Grüne Vorsätze

Durch die Blume

In früheren Zeiten teilte man sich Vertraulichkeiten auf verschlüsselte Weise ,,durch die Blume” mit. Jeder gebildete Mensch wusste den Symbolcharakter der kleinen Sträußchen, die als Zeichen überreicht wurden, zu deuten. Blumen waren Botschafter der Gefühle

Heute kennt man allenfalls noch den Symbolcharakter der Rose als Blume der Liebe und Zuneigung. Der Rosenstrauß als Mitbringsel zum Hochzeitstag oder Geburtstag; damit liegt Mann immer richtig, zeigt allerdings keinen großen Einfallsreichtum. Wenn er sein Angebinde überreicht, wird ihm kaum bekannt sein, dass die Rose auch noch für Verschwiegenheit und Geheimhaltung steht. Hing beim Gastmahl reicher Römer eine Rose von der Decke, bedeutete dies, dass die Unterhaltung vertraulich zu behandeln sei. Auch in mittelalterlichen Gerichtsverfahren galt die Rose als Zeichen für geheime Verhandlungen. Die heute fast vergessene Redensart ,,sub Rosa sprechen” bedeutete, etwas unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilen. Frau würde sich mindestens ebenso über Zweige vom Orangen- oder Zitronenbaum zum Geburtstag freuen, wenn sie deren Bedeutung wüsste. Die Eigenschaft dieser Bäume, gleichzeitig Blüten und Früchte hervorzubringen, ließ sie nämlich zum Sinnbild für Unsterblichkeit und ewige Jugend werden. Nach Ansicht der Antike vereint keine andere Pflanze so vollkommen das Schöne mit dem Nützlichen ­ dies ist allerdings 58 eine Anerkennung, die für manche Ehefrau vielleicht doch einen etwas fragwürdigen Beigeschmack haben könnte. Jedenfalls wurden Zitruspflanzen, kaum waren sie, aus China kommend, im Mittelmeerraum heimisch, sofort zu mythologischer Bedeutung erhoben. So stand fortan fest, dass das Hochzeitsgeschenk der Erdmutter Gaia für das Götterpaar Zeus und Hera ein Baum mit goldenen Äpfeln nur ein Zitrusbaum gewesen sein kann. Der irdische Göttergatte wäre gut beraten, seinem Strauss auch einen Zweig Rosmarin hinzuzufügen. Dessen Duft stimmt milde, und er gilt als Zeichen unwandelbarer Treue. Das mag damit zusammenhängen, dass der immergrüne hocharomatische Rosmarin in dem Ruf stand, ganz vorzüglich das Gedächtnis zu stützen. ,,Ros marinus” bedeutet Meertau; er soll den Seeleuten des Mittelmeeres angeblich den Weg nach Hause gewiesen haben, da sein würziger Duft vom Ufer her zu ihren Schiffen wehte, noch bevor sie Land sehen konnten. Möglicherweise ist der Name auch auf die unzähligen wasserblauen Blüten zurückzuführen, die im zeitigen Frühjahr auf den nadelartigen Blättern erscheinen.

