Saison der Panzerbeeren

Saison der Panzerbeeren

Beeren ­ was fällt Ihnen zu diesem Begriff ein? Aus botanischer Sicht ist die Erdbeere keine Beere, genauso wenig wie Himbeere oder Brombeere. Banane, Tomate, Avocado oder Paprika hingegen zählen zu den Beeren, ebenso wie Kakao, Sanddorn, Gurke und Kürbis

Von MARIE GIERING

Ist die Schale der Beere hart, spricht man von einer Panzerbeere

Beeren, so die exakte Definition, sind aus einem einzigen Fruchtknoten hervorgegangene Schließfrüchte, bei denen die Fruchtwand auch noch bei der Reife saftig oder mindestens fleischig ist. Alles klar? Eine Fruchtwand, oder Schale, ist also das Kennzeichen der Beeren, und über eine solche verfügen bekanntlich weder Him- noch Brombeeren. Für die haben sich sprachbegabte Botaniker die Bezeichnung ,,Sammelsteinfrüchte” ausgedacht, und Erdbeeren firmieren als ,,Sammelnussfrüchte”, wegen der nussartigen kleinen Samenkörnchen, die außen an der Frucht sitzen. Meist enthalten Beeren mehrere Samen, der einzelne dicke Avocadokern ist also nicht familientypisch. Ist die Schale der Beere hart, spricht man von einer Panzerbeere. Damit sind wir beim heutigen Thema: den Kürbisgewächsen, botanisch Cucurbitaceae. Diese hartschalige Beerenfamilie hat zahlreiche und sehr vielseitige Mitglieder. Jetzt im Herbst spielt sich der Gartenkürbis besonders in den Vordergrund, nicht nur im Gemüseangebot auf den Märkten, sondern auch als ausgehöhlter beleuchteter Halloween-Kopf zur herbstlichen Dekoration, oder als Objekt des jährlichen Gärtnerwettbewerbs: wer hat den dicksten und schwersten? Am 1. Oktober 2005 soll in Pennsylvania der größte Kürbis aller Zeiten gewogen worden sein; mit 666,33 Kilogramm stellte dieses außergewöhnliche Exemplar sämtliche bisherigen Rekorde in den Schatten. Wenn es sich nicht um eine Internet-Ente handelt, muss das Gewächs wohl mit dem Kran auf eine Schwerlastwaage gehievt worden sein. Im 16. Jahrhunderts brachten die Portugiesen den Speisekürbis nach Europa. In Mittel- und Südamerika gehörten Kürbisse zu den Grundnahrungsmitteln der Indianer. In Europa galten sie lange als Arme-Leute-Essen oder wurden als Viehfutter verwendet. Erst seit sich ambitionierte Köche dieses Gemüses annahmen und mit seinem roh ungenießbaren Fruchtfleisch neue kulinarische Genüsse schufen, ist der Kürbis allseits gefragt. Tatsächlich hat er einiges zu bieten: mit reichlich Vitaminen, Kalium, Kalzium, Zink stärkt er das Immunsystem, fördert die Verdauung und hemmt Entzündungen. Seine gerade mal 20 Kalorien pro 100 Gramm kommen den Anforderungen der leichten Küche entgegen. Ein absoluter Hit für Feinschmecker ist das steirische Kürbiskernöl, das in einer mühsamen Prozedur aus gerösteten Kernen des Ölkürbis gewonnen wird. Das Endprodukt ist eine Art schwarzgrüner Wagenschmiere mit intensiv nussigem Aroma, von dem niemand mehr lassen kann, der es mal probiert hat; es verwandelt alles Rohköstliche zu einem Geschmackserlebnis der ganz besonderen Art. Geröstete und gesalzene Kürbiskerne sind im Mittelmeerraum immer schon eine beliebte Knabberei. Kürbiskerne sind mittlerweile auch zu medizinischen Ehren gekommen, denn sie helfen bei Blasenschwäche und Prostatabeschwerden. Die Vielfalt bei Speise- und Zierkürbissen ist enorm. Runde, glatte, gefurchte Kugeln, einfarbig oder gestreift, längliche und turbanartige Formen, in allen Gelb- Orange- und Grünabstufungen, mit Namen wie Muskatkürbis, Moschuskürbis, Butternutkürbis, Spaghettikürbis. Der aus Japan stammende Hokkaido kann mit Schale verzehrt werden und ist wegen seines zart nussartigen Geschmacks besonders zu empfehlen. Auf portugiesischen Bauernmärkten findet man Xu-Xu (sprich: Schu-Schu), eine birnenförmige Kürbisfrucht, die geschält und gekocht wird. Melone, Gurke, Zucchini gehören ebenfalls zur Familie Cucurbitaceae, die insgesamt etwa 845 Arten umfasst. Mit ihren großen Blättern und auffälligen Blüten sind Kürbisgewächse immer dekorativ. Fast alle lieben es warm, feucht und nährstoffreich, weshalb der Komposthaufen seit jeher der bevorzugte Standort für diese Pflanze war. Zucchini gedeihen auch im Topf auf dem Balkon. Zu beachten ist aber in jedem Fall der Platzbedarf: Für eine Zucchinipflanze rechnet man anderthalb bis zwei Quadratmeter. Während Gurken aufgrund ihrer tropischen Herkunft insbesondere in puncto Wärme anspruchsvoll sind, gelten Zucchini als relativ unproblematisch. Zum Problem kann allenfalls ihre rasante Produktion werden. Trotz immer neuer Rezepte zur Verwertung der grünen Stangen kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem Familie und mitversorgter Freundeskreis der Zucchinimüdigkeit anheimfallen. Wie in jeder Großfamilie gibt es auch bei den Kürbisgewächsen einige kuriose Onkel und Tanten mit etwas schrulligen Eigenschaften. Die Spritzgurke zum Beispiel. Sie bevorzugt es, sich auf Ödland im Mittelmeergebiet anzusiedeln. Dort breitet sich das mehrjährige Kraut mit dicken, grobgezähnten Blättern aus und produziert Früchte mit einem Bitterstoff, der zu Hautreizungen führen kann, also nicht für kulinarische Experimente geeignet ist. Sie hat eine besonders ungewöhnliche Art, ihren Samen in Umlauf zu bringen: Die Frucht steht unter dem enormen Druck von bis zu sechs Bar. Wenn sie reif ist, reißt sie vom Stiel und schießt wie ein Sektkorken davon; gleichzeitig werden die zahlreichen Samen in Gegenrichtung bis zu 12 Meter weit aus dem Fruchtinneren geschleudert. Botanisch bezeichnet man Pflanzen mit solcher Fortpflanzungsmethode als ,,Saftdruckstreuer”.

