Mandelblüte

Winterblüte

In Gärten ist Prunus dulcis selten zu finden, obwohl er ein anspruchsloser, dem Klima angepasster Baum ist. Sein Blütenflor ist hinreissend, aber nur von kurzer Dauer. Außerdem ist er nicht wintergrün. Der Mandelbaum zeigt mit Blüte, Frucht und Blattfall, dass es auch in der Algarve Jahreszeiten gibt. Das aber wird von vielen Gartenbesitzern keineswegs geschätzt. Ihr Garten soll das ganze Jahr hindurch möglichst gleich aussehen, eine immergrüne Kulisse mit allenfalls wechselnden Farben; welkende oder gar fallende Blätter sind nicht erwünscht. Schade um den zarten Flor der Mandelbäume, Augenweide in der blütenärmeren Jahreszeit. Die große Symphonie der Blütenfarben entfaltet sich etwa ab März, wenn die Pflanzen, gesättigt vom winterlichem Nass und angeregt von längeren Tagen, wieder zu neuem Wachstum streben. Vorher aber gibt es, neben der Mandel, schon einige Frühaufsteher, die bereits im Dezember, Januar oder Februar ihre Blüten öffnen. Sie geschickt in den Garten zu integrieren, belohnt mit Farben in Monaten, die auch hier gelegentlich ziemlich grau sein können. Die Algarve war vor Jahren berühmt für die Mandelblüte. Große Flächen, mit weißen Blüten wie frisch gefallener Schnee bedeckt, begeisterten die Mitteleuropäer, die aus winterlichem Schmuddelwetter für ein kurzes Auftanken eine Januarwoche an der Algarve verbrachten. Heute existieren diese Flächen nicht mehr, die Mandelbaumbestände sind ungepflegt, abgestorben, dem Bagger zum Opfer gefallen. Die Landschaft in der Algarve hat sich verändert, Mandelblüte ist Schnee von gestern

