Rosen und Granit

Rosen und Granit
Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und stellt in regelmäßigen Abständen grüne Oasen vor, die es wert sind entdeckt zu werden. Kontakt: Tel. 282 912 630

,,… ich liebe die Rose als das Vollkommenste, was unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann …” ­ mit diesem Goetheschen Ausspruch ist Sigrid Krause vollkommen einverstanden. Allerdings beschränkt sie sich nicht auf die deutsche Natur. In der Algarve entstand unter ihren Händen ein Rosengarten, der seinesgleichen sucht. Vor 13 Jahren erwarb sie in der Serra de Monchique ein Haus, das sich in die Granitfelsen des Abhanges lehnt und von verschiedenen Ebenen einen atemberaubenden Fernblick auf die Küste bietet. Kleine Terrassen und Sitzplätze, am Haus und im Garten verteilt, verlocken zum Verweilen, jeweils einen anderen Ausschnitt der Gesamtkomposition bietend. Denn eine Komposition sorgfältig abgestimmter Farben und Formen ist dieser Garten, und man sieht, dass hier ein künstlerisch geschultes Auge gewirkt hat. Sigrid ist Malerin, und ihre bevorzugten Motive sind Landschaftsund Blumenaquarelle. Dass ihre ganz besondere Liebe den Rosen gilt, davon zeugen die vielen verschiedenen Rosensorten in ihrem Garten, und Rosen sind wohl auch ihre meist gemalten Sujets. Rosenliebhaber finden in Sigrids Aquarellen bekannte Sorten wieder: ,,Heritage”, die rosazarte, ,,Schneewittchen”, die unermüdlich blühende, die duftende ,,Westerland”, oder ,,Mirjam”, die letzte, die im Herbst noch mit großen orangeroten Blütenköpfen ins Fenster des Ateliers schaut. ,,Frühlingsreigen”, ,,Duftrausch”, ,,Compassion”, ,,Elena” und ,,Raissa”, alle zeigen sich im Frühjahr in ihrer ganzen Schönheit. Es gibt auch eine japanische Rose, deren Name ,,Rosenmalerin Sigrid” ihr gewidmet wurde. Aber nicht nur Rosen gedeihen im Garten der Casa Sigrid. Mit dem strahlenden Weiß der Schneewittchen kontrastiert ein Streptosolen jamesonii, ein orangegelb leuchtender Strauch, für den man erst einen deutschen Namen erfinden muss, und gleich daneben präsentiert sich das sukkulente Mesembrianthemum als zartlila Polster. Kamelie, Rittersporn und Iris, kriechende Verbene und Rosmarin, blausilberne Gräser und die filzigen Eselsohren des Stachys: ein Lehrgarten, wie man Rosen wirkungsvoll in Szene setzt. In diesem Garten kann man studieren, wie sich örtliche Gegebenheiten für die Gestaltung nutzen lassen. Das Haus steht auf dem granitenen Urgestein, das den Kegel des Monchiquegebirges bildet. An manchen Stellen des Grundstücks tauchen große Granitflächen wie glatte Rücken aus dem Untergrund auf. Was einem auf den ersten Blick möglicherweise als Nachteil vorkommen kann, schreckte Sigrid nicht, im Gegenteil: sie erfasste die Schönheit dieser natürlichen Anlage und schuf damit ihren Garten. Granit ist hier das Leitmotiv. Die großen Felsen geben den Grundton an, Granitmauern schaffen Verbindungen und Abgrenzungen, und auch die Wege wurden mit Granit gepflastert. Das neutrale Grau dieses Steines ergibt einen wunderbaren Hintergrund für die Pflanzen; jede Farbe harmoniert mit Grau. Die Pflanzenvielfalt wiederum bewirkt, dass der Stein nicht dominiert, sondern nur den ruhigen Rahmen für das viele Bunt bildet. In den erdgefüllten Zwischenräumen der besonders felsigen Bereiche hat Sigrid lauter Stillleben mit Pflanzen kreiiert. Die kleinsten Kuhlen werden von Echeverien und anderen Sukkulenten bewohnt, die den geringsten Bedarf an Substrat haben. Besonders interessant geformte oder gemusterte Sammelsteine umrahmen sie. ,,Der Schleier der Magdalena”, wegen der winzigen rundlichen Blättchen auf portugiesisch auch ,,bago d’arroz” (Reiskorn) genannt, breitet sich auf Felsen und hängt von Mauern. Für vertikale Elemente sorgen eine große Cordyline indivisa, die nicht mit Blütenständen geizt, Palmen und ein Zitronenbaum, die gleichzeitig verdeutlichen, dass wir uns in südlichen Gefilden befinden. Neben dem Rosenbogen, an dem ,,New Dawn” und ,,Parade” mächtig in die Höhe streben, plätschert es beruhigend in ein Wasserbecken. Herzstück des hinteren Gartenteiles ist die Rosenlaube, ein luftiger Holzpavillon, umwachsen mit ,,Dortmund” und ,,Dr. Tigges”. Wer sich dort am runden Tisch niederlässt, möchte möglichst lange sitzen bleiben, Ruhe, Düfte und den unbeschreiblichen Blick auf die ferne Küste genießen. Sigrids Garten ist ein ,,eigenhändiger”. Außer einer Hilfe, die nach dem Rechten sieht, wenn Sigrid nicht in Portugal ist, schneidet, zupft und hackt sie selber. Jahrelang währte der Kampf gegen den Winterklee, der in der Regenzeit alles zuzuwachsen pflegt ­ nun endlich ist er besiegt, allein durch unermüdliches Jäten. Besonders geliebte und bewährte Pflanzen werden per Steckling oder Absenker vermehrt, Iris, Teucrium, Federnelke geteilt, die zukünftige Generation kriechender Rosmarin wächst bereits heran, und immer wieder wird umgesetzt und geändert. Der Garten ist Sigrids größtes Gemälde, das aber nie fertig wird, denn immer sind da oder dort noch Verbesserungen vorzunehmen und Farbtupfer anzufügen. Die verschiedenen Bereiche und Blickwinkel des Gartens werden von den Schülern Sigrid Krauses gerne genutzt. Sie kommen zu ihren Malkursen und können arbeiten, wo es ihnen gefällt, Sigrid macht die Runde und hilft mit professionellem Rat und technischen Tipps bei der Entstehung des Werkes. ,,… aber ich bin nicht Tor genug, um zu verlangen, dass mein Garten sie mir schon jetzt, Ende April, gewähren soll”, so fährt Goethe in dem eingangs erwähnten Zitat über die Rosen fort, ,,ich freue mich, wenn ich im Mai die Knospe sehe und bin glücklich, wenn endlich der Juni mir die Rose selbst in aller Pracht und in allem Duft entgegen reicht.” In der Algarve wird uns ,,die Rose selbst” nicht erst im Juni gereicht, hier können wir uns bereits im April über die ersten Blüten freuen. Entsprechend früher ist natürlich der Blütenflor der Einmalblühenden auch vorbei. Sigrid macht sich dies zunutze, indem sie ihre persönliche Rosensaison verdoppelt: in Deutschland wartet noch ein weiterer Rosengarten auf sie, und wenn die Monchiquer Rosenblüte ihren Höhepunkt überschritten hat, dann wechselt sie in nördlichere Gefilde. Dort kann sie den Rosenmonat noch einmal erleben. Einige wird sie wieder mit ihrem unverwechselbarem Pinselstrich aufs Papier bringen und damit Rosen schaffen, die nie welken.

ESA 07/06

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