Zypresse

Fingerzeig zum Himmel

Gegen Ende des Jahres, im November, liegt das Frühjahr mit hellem Grün und Blüten, Farbe, Heiterkeit und Sonne, weit zurück oder noch fern. Die Tage sind lichtärmer geworden, manchmal düster, ernst. Der Buß- und Bettag, der Toten- oder Ewigkeitssonntag, der Volkstrauertag, Allerheiligen und Allerseelen fordern zu innerer Einkehr auf, zum Gedenken an Verstorbene, und bringen Fragen nach dem Sein über das Erdenleben hinaus

Die Friedhöfe füllen sich mit herbstlichem Blumenschmuck und mit Besuchern. Südliche Friedhöfe mahnen oft schon von weitem mit ihren Zypressenreihen, die zum Himmel weisen und den Gedanken an unsere Vergänglichkeit zu symbolisieren scheinen. Sie geben den Gräberfeldern Struktur und Strenge und lassen die Leichtfertigkeit sommerlicher Tage vergessen, Tage, die vielleicht teilweise in der Toskana verlebt wurden, in einer mediterranen Region, die so stark von der Zypresse geprägt ist, dass dieser Baum den Beinamen ,,Die Toskanische” erhielt. Die Zypresse ist auch in Portugal kein seltener Gast; sie kennzeichnet ohne Dominanz so manche Hauszufahrt, bietet sich unseren Gärten als starkes Gestaltungselement an, als Ausrufezeichen, um eine bestimmte Situation zu unterstreichen, als beherrschende und raumbildende Gruppe, aber auch als strenge Linie, die in einem Anwesen zum Wohnbereich hinführen oder davon weg in die freie Landschaft leiten kann. Die botanische Kennkarte weist die Zypresse als Cupressus sempervirens aus, und im Deutschen hat sie sich gleich eine ganze Reihe von Namen zugelegt: echte Zypresse, Trauerzypresse, italienische Zypresse, Mittelmeerzypresse. In ihrer Kulturform als Cupressus sempervirens Stricta zeigt sie sich als schmale, hohe Säule und als Spezies Horzontalis trägt sie weit abstehende Äste. Die Stricta kann innerhalb von zehn Jahren bis zu sechs Meter Höhe erreichen. Die australische Kulturform Swane´s Golden schmückt sich mit goldgelb gefleckten Blättern, die Gracilis aus Neuseeland bleibt ebenfalls schlank, wächst aber langsam und erreicht maximal vier Meter Höhe und einen Durchmesser von einem Meter, eignet sich also gut für kleinere Gärten. Die Cupressus lusitanica stammt trotz des Namensbezuges zu Portugal aus Mexico, heisst auch im Deutschen ,,mexikanische Zypresse”, wächst schnell auf zehn Meter Höhe heran und verträgt trockene und kalte Klimate, ist also ­ in größeren Gärten ­ relativ standortunabhängig einsetzbar.

 

Ovid berichtet aus der griechischen Mythologie vom Knaben Kyparissos, der den mächtigen, heiligen Hirsch der Nymphen als Einziger reiten konnte. Auf einer Jagd geschah es, dass der Knabe diesen Hirsch mit seinem Speer tötete. Er war darüber so verzweifelt, dass er nun selbst sterben wollte. Aber Apoll liebte ihn sehr und wollte ihn retten. Er flehte die Götter an, dem Knaben zu erlauben, auf ewig zu trauern. Dieser Bitte gaben die Götter statt und der Knabe wurde in eine Zypresse verwandelt und trauert heute noch.

 

Selbst Himmelsstürmer sind unter den Zypressen anzutreffen. Während Cupressus bakeri gerade mal 1,5 Meter erreicht, wird deren Subspezies matthewsii fast 30 Meter hoch (in Oregon), und Cupressus macrocarpa bringt es gar auf über 35 Meter. Von Cupressus torolosa hat man in ihrer Heimat, im Himalaya, schon Exemplare mit 45 Metern Höhe gefunden. Die Zypressen, der Familie der Zypressengewächse (Cupressaceae) zugehörig, sind mit der Thuja ­ von den oft eintönigen Thujahecken bekannt ­, der Scheinzypresse und dem Juniperus, dem Wachholder, verwandt und oft nicht ganz leicht von letzterem zu unterscheiden. Auch die Sumpfzypressengewächse, zu denen die Sequoia, der Mammutbaum, zählt, steht den Zypressen noch recht nahe. Sequoia kann immerhin 110 Meter Höhe und ein Alter von 3.500 Jahren erreichen. Die Zypressen, zu den Nadelgewächsen (Koniferen) der nördlichen Hemissphäre gehörig, sollen von den Phöniziern aus Asien nach Europa, und zwar zuerst nach Zypern, gebracht worden sein. Das erklärt ihren Namen. Kultiviert hat man sie bereits in der Antike, in regelrechten Plantagen. Zypressen waren derart begehrt, dass, nach Überlieferungen, eine Zypressenplantage als Mitgift für eine Tochter genügte. Die Verwendung dieses Baumes war recht vielfältig: Das Holz der Monterey-Zypresse diente unter anderem als Bauholz für Schiffe und für Eingangstüren und Dächer religiöser Stätten. Eine weitgestreute Wirkung sagt man dem Zypressenöl (Oleum Cupressi) nach. Im medizinischen Bereich fand es unter anderem bei Kopf- und Gelenkschmerzen, Infektionen, Fieber und gegen Würmer Anwendung. Inhaltsstoffe wie Camphen oder Terpineol erklären das. Weiters war Zypressenöl in der Kosmetik stark gefragt. Darüber hinaus versprach seine Verwendung die Stärkung der Widerstandskraft, des Selbstvertrauens, und der Lebensfreude. Angeblich wird die Dopaminproduktion, ein chemischer Botenstoff, angeregt, der mobilisieren und das Gleichgewicht fördern soll. Wahrscheinlich war der Kerameikos, ein antiker Friedhof in Athen, den man heute noch besuchen kann, mit Zypressen bepflanzt. Dies und der Umstand, dass die Zypresse in der antiken Mythologie für Unterwelt steht, jedoch auch Langlebigkeit symbolisiert, und das Attribut vieler Gottheiten war, und seit jeher in Verbindung mit Tod und Trauer gesehen wurde, legt den Schluss nahe, dass in der Ausstattung christlicher Friedhöfe mit Zypressen ein alter Gedanke und alte Bezüge fortleben.

Marie Giering

ESA 11/06

 

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