Früchtchen

Es gibt sie noch, die guten Früchte. Auch in der Algarve finden sich Produzenten, die um rückstandsfreie Erträge bemüht sind

Wir wissen nicht, was für einen Giftcocktail die böse Stiefmutter in Grimms Märchen für ihren Apfel verwandte, mit dem sie Schneewittchen vergiften wollte. Die bedenklichen Rückstände mancher Obst- und Gemüsesorten, die wir in Supermärkten kaufen, kennt man dagegen zumindest teilweise, sie werden regelmäßig analysiert und auch immer wieder in den Medien thematisiert. Bekanntlich zeichnen sich solcherart behandelte Gewächse, genauso wie Schneewittchens Apfel, durch besonders knackig frisches und appetitliches Aussehen aus. Noch dazu behalten manche der Früchtchen dieses Aussehen derart lange, dass einem unheimlich werden könnte: Drei vergessene Tomaten präsentierten sich nach Rückkehr von der längeren Reise so makellos, wie sie eingekauft wurden, während die eigene Gartenware in dieser Zeit längst zu Schrumpfmumien oder Basislager für Schimmelkolonien mutiert wäre. In Deutschland sind ungefähr 250 Wirkstoffe zugelassen, in anderen Ländern mehr. Allerdings werden ebenso Rückstände von verbotenen, hochgiftigen Substanzen gefunden, und Greenpeace ermittelte durch Testkäufe, dass solche Mittel nach wie vor problemlos zu erwerben sind. Aber auch die zugelassenen Stoffe sind häufig höher dosiert anzutreffen, als es gesetzlich vorgesehen ist. Und unser viel gepriesenes global village sorgt dafür, dass chemische Keulen sowie die damit behandelte Ware weltweit verteilt werden. Wer über ein paar Quadratmeter eigenen Boden verfügt, kann sich, wenn er will, seinen Obstsalat aus Zutaten mixen, von denen er genau weiß ,,garantiert nur mit Wasser gespritzt”. Das dankt nicht nur der eigene Organismus, sondern auch die Vielzahl der anderen Lebewesen, mit denen wir unseren Garten teilen. Vermutlich werden Sie zeitweise der Ansicht sein, dass einige dieser anderen sich entschieden zu viel Anteil herausnehmen, indem sie picken, knabbern, saugen, fressen, wo Sie ernten wollen. Aber nachdem wir keinen Erwerbsobstbau betreiben, können wir das relativ gelassen sehen. Es stehen uns außerdem naturnahe Mittel zu Gebote, die durchaus wirkungsvoll sind: so kann man Wühlmäuse tatsächlich mit Knoblauchodeur in die Flucht schlagen, Seifenlauge vertreibt Blattläuse, halbierte Kartoffeln fangen Drahtwürmer ein, Meerettichtee wirkt gegen manche Pilzkrankheit. Die Liste ist lang und vielseitig. Besonders wichtig im biologisch geführten Garten ist jedoch die Vorbeugung. Gesunde, kräftige Pflanzen sind nicht so gefährdet, von Pilzen, Viren, Schädlingen überwältigt zu werden. Das ist wie beim Menschen; ein intaktes Immunsystem kann solche Angriffe besser abwehren. Mit Kompost, diversen Brühen, Jauchen und Extrakten aus pflanzlichen Bestandteilen ist man im biologischen Garten deshalb bestrebt, den Organismus der Pflanzen zu stärken. Das funktioniert auch, aber natürlich nur mit Einsatz von Zeit und Liebe. Und Garantie gibt es keine, denn auch Pflanzen sind Individualisten und reagieren je nach Bodeneigenart, kleinklimatischer Situation, Wetter und der Beschaffenheit ihrer Flora-und-Fauna-Nachbarschaft verschieden. Es bleibt die heilsame Erkenntnis, dass der Mensch im Umgang mit seinen Mitgeschöpfen eben nicht allmächtig ist und alles nach Schema F in den Griff bekommen kann. Im Erfolgsfall jedoch ist die Befriedigung besonders groß ­ denn wir machen die Erfahrung, nicht gegen, sondern mit der Natur gearbeitet zu haben. Der Apfel, der Schneewittchen so verlockte, ist in der Algarve allerdings nicht ganz einfach zu bekommen. Apfelbäume finden es in den Küstengebieten einfach zu heiß und ziehen sich in höhere Lagen zurück. Im Monchique-Gebirge halten sie es ganz gut aus, auch bei Silves sollen schon Apfelbäume gesichtet worden sein. Wer damit experimentieren möchte, sollte jedenfalls nicht Nordlichter wie den ,,Finkenwerder Herbstprinz” oder den schottischen ,,James Grieve” aussuchen. Am besten wären natürlich alte einheimische Sorten, so man sie noch findet, oder wenigstens solche, die in den wärmeren Gebieten Europas gezüchtet wurden. Birnen sind da schon härter im Nehmen, denn sie sind, meistens jedenfalls, auf einer Quittenunterlage veredelt. Die häufig anzutreffenden Quittensträucher am Straßenrand zeigen, wie anspruchslos diese Spezies ist. Meist sind sie völlig vernachlässigt und ungepflegt, blühen aber dennoch und schaffen es auch, bis zum Herbst ihre leuchtend gelben Früchte zu produzieren. Diese sind übrigens nicht nur zum Marmeladekochen geeignet. Schon mal Quittenparfait probiert, oder Quitten-Quarktarte, gebackene Quitten oder Quittenkonfekt? Diese Frucht, die roh zwar ungenießbar ist, aber richtig zubereitet eine Delikatesse sein kann, wartet noch auf ihre kulinarische Entdeckung. Als Alternative zum Apfel bieten sich eine ganze Anzahl südlicher Obstlieferanten an: Die Feige natürlich, diese Wasserkünstlerin, die sich mit einer großen Bandbreite verschiedener Existenzbedingungen abfinden kann. Citrusarten wie Orangen, Zitronen, Tangerinas oder Kumquat. Die Mispel Eryobotria japonica (port.: Nespereira), ein wunderbarer Schattenbaum, der säuerlich-aromatische Früchte liefert. Der Granatapfelbaum, der so hinreißend rot blüht. Auch Avocados machen sich gut im Obstsalat. Da bei Avocadobäumen die weiblichen Narben zu einer anderen Tageszeit befruchtungsbereit sind als die männlichen Antheren des gleichen Baumes, ist eine Selbstbefruchtung problematisch; sie sollten deshalb Platz für mindestens zwei Exemplare haben. Diospyros kaki, die Götterfrucht, Kaki- oder Sharonfrucht, ist eine alte ostasiatische Kulturpflanze, die etwa die Größe eines Apfelbaumes erreichen kann und mit wunderschöner Herbstfärbung überrascht.