Vorsicht vor der Zaunrübe! Sie gehört zur Familie, ist aber in mancher Hinsicht aus der Art geschlagen. Ihre bis zu vier Meter lang rasch wachsenden Kletterranken, die man auch hier auf Brachland finden kann, führen Milchsaft und sterben im Herbst ab. Erbsengroße rote oder schwarze Früchte hängen danach noch lange wie unregelmäßig aufgereihte Perlen an den Trieben, sehr hübsch ­ aber sehr giftig: Für ein Kind können bereits 15 von ihnen tödlich sein. Halten wir uns lieber an die gute alte Tante Luffa. Der Schwammkürbis enthält ein faseriges Gewebe, den Luffa-Schwamm, der in trockenem Zustand hart und rau ist, im Wasser aber erweicht, und aufgrund seiner Eigenschaften als Badeschwamm geeignet ist. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Schwämme auch als Ölfilter in Fahrzeug- und Schiffsdieselmotoren verwendet. Schließlich darf der wegen seiner Form so genannte Flaschenkürbis keinesfalls unerwähnt bleiben. Die Kalebasse ist das Allroundtalent der Familie, essbar, medizinisch wirksam, haushaltstauglich. Ihre ausgereifte Schale ist wasserfest und so hart, dass sie sich hervorragend zur Herstellung der unterschiedlichsten Gerätschaften eignet. Jakobspilger nahmen Kalebassen als Feldflaschen auf die Wanderung mit, chinesische Ärzte benutzten sie als Lagerbehälter für Medizin, Fischer als Schwimmer für ihre Netze; schöpferischen Naturen dient sie als Grundlage für kunstvolle Verzierungen, und auch wenn der Sitar (Anm.d.Red.: Indische Laute) zarte Klänge ertönen, ist der Flaschenkürbis im Spiel. Alles Kürbis!

Blassgelb bis orangerot und dunkel- bis blaugrün: Kürbis gibt es in unzähligen Sorten

Kürbis-Couscous mit Spinat und Kürbiskernen
1 2
Kürbis, Zwiebeln und Knoblauch schälen und hacken. 3 EL Öl erhitzen. Kürbis anbraten. Hälfte Knoblauch, Zwiebeln und Curry kurz mitbraten. Kokosmilch zugießen, mit Salz und Pfeffer würzen. Zugedeckt bei schwacher Hitze ca. 20 Min. garen. Inzwischen Spinat waschen. 2 EL Öl erhitzen. Rest Knoblauch und Zwiebeln andünsten. Spinat tropfnass zufügen, zusammenfallen lassen und zugedeckt kurz dünsten. Mit Salz und Pfeffer würzen. Minze hacken, einrühren. 300 ml Wasser und Brühe aufkochen. Topf vom Herd nehmen, Couscous einrühren, ca. 5 Min. quellen lassen. Kürbis pürieren, mit Couscous mischen und abschmecken. Couscous und Spinat auf Tellern anrichten. Kürbiskerne darüberstreuen.

3
Zutaten für 4 Personen: 800 g Kürbis 2 Zwiebeln 2-3 Knoblauchzehen 5 EL Öl 2 TL Curry Kokosmilch Salz, Pfeffer 500 g Blattspinat 2 Stiele Minze 1 TL Brühe 300 g Couscous 3 EL Kürbiskerne

ESA 10/06

Share.

Comments are closed.