Euphorbia pulcherrima kennt jeder unter dem Namen Weihnachtsstern. Er hat leider etwas den Beigeschmack des Abgegriffenen bekommen, da er für das Jahresende in Massen produziert und als Billigware vertrieben wird. Ein meterhoher Strauch dieser Art in voller Blüte lässt aber die armen kleinen Klone an den Supermarktkassen vergessen. Dann wird offensichtlich, warum diese Euphorbie den Beinamen ,,pulcherrima”, die Prächtige, bekommen hat. Wer im Januar Aufmunterung benötigt, der begebe sich auf eine Fahrt nach Monchique. Um diese Zeit biegen sich die Äste der Mimosen unter der gelben Pracht ihrer zarten kleinen Blütenkugeln. Dieses Gelb ist von solcher Leuchtkraft, dass man auch bei Regenwetter glaubt, die Sonne scheine. Mimosen werden sie zwar umgangssprachlich genannt, sind es aber, streng botanisch, nicht. Die Bäume mit den Fiederblättern gehören zu den Akazien, einer Familie etwa 1.000 immmergrüner und Laub abwerfender Bäume und Sträucher. Die echte Mimose, Mimosa pudica, ist ein brasilianischer Halbstrauch. Ihre Eigenart, die Blätter bei Berührung zusammenzufalten, brachte ihr den Namen ,,Pudica”, die Schamhafte, ein. Akazien wachsen schnell, sind aber relativ kurzlebig. Sie sollten windgeschützt stehen, da größere Exemplare nicht sturmfest sind. Auch können die weitausgreifenden Ausläufer mancher Arten regelrecht zur Gartenplage werden. Acacia baileyana fällt mit ihrem blaugrünen Laub aus dem Rahmen der übrigen Akazienfamilie und bringt eine andere Note in die Palette der Grüntöne. Wer im Garten Platz und humosen Boden hat, der kann sich den Jahresbeginn durch die prächtige ,,Tulpenblüte” der Magnolie verschönern lassen. Etwas Geduld gehört allerdings dazu, ­ oder eine reichliche Dotierung für ein großes Exemplar. Magnolia grandiflora und Magnolia soulangeana sind wintergrün, die anderen Sorten entledigen sich im Herbst ihres Blattkleides. In milden Wintern beginnt das Blütenspektakel bereits im Februar. Kamelien sind in punkto Bodenbeschaffenheit noch anspruchsvoller als Magnolien. Sie wollen ein leicht saures Ambiente, und bitte keinesfalls kalkhaltiges Gießwasser. Solche Voraussetzungen sind in den meisten Teilen der Algarve allenfalls im Topf zu bewerkstelligen; hier hat das Monchique-Gebiet eindeutigen Standortvorteil. Die Mehrzahl der vielen Tausend heute verzeichneten Sorten stammen von einer einzigen Art, der camellia japonica, ab, die im frühen 18. Jahrhundert aus China nach Europa eingeführt wurde. Die meisten der etwa 300 wild vorkommenden Kamelienarten finden wir in Südchina. Die Vielfalt der Kulturkamelien ist beeindruckend, die Skala reicht von reinem weiß über gelb, ungezählten Rosa-Tönen bis zu Dunkel- und Blaurot. Die ersten Blüten können bereits um Weihnachten herum erscheinen und uns, je nach Sorte, bis weit ins Frühjahr hinein begleiten. Ebenfalls als Tischschmuck für die Weihnachtstafel geeignet sind die rosa Knospen des Lorbeerschneeball, Viburnum tinus, die sich zu weißen Blüten öffnen. Lange halten sie sich nicht in der Vase, aber für einen festlichen Abend können sie eine reizvolle Kombination mit silbrigem Wacholdergrün, Thuja und Mäusezahn eingehen. Letzterer ist, ähnlich der Stechpalme, mit roten Beeren geschmückt, und pieken kann er auch. Der Lorbeerschneeball ist ein immergrüner, robuster Strauch, der sich zu beachtlichen fünf Metern auswachsen kann, wenn man ihn lässt. Er nimmt jeden Schnitt klaglos hin. Westringia glabra hingegen wird etwa einen Meter hoch. Sie stammt aus Australien und freut sich im Sommer über etwas Wasser, hält aber auch Trockenzeiten aus. Die Blättchen sind nadelartig geformt, weich, und im späten Winter mit kleinen blauen Sternchen besetzt, die farblich den gleichzeitig erscheinenden Blüten des kriechenden Rosmarin ähnlich sind. Das dunkelgrüne Laub des Rosmarin und das helle, graugrüne Laub von Westringia kontrastieren sehr schön zusammen. Euryops und Streptosolen liefern weitere Farbtöne. Euryops ist ein verholzender Kleinstrauch mit margueritenartigen gelben Blüten, die den ganzen Winter hindurch getreulich erscheinen. Streptosolen jamesonii wird auch Marmeladestrauch genannt. Und in der Tat: Die orangefarbenen, zu gelb verblassenden üppigen Blütenbüschel erinnern an Orangenmarmelade. Dieser weichfallende Strauch erfreut mit äusserst langer Blütezeit. Natürlich gehen auch Kleingewächse schon am Jahresende zur Blühtätigkeit über. Bulbinella frutescens etwa ist eine bodendeckene Sukkulente, die aus Südafrika stammt und ihre orange oder gelben Blütenähren sofort ausstreckt, wenn sie Wasser erhält. Das hat sie mit vielen ihrer sukkulenten Artgenossen gemeinsam. Den trockenen Sommer verbringen sie in einer Art Ruhezustand; sobald aber der erste Regen die Pflanzenzellen füllt, erwachen sie zum Leben und verlieren keine Zeit, um ihre Blütenstände zu produzieren. Da in regennassen Wintern nicht nur unsere Kulturpflanzen, sondern auch Unkraut, Gras und Klee einen neuen Anlauf nehmen, sind die kleinen Zwiebelblüher, die in Mitteleuropa auf den noch weitgehend kahlen Wiesen für erste Frühlingsgefühle sorgen, in der Algarve etwas auf verlorenem Posten. Krokus, Traubenhyazinthen oder Märzenbecher werden hier leicht überwuchert. In einer großen Schale auf der Terrasse aber können sie sich ungestört entfalten und uns bereits zum Jahresende erfreuen.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin

ESA 12/05

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