À la carte vom Beet

Ein Garten spricht sämtliche Sinne an: Das Auge betört er mit Farben, Formen, Strukturen, die Nase mit Düften, das Ohr mit einer Symphonie von Geräuschen. Er lässt sich befühlen: weiches Moos, raue Rinde, Dornen, messerscharfe Blätter

Und wenn wir wollen, können wir auch unsere Zunge verwöhnen lassen: süß oder bitter, scharf oder sauer ­ das kann der Garten alles bieten. Wir müssen dafür nicht ins Gras beißen, wir müssen nur ein wenig Arbeitszeit und Geduld für einen Gemüsegarten aufbringen. Selbstgezogenes Obst oder Gemüse sind ein besonderer Genuss. Jeder Kenner kulinarischer Gaumenfreuden wird bestätigen, dass das Aroma frisch geernteter Gartenfrüchte nicht zu übertreffen ist. Erdbeeren verlieren erwiesenermaßen bereits 30 Minuten nach der Ernte einen beachtlichen Teil ihrer Aromastoffe. Und Berichte über die Spritz-,,Kultur” auf den Erdbeerfeldern (oder gar eigene Erfahrungen mit allergischen Wirkungen nach dem Genuss gekaufter Früchte) halten manchen von deren Verzehr ab. Im eigenen Erdbeerbeet wird nur mit Wasser gespritzt. Nichts geht über den Duft einer sonnengereiften Tomate frisch vom Strauch, oder das nussartige Aroma, das ein Kopfsalat ohne Umwege über Transport und Supermarkt zu entfalten vermag. Wer also Gartenarbeit nicht als Fron betrachtet und gerne gut isst, der sollte seine gärtnerische Hingabe nicht nur Zierpflanzen widmen.

