Weihnachtsstern

Weihnachtsbotanik

Nein, vom Weihnachtsbaum ist hier nicht die Rede, nicht von Tannengrün und Fichtenzweigen und dem ,,Bäumchen, das goldene Blätter hat gewollt”. Solche Koniferen gehören nicht in südliche Gefilde. Doch auch in der Algarve geht jedes Jahr der Weihnachtsstern auf

von MARIE GIERING

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

Zu den beliebten Mitbringseln in leuchtend Rot gesellten sich mittlerweile, dank Züchters Geschick, auch weiße oder rosa oder gar mehrfarbige Varianten. Der Hobby-Gärtner kann durchaus versuchen, diese Geschenke nach den Festtagen mit einem Platz im algarvischen Garten anzufreunden. Manchmal entwickelt sich die Neupflanzung zu einem prächtigen großen Strauch, manchmal allerdings bleibt es bei kahlem Gestänge mit oben ein wenig Grün; die Gründe für diese kümmerliche Statur sind nicht immer auszumachen. Der Weihnachtsstern (Euphorbia pulcherrima), zur großen Familie der Wolfsmilchgewächse mit über tausend Arten gehörend, ist eine sehr interessante botanische Schöpfung: In seiner Heimat Mexiko kann der Strauch vier Meter erreichen; auch in Mittelamerika, auf Teneriffa und in anderen subtropischen Gebieten fühlt sich der Strauch wohl. Er gehört zu den so genannten Kurztagspflanzen. Bei Lichteinfall von täglich mehr als zwölf Stunden blüht er nicht, weshalb er in den Gärtnereien ab Oktober künstlich abgedunkelt wird. Nur so stehen rechtzeitig vor dem Fest Exemplare mit prachtvollen Hochblättern (Brakteen) zum Verkauf bereit. Denn was die Pflanze so attraktiv macht, sind keine Blüten. Die verstecken sich im Kranz der Hochblätter und sind ziemlich unscheinbar. Die Zugehörigkeit zu den Wolfsmilchgewächsen wird deutlich, wenn die Pflanze verletzt wird: Es tritt weißer Saft aus, der empfindliche Haut reizen kann und unbedingt von den Augen ferngehalten werden muss. Noch ein Pflegetipp: Ertränken Sie Ihre Pflanze nicht, sondern lassen Sie den Topf immer fast austrocknen, um ihn dann wieder in einem Wasserbad richtig zu durchnässen. Einmal wöchentlich leicht düngen und Temperaturen unter 15 Grad vermeiden, und schon leuchtet Ihr Weihnachtsstern weit in den Vorfrühling hinein. Dort, wo anstatt der Weihnachtsgans ein Truthahn gebraten wird, wo Santa Claus mit dem Rentierschlitten unterwegs ist und die Geschenke durch den Kamin abzuwerfen pflegt, gehört zu Weihnachten der aufgehängte Mistelzweig. ,,Under the mistletoe” herrscht eine Art Ausnahmezustand, denn es darf geküsst werden, wenn Mann/Frau sich ,,zufällig” dort begegnen. Das muss in früheren prüden Zeiten ein aufregender Brauch gewesen sein. Die Mistel galt immer schon als geheimnisvoll, ja heilig, da sie zwischen Himmel und Erde auf Bäumen wächst und ihre Nährstoffe teilweise von der Wirtspflanze frühstückt. Das ist bei “Viscum album”, der weißbeerigen, immergrünen Mistel, ein Laubbaum. Vögel lieben die Beeren und sorgen mit ihren Ausscheidungen für die Verbreitung der Misteln. ,,Mistil” bedeutet im Althochdeutschen soviel wie Mist und bezieht sich damit wohl auf die Fortpflanzungsstrategie dieser Pflanze. Zwei viel zitierte Pflanzen finden sich selbst in der Weihnachtsgeschichte: Die Weisen aus dem Morgenland ,,…. gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria … und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe” (Mat. 2, 11). Offensichtlich wurden ,,Weihrauch und Myrrhe” ein gleich hoher Wert beigemessen wie dem Gold. Weihrauch (Boswellia sacra), ein Baum, stammt