Wer Lust und Wasser hat und ein geschütztes Ambiente bieten kann, darf es auch mit Obst versuchen, das eigentlich eher tropisches Umfeld gewohnt ist: Mango, Papaya, Annona, Pitanga oder Guave. Der schnell wachsende Papayabaum ist zweihäusig, wobei ein männlicher Baum einen ganzen Harem von bis zu 25 weiblichen Exemplaren befruchten kann. Und dann sind da noch all die Obstsorten, die nicht auf Bäumen wachsen: Die Kletterpflanzen Kiwi, Wein, Maracuja ­ bei letzterer lohnen allein schon die spektakulären Blüten, sie in die Gartengestaltung einzubeziehen. Alle Melonensorten, die Andenbeere Physalis, sowie stachelige Carissa macrocarpa, die manche sich in ihren Garten holen, ohne zu wissen, dass sie so wohlschmeckende Früchte hat. Und natürlich Erdbeeren. Über den Chemieverbrauch in den Erdbeermonokulturen hört und liest man besonders Appetit zügelnde Informationen, und die schöne rote Farbe der zum Verkauf angebotenen Exemplare lässt einen an Schneewittchens Stiefmutter denken.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und gibt regelmäßig Tipps für die ESA-Leser. Kontakt: Tel. 282 912 630

ESA 02/07

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