Hecken

Text und Fotos: MARIE GIERING

Dornensträucher, Flechtwerk, Hecke, Zaun oder Mauer ­ von jeher wurde der Garten, dieses Stück zielgerichtet gestalteter Natur, nach außen abgegrenzt. Wilde Tiere und weidendes Vieh mussten ferngehalten werden, ebenso wuchernde Wildkräuter oder unberechtigte Abnehmer der mühsam angebauten Kulturen

Burgfrieden

In mittelalterlichen Bildern wurde der Gegensatz zwischen dem ,,hortus conclusus”, dem umschlossenen, kultivierten und friedvollen Gärtchen und der wilden gefahrvollen Natur draußen häufig thematisiert. Heute werden vor allem die unsichtbaren juristischen Eigentumsgrenzen durch Einfriedungen sichtbar gemacht. Schutz gegen unerwünschtes Eindringen ist allerdings immer noch gefragt, allerdings eher gegen zweibeiniges Großvieh sowie neugierige Blicke, unerwünschten Lärm, Wind. Vertikale Elemente im Garten bewirken auch bei uns neuzeitlich aufgeklärten Menschen ein Gefühl der Geborgenheit. Die Bezeichnung ,,Einfriedung” beinhaltet nicht ohne Grund den Begriff vom Frieden. Im Mittelalter bedeutete der ,,Burgfriede” absoluten Schutz im Bereich ummauerter Anlagen. Innerhalb des Burgfriedens, etwa in einer Stadt, war jede Fehde untersagt und Friedensbruch wurde streng bestraft. Ob man sich für eine formal geschnittene oder eine naturnahe Hecke, für eine Mauer, einen Zaun oder für Drahtgeflecht entscheidet, hängt vom eigenen Geschmack, vom Portemonnaie und von der jeweiligen Situation ab. Wichtig ist, dass sich die vertikalen Elemente in die Gesamtgestaltung der Gartenanlage harmonisch einfügen. Dabei ist auch ein Auge auf Nachbars Garten zu werfen: Die eigene Grenze muss zwar nicht identisch mit derjenigen nebenan sein, es tut dem Auge aber wohl, wenn die Einfriedungen in Höhe und Ausgestaltung aufeinander abgestimmt sind. In vielen Urbanisationen