Palmen-Invasion

Im Miteinander von Mensch und Pflanze läuft auch nicht immer alles nach Plan, und gelegentlich ergeben sich Geschichten, die zu schön sind, um sie nicht weiter zu erzählen

Ein Mensch mit grünem Daumen, wohnhaft in der Algarve, hatte große Freude daran, aus Samen und Setzlingen Palmen zu ziehen. Als etwa 100 kleine Pflanzen der Spezies Phönix canariensis 100 kleine Töpfe bevölkerten, stellte sich die Frage: wohin nun damit? Es fand sich ein Freund, der sich bereit erklärte, den Palmenwaisen auf seinem brachliegenden Feld ein Zuhause zu geben. Gesagt getan, die Palmen wurden in exquisite Schwemmlanderde umgesiedelt, bewässert, und gediehen prächtig. Später, so stellten sich die Beteiligten vor, würde es für die gut gewachsenen Exemplare sicher viele Interessenten geben. Schließlich erlebte die Algarve gerade einen Palmenboom; jeder wollte mindestens ein Exemplar in seinem Garten sehen, je größer desto besser. Die seien mal ein Vermögen wert, so versicherte der Grünfinger. Inzwischen ist ,,später”. Die Palmen wuchsen allen über den Kopf, höchste Zeit, die Reihen zu lichten. Leider stellt sich nun aber heraus, dass es mit dem flotten Verkauf der Zöglinge nicht so einfach ist. Abwinken und gute Wünsche, aber kein Interesse, schon gar kein reißender Absatz. Es geht zu wie beim Zauberlehrling: ,,die (Palm)Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los!” Aus einer Liebhaberei und 100 kleinen Töpfchen wurde ein Wald, und auf dem ehemaligen Brachland rauschen nun Palmwedel melancholisch im Wind. Eine andere Geschichte berichtet von einer Yucca. Eine Deutsche, die viele Jahre in Angola gelebt und unter anderem auf einer Farm gerne mit Pflanzen gearbeitet hatte, musste infolge der Revolutionswirren nach Deutschland flüchten. Sie zog nach Düsseldorf und wanderte im Großstadtgrau um die Häuser des Viertels, um die Gegend kennen zu lernen, in der sie nun wohnte. Aus einer Mülltonne ragte eines Tages der erbärmlich aussehende Schopf einer Yucca, die offenbar als hoffnungsloser Fall entsorgt worden war. Unsere Freundin aus Angola nahm die Pflanze ­- Erinnerung an heißere Gegenden und ebenso entwurzelt wie sie selbst im Augenblick ­- mit nach Hause, topfte sie ein, hegte und pflegte sie und gewann eine sich prächtig entwickelnde Yuccapalme. Als ein beruflicher Wechsel beide, denn die Pflanze zog selbstverständlich mit um, nach Bad Wiessee an den Tegernsee führte, durfte die Yucca endlich auch an die frische Luft. Sie besiedelte im Sommer einen Platz des am Waldrand gelegenen Gartens. Dies allerdings war nicht zu ihrem Besten. In besagtem Wald lebten Hirsche, die solch fremdländisches Grün höchst interessant fanden: Die Blätter stellten offenbar eine Bereicherung ihres einheimischen Speiseplanes dar. Sie besuchten den Garten ausführlich und bekauten die Yuccablätter genüsslich, bis die heimgekehrte Pflanzenfreundin nur noch traurig am Stamm herabhängende Bindfäden vorfand. Allein sie gab ihr Findelkind nicht auf, sondern zerteilte den Stamm in mehrere Stücke, deren jedes seinen Blumentopf erhielt. Die Yuccastummel schlugen tatsächlich aus und wuchsen wieder zu ansehnlichen Pflanzen heran, die schließlich im Familien- und Freundeskreis verteilt wurden. Und wenn sie nicht vertrocknet (lassen worden) sind, so leben sie noch heute ­ eine davon ganz sicher, nämlich als großer Yuccabaum in einem algarvischen Garten in