aus der Familie der Balsambaumgewächse (Burseraceae) und wird bis zu acht Meter hoch. Er siedelt in karger, heißer Landschaft bis zu einer Höhe von 1200 Meter. Die Weihrauchernte, genauer: die Ernte des Baumharzes Olibanum, beginnt im März und währt einige Monate. Das Harz tritt aus Schnitten aus, die an Stamm und Ästen angebracht werden, und seine Qualität wird mit zunehmender Dauer der Ernte immer besser. Die Ausbeute je Baum liegt gerade mal zwischen drei und zehn Kilogramm; das erklärt den hohen Preis, der auch heute noch für guten Weihrauch zu bezahlen ist. Das körnige, getrocknete Harz entwickelt seinen charakteristischen Duft beim Verbrennen ­ der Duft ist uns aus der Messe der katholischen Kirche wohl bekannt. Die Verwendung von Weihrauch als Zeichen der Gegenwart Gottes und des Heiligen Geistes wurde in der katholischen Liturgie 1570 festgesetzt. Es soll, so böse Zungen, das Verbrennen von Weihrauch allerdings nicht allein liturgischen Zwecken gedient haben, sondern ganz praktisch auch dazu, die Ausdünstungen der oft wenig frisch duftenden Kirchenbesucher etwas zu übertönen. In der Kathedrale in Santiago de Compostela, Ziel so vieler Pilger, wird mit perfekt geübter Präzision ein riesiges Weihrauchfass durch das ganze Kirchenschiff geschwungen, sodass wirklich alle etwas von den Duftwolken mitbekommen, nicht nur die agierenden Priester. Auch in anderen Kulturepochen wurde bereits Weihrauch eingesetzt. Räucherolibanum als Rauchopfer lässt sich im israelitischen Tempel-Gottesdienst bis in die Zeit des nachexilischen zweiten Tempels, bis etwa 540 v. Chr., zurückverfolgen. Sogar noch wesentlich früher, in verschiedenen ägyptischen Pharaonenepochen, verwandte man Weihrauch bei Kulthandlungen und zur Mumifizierung. Damals nannte man die Perlen des Harzes ,,Schweiß der Götter”. Der frische bis balsamische Duft ist je nach Weihrauchart recht unterschiedlich. Minder gute Ware findet sich heute auf allen deutschen Weihnachtsmärkten als Füllung für Räuchermännchen, die zum weihnachtlichen Brauchtum gehören wie Adventskranz und Lebkuchen. Das durch Wasserdampf-Destillation aus dem Harz gewonnene ätherische Öl wird bei der Herstellung von Parfum, Arzneimitteln und in der Kosmetik verwertet. Und Myrrhe führten die Weisen aus dem Morgenland mit sich, wobei es sich ebenfalls um ein sehr wertvolles Baumharz handelt, das des Commiphora-myrrha-Baumes. Ähnlich wie Weihrauch wird es als Räucherwerk verbrannt und findet seit Jahrtausenden in Jemen bis Äthiopien, im Sudan und in Somalia Anwendung. Die Ägypter benutzten Myrrhe schon vor 3000 Jahren zur Einbalsamierung, im Judentum gehörte das Harz zu einer traditionellen Bestattung. Die griechische Mythologie liefert ebenfalls einen Beitrag: Smyrna, die Tochter des zyprischen Königs Knyros, wurde von ihrem Vater geschwängert und bei der Geburt ihres Sohnes Adonis in einen Myrrhebaum verwandelt; Smyrna ist der griechische Begriff für Myrrhe. In der Kosmetik spielt Myrrhe mit ihrem sehr warmen, leicht würzig-süßen Duft eine große Rolle. Wenn Mann also auf der Suche nach dem weihnachtlichen ,,letzte-Minute”-Geschenk in Richtung Parfümerie strebt, kann er sich immerhin auf biblische Vorbilder berufen.

Asterixfreunde wissen, dass keltische Hohepriester im alten Gallien aus der Misteln allerlei Tränke brauten. Auch heute wird ihre Heilkraft als blutdrucksenkend und gefäßerweiternd bestätigt

ESA 12/06

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