,,Da ist Vergissmeinnicht, das ist zum Andenken: Ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner! Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue”, mahnt Ophelia ihren Bruder Laertes in Shakespeares Hamlet. Vergissmeinnicht steht für die Sehnsucht nach Beständigkeit. Auch in anderen europäischen Sprachen trägt die Blume den Namen des Nichtvergessens: im Englischen ,,forget me not”, im Französischen ,,ne m’oubliez pas”, im Italienischen ,,non ti scordar di me”. Im Portugiesischen hält man sich an den botanischen Namen Myosotis, der wiederum aus dem Griechischen stammt und Mäuseohr bedeutet. Man findet die Blume häufig auf Tafelbildern zu Füssen Maria oder anderer Heiligenfiguren, zur Mahnung, über den irdischen Gütern die Demut nicht zu vergessen. Vielfach beruht der den Blumen zugeordnete Sinngehalt auf christlicher Symbolik. Bei der Passionsblume drückt sich das sogar im Namen aus; fromme Mönche erkannten in den bizarr geformten Bestäubungsorganen der Blüte die Marterwerkzeuge Christi. Dementsprechend steht die Passionsblume in der Blumensprache für Glauben und Leiden, aber auch als Sinnbild paradiesischer Natur. Auch die Nelke war mit der Passion Christ verbunden, allerdings über den Umweg eines Missverständnisses. Der Name Nelke bezog sich ursprünglich auf die Gewürznelke, die der Form nach an Nägel erinnert, er ging im 15. Jahrhundert auf die Gartennelke über, deren Duft dem der Gewürznelken sehr ähnlich ist. So geriet Dianthus, die Gartennelke, auf zahlreiche Darstellungen von Kreuzigungsszenen. Da die Blume auch den Ruf hatte, über aphrodisische Wirkung zu verfügen, wurde sie zum Symbol für Liebe, Fruchtbarkeit und Verlöbnis. Lilium candidum, die weiße Madonnenlilie, wird mit höchster Reinheit des Herzens und dem Göttlichen in Verbindung gebracht, sie schmückte deshalb die Gräber der Toten als Zeichen der Auferstehung. Es hieß, dass sie auf den Gräbern unschuldig Gestorbener am dritten Tage ganz von selber zu wachsen beginne. Erst die Maler niederländischer Stillleben wagten es, die Lilien ein wenig zu verweltlichen und sie in ihre üppigen Blumenarrangements zu integrieren. Ganz anders die Kamelie. Ehemals als Symbol für Freundschaft, Streben nach Harmonie und besonderer Eleganz angesehen, ist die Modeblume des 19. Jahrhunderts seit dem Roman Alexandre Dumas untrennbar mit der Figur der Kurtisane Marguerite verbunden. Diese ging nie ohne Kamelienstrauß aus, weiß oder rot, und durch den Wechsel der Farben wies sie diskret, durch die Blume eben, auf ihre Verfügbarkeit hin. Die ungeheure Popularität der Geschichte und das traurige Schicksal der Heldin haben seinerzeit zu einem wahren Kamelienboom geführt. Einen Boom anderer Art erlebte die Sonnenblume, die zum Markenzeichen der Grünen wurde. Ihr Symbolgehalt wurde durch diese Zuordnung neu im Sinne eines Engagements für die Bewahrung der Umwelt festgelegt. Die Sonnenblume trägt ihren Namen wegen ihrer Gestalt und wegen einer besonderen Eigenschaft, ihrem Heliotropismus: Sie dreht sich mit der Sonne. In der früheren Bildsymbolik assoziierte man mit ihr das Herrschen und die Loyalität zum Herrscher. Angesichts der Entwicklung der Grünen Partei in den vergangenen Legislaturperioden ist die Sonnenblume auch in diesem Sinne durchaus eine passende Wappenblume. Wer nun angesichts der misshandelten Natur in Melancholie versinken will, dem sei die Distel ans Herz gelegt. Sie gilt in der Blumensprache als Trösterin bei Schwermut. Es ist nicht ganz klar, wie sie zu diesem ehrenvollen Sinngehalt kommt. Zu den Pflanzen des Paradieses kann sie nicht gehört haben, denn nach der Vertreibung aus dem Paradies sprach Gott zu Adam: ,,Verflucht sei der Acker um deinetwillen, Dornen und Disteln soll er dir tragen…”. Aber die Gestalt der Distelstaude ist reizvoll, Vögel und Bienen wissen ihre Blüten zu schätzen, und delikat gefüllte Böden der Artischocke ­ eines Mitglieds der Distelfamilie ­ sind auch nicht zu verachten. Man lasse sich also nicht von den Dornen abschrecken.
Marie Giering

Zitrusbäume sind das Sinnbild für Unsterblichkeit und ewige Jugend

Fotos: ESA-Archiv

ESA 05/06

 

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