Sesmarias. Ebenfalls in Angola begann die Geschichte der Pitangas. ,,Eugenia uniflora”, Pitanga oder auch Surinamkirsche genannt, ist ein Strauch, der in tropisch bis subtropischem Klima köstlich herbsüße Früchte mit großem glatten Kern hervorbringt. Beim Abschiedsgang durch ihre Plantagen in Angola, die sie, infolge der Revolution, verlassen mussten, verzehrte ein Ehepaar noch einige Pitangas. Die Kerne nahmen sie in der Jackentasche mit. Die nächste Station war Portugal, wo schließlich eine Quinta in der Algarve neuer Lebensmittelpunkt wurde. Die Kerne aus Angola fanden sich hier in portugiesischer Erde wieder und siehe da, es gefiel ihnen. Sie wuchsen zu beachtlichen Sträuchern heran und bringen jedes Jahr fast mehr Ertrag, als den Eigentümern lieb ist. Denn die Pitangakirsche mit ihrer zarten Haut ist empfindlich, sie will behutsam geerntet und sofort verarbeitet ­ oder gegessen ­ werden. Nach der Ernte in früher Morgenstunde ist also gleich Einkochen, Einlegen, Saftmachen angesagt. Freunde und Bekannte lieben die Ergebnisse in Form von Marmelade, Likör oder roter Grütze sehr. Inzwischen ist Eugenia zwar in den Gärtnereien zu haben, meist handelt es sich aber um die Sorte ,,myrtifolia”, die als immergrüner Zierstrauch eingesetzt wird. Damals, nach Ankunft der Kerne aus Angola, dürfte am ganzen Algarve noch keine Pflanze dieser Spezies existiert haben, sodass die Pitanga in Südportugal sozusagen eine Frucht der angolanischen Revolution ist, die in der Jackentasche nach Portugal reiste. Pflanzen, offensichtlich so ortsgebundene Wesen, konnten immer schon große Strecken überwinden. Wind und Wasser, Tiere, später vor allem der Mensch, waren die Vehikel. Heute können wir die Verbreitung einzelner Spezies gut rekonstruieren und wissen, woher sie stammen und über wen oder was sie zu uns gekommen sind. Manchmal gibt es sogar eine Rückkehr an den Ausgangsort. Ein Freund nahm Zitronen aus Portugal mit nach Deutschland, wo die Kerne der Urlaubserinnerung liebevoll in Topferde gesetzt wurden. Die sich daraus entwickelnde Pflanze fand sich im klimatisch rauhen Schliersee in Oberbayern wieder, wo sie ohne die sorgenden Hände ihrer Zieheltern nicht überlebt hätte. So aber gedieh sie wohl und beglückte die entzückten Schlierseeer mit beachtlichem Wachstum. Das jedoch wurde irgendwann zum Problem, da es immer mühsamer wurde, das Bäumchen vom Winter- ins Sommerquartier zu räumen. Deshalb beschloss der Familienrat, das geliebte Stück gehört wieder in die Heimat, die Zitrone muss nach Portugal, dort kann sie immer draußen bleiben. Im Transporter wurde der Baum also tatsächlich nach Süden kutschiert, dorthin, wo einst die Kerne entstanden waren. Im Garten des Ferienhauses ausgepflanzt, ließ das Zitrönchen erst einmal vor Schreck alle Blätter fallen, freundete sich dann aber mit den anderen Verhältnissen an und trieb neu aus. Just im darauf folgenden Winter kam die große Kälte in die Algarve, in höheren Gebieten lag kurzzeitig Schnee und der Frost schlich sich bis in die Niederungen. So lernte der Schlierseer Zitronenbaum, der aus dem Schnee geprüften Bayern kam, in Portugal zum ersten Mal den Winter kennen, ­ und warf zum zweiten Mal alle Blätter von sich. Aber auch dies hat er überlebt, und er wird nun von Monat zu Monat portugiesischer.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin

ESA 08/06

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