Vor dem ersten Spatenstich für den zukünftigen Gemüsegarten ist zu überlegen: Plant man eine Teil- oder Vollselbstversorgung, oder geht es in erster Linie um gelegentliches Schnabulieren? Wie viele Personen wollen gerne mitnaschen? Wie viel Zeit und wie viel Wasser stehen zur Verfügung? 100 Quadratmeter erfüllen bereits viele Gemüsewünsche, bei 200 artet das Unternehmen richtig in Arbeit aus. Woher nun die Jungpflanzen nehmen? In Gärtnereien findet sich außer Kräutern wenig. Auf Bauernmärkten bekommt man gelegentlich Jungpflanzen, das Angebot bleibt aber bescheiden. Wessen Ansprüche über Salat, Tomaten, Paprika, Zwiebeln hinausgehen und wer sich auch Auberginen, Fenchel, Kohlrabi, Rettich, Pepino auf sein Beet wünscht, für den heißt die Erfüllung ,,Samentüte”. Allerdings ist es nicht damit getan, die unterschiedlichen Samenkörnchen liebevoll in die Erde zu versenken und regelmäßig zu begießen. Der größte Teil des Saatgutes erfordert die Anzucht in foliengeschützten Saatkästen, Pikieren und schließlich Auspflanzen. Und damit nicht genug: Das in der Gartenerde ruhende Samendepot der Wildkräuter läuft häufig schneller auf, als die träge Petersilie oder gar die provozierend langsam keimenden Karotten. Hier heißt es zupfen und hacken, bis endlich entschieden ist, wer die Oberhand behält: Wir, der Gemüsegärtner ­ oder die Natur! Der kleinen Samentüte sieht man nicht an, welchen Arbeitsaufwand sie nach sich ziehen kann. Die Saatgutangebote in Katalogen verleiten beim Lesen der Produktbeschreibungen und erst recht beim Betrachten der prächtigen Fotos gerne dazu, gewaltige Mengen einzukaufen. Es klingt alles so einfach: rasch wachsende Sorte, besonders aromatische Früchte, überaus reich tragende Züchtung. In der rauen Wirklichkeit haben aber noch die jeweiligen Bodenverhältnisse und das Wetter ein Wörtchen mitzureden, ebenso leider auch Krankheiten, Unkraut und Schädlinge. Um unnötigen Frust zu vermeiden, sollte man lieber mit einer kleinen Auswahl beginnen, gemüsegärtnerisch zu experimentieren, um seine Scholle kennen zu lernen. Erfahrung ist alles. Multikulti auf dem Beet ist eine Wissenschaft für sich: Ähnlich wie bei der Spezies Mensch kommen auch nicht alle Gemüsearten gut nachbarlich miteinander aus. Manche können sich nicht ,,riechen”. Buschbohnen etwa freuen sich nicht auf Zwiebeln und Kartoffeln halten nichts von Tomaten, obwohl sie der gleichen Familie angehören. Verwandtschaft darf eben auch nicht in der Botanik mit Sympathie gleichgesetzt werden. Andere Arten hingegen üben wohltätigen Einfluss aufeinander aus, indem sie etwa Schädlinge vertreiben oder zur Bodenverbesserung beitragen. Gurken und Dill lieben sich (vom Beet bis zum Salatteller), ebenso Kohlrabi, Radieschen und Salat, Zwiebeln vertreiben die Möhrenfliege und Karotten wiederum die Zwiebelfliege, Schnittsellerie schützt Kohlkulturen vor Erdflöhen. Auch viele Kräuter bewähren sich durch ihre intensiven Düfte als Schädlingsabwehr. Salbei, Thymian und Pfefferminze irritieren den Kohlweißling und lenken ihn vom Kohlbeet ab, Kapuzinerkresse und Gartenkresse schützen Tomaten gegen Läuse. Blumen gehören in jeden Gemüsegarten. Sie bilden die optische Überleitung zum restlichen Garten, liefern die Tischdekoration und können ebenfalls zum ökologischen Gleichgewicht beitragen. Über die Kerne der Riesensonnenblumen freuen sich Vögel, die wiederum Raupen und Insekten zu Leibe rücken. Kaiserkronen sagen Wühlmäusen den Kampf an. Niedrige Tagetes dienen als Beetumrahmung und wehren durch Wurzelausscheidungen schädliche Nematoden ab. Vor allem bei Angehörigen von Gemüsegärtnern ist die ,,Ernteschwemme” gefürchtet. Gleichzeitig gesetzte Pflanzen bilden ja um die gleiche Zeit erntereife Früchte. Das erste Gericht selbstgezogenen Kohlrabis ruft noch allseits Entzücken hervor, doch pflegt diese Begeisterung rasch nachzulassen, wenn das gleiche Gemüse nun tagtäglich auf dem Teller erscheint. Selbst noch so erfindungsreiche Varianten der Zubereitung können eine gewisse Ermüdung nicht verhindern. Dreimal täglich Zucchini, nur um sie nicht wegwerfen zu müssen, oder Salat schon zum Frühstück, weil er sonst schießt; das sind die Probleme allzu reichen Erntesegens. Da hilft nur: Verschenken, vielleicht einfrieren, oder den Komposthaufen bestücken. Man kann dieses Zuviel durch Folgesaaten steuern, indem man jeweils im Abstand von etwa zwei Wochen nur wenige Jungpflanzen produziert.

Marie Giering

Das Abenteuer, seine kulinarischen Genüsse auf dem Beet selbst zu erzeugen, ist auf jeden Fall den Einsatz wert

Ein Gemüsegarten sollte:
· möglichst hausnah liegen, damit der Weg von der Küche zum Beet kurz ist
· einen eigenen Wasseranschluss haben
· einigermaßen windgeschützt sein · für Haustiere unzugänglich sein · ein gutes Wegenetz enthalten, damit die einzelnen Beete problemlos bearbeitet werden können
· gründlich vorbereitet, insbesondere tief gelockert und von Steinen befreit werden
· über einen Komposthaufen verfügen,
· eine schattige Sitzecke aufweisen, damit der geplagte Rücken entspannt und die heranwachsende Pracht in Ruhe betrachtet werden kann.

ESA 02/06

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