Garten gegen Alltagsstress

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

Garten gegen Alltagsstress

Das Konzept ,,Wellness” ist uralt. Entspannung und innere Ruhe sind elementare Bedürfnisse der Menschen, immer schon war Stressabbau für die körperliche und seelische Gesundheit wichtig

Lediglich die Stressursachen wandelten sich im Laufe der Zeiten. Während Herr Neandertal sich von gefährlichen und dennoch lebensnotwendigen Jagdzügen erholen musste, sind seine Nachfahren oft ihrerseits Gejagte: von beruflichen und familiären Erwartungen, gesellschaftlichen Anforderungen, eigenem Ehrgeiz, Zeitmangel. Die physiologischen Abläufe sind die gleichen wie in der Steinzeit, nur haben wir den Vorgang heute wissenschaftlich analysiert und mit Begriffen eingekreist ­ Adrenalinschub, Stress, Burnout sind jedermann geläufig. Herr Neandertal hatte allerdings noch nicht unsere Probleme mit den negativen Stressfolgen; er war nur zu Fuß unterwegs, arbeitete so seine Stresshormone gründlich ab und dürfte kaum unter zu hohem Blutdruck gelitten haben. Wir hingegen müssen vieles ein- und wegstecken, verdrängen und anstauen, ohne uns Keulen schwingend zur Wehr setzen zu können. Was tun? Auch das ist wissenschaftlich verankert. Es gilt, den Kreislauf aus Ärger, Stress, aufgestauter Erregung zu durchbrechen und Körper, Seele, Geist wieder zur Ruhe zu bringen. ,,Wellness” ist das derzeit aktuelle Wort für eine ganze Reihe von Möglichkeiten, dieses Ziel zu erreichen. Der eigene Garten ist dabei als Therapiezentrum bestens geeignet. Er steht jederzeit zur Verfügung, bietet private Ungestörtheit und kann so gestaltet werden, dass er je nach Typ und Wunsch seines Besitzers die ideale Umgebung zur ,,Stressbehandlung” darstellt. Meditative Einkehr oder Körperpflege, strammes work out oder Entspannung in geselliger Runde, was auch immer das individuelle Programm zum Wiederfinden des seelischen Gleichgewichts sein mag, im Garten ist alles möglich. Wen Düfte heiter stimmen, der ist ein Typ für den Aromatherapie-Garten: Kombinieren Sie Pflanzen mit Ihren Lieblingsaromen. Herbwürziges liefern mediterrane Kräuter und Halbsträucher, Schwülsüßes findet sich bei Jasmin, Lilien, Citrusblüten. Rosen bieten, je nach Sorte, eine Duftpalette von ,,frischer Morgen” bis ,,orientalischer Harem”. Der Duftgarten braucht guten Windschutz, damit die Wohlgerüche sich sanft ausbreiten können, und einen Platz zum Verweilen, sei es Bank, Hängematte oder Laube. Leider ist Duft im Garten nicht das ganze Jahr über zu genießen und nur wenige Aromen lassen sich in Trockensträußen und Duftkissen gut kombinieren; doch helfen erstklassige Duftöle in Badewasser oder Duftlampe über die blütenarme Zeit hinweg, wecken angenehme Erinnerungen und Vorfreude auf die nächste Saison. Wem beim Anblick eines sattgelben Sommerblumenbeetes auch stimmungsmäßig die Sonne aufgeht, sollte seinen Garten nach farblichen Gesichtspunkten gestalten. Die eigene absolute Wohlfühlfarbe wird nach allen Regeln der Gartenkunst und der Farbenlehre kombiniert und variiert. Eine Ecke mit Schnittblumen sorgt dafür, dass die Farbstimmung auch in Innenräume gelangt und ihre therapeutische Wirkung dort fortsetzen kann. Natürlich sind Duft und Farbe auch ideale Begleiter für andere Aktivitäten im Garten, die dem Abschalten, der Entspannung, dem Zurückfinden zur inneren Gelassenheit dienen. Fern vom Getriebe hausnaher Terrassen kann etwa ein kleines, individuelles Rückzugsgebiet eingerichtet werden, eine grüne Zelle zur Kontemplation, abgeschirmt durch hohe Hecken: absolute Einsamkeit und Ruhe, vielleicht untermalt von einem leise gluckernden Wasserspiel in Miniaturformat, die Welt bleibt draußen. Oder wie wäre es mit einem Holzdeck für die morgendlichen Tai-Chi-Übungen in frischer Luft? Wer es nicht so mit der sanften Langsamkeit hat, sondern zum Dampfablassen seine Muskeln spielen lassen muss und den Alltagsstress gerne im Schweiße seines Angesichts bekämpft, kommt bei der Gartenarbeit voll auf seine Kosten. Im Garten dieses Zeitgenossen ist ausnahmsweise nicht ,,low maintenance” gefragt, sondern Bodybuilding an Hacke und Spaten. Was für andere Gartenbesitzer ein Gräuel sein mag, ist dem grünen Wühler ein Genuss. Aber Achtung, die Begeisterung für den Traumgarten darf nicht ihrerseits in Stress umschlagen. Bei Anwandlungen von Ärger über nachsprießendes Unkraut ist Alarmstufe eins angesagt und eine Pause einzulegen; Wohlfühlen und Gelassenheit ist schließlich das Ziel. Wenn sich solche Unmutsgefühle häufen, dann ist es besser, ins Wasser zu gehen: Pool oder Schwimmteich gehören natürlich ebenfalls zum Arsenal der Stressbekämpfung, sofern man sie regelmäßig nutzt. Oder man spannt im Garten ein Netz und lädt Freunde zum Volleyballspielen ein. Das Beisammensein mit Familie und guten Freunden ist ohnehin für viele eine der besten Wohlfühlsituationen. Und wo ginge das besser, als im eigenen Garten. Für diesen Wellness-Typ besonders wichtig ist eine große Terrasse, auf der ein langer Tisch Platz findet, an dem er dann alle seine Lieben versammeln kann. Angesichts der vielen Wochen Sommer in der Algarve also viel Gelegenheit für die Lieblingstherapie. Vielleicht gehört er sogar zu den Menschen, die sich beim Kochen entspannen können. Ein gut bestückter Kräutergarten ist in diesem Fall unerlässlich; daneben vielleicht ein Hochbeet mit dem garantiert schädlingsfrei biologisch dynamisch gezogenen Gemüse für den Kochkünstler. Vom Kräutergarten ist es nicht weit bis zum Heilpflanzengarten. Die meisten Küchenkräuter sind gleichzeitig Heilkräuter und verfügen über vorbeugende oder heilende Wirkung. Ob Phytotherapie, Homöopathie oder Bachblüten, die weisen Regeln des Pfarrers Kneipp oder die Pflanzenkenntnisse einer Hildegard von Bingen, alle basieren sie auf den Wirkstoffen von Pflanzen. Es ist sinnvoll, im Garten einige gängige Heilkräuter zu pflegen, denn etwas zu kennen bedeutet, es zu schätzen, und die Bereitschaft, seinem Körper etwas Gutes zu tun, ist oft der erste Schritt zur Besserung. Das regelmäßig auszuführende Wohlfühl-Kurzprogramm lautet deshalb: Im Garten sitzen, Beine hochlegen, sich über Wärme und Rosenduft freuen, dabei einen Kräutertee aus eigener Ernte genießen und folgende Weisheit durch den Kopf gehen lassen: ,,Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”

ESA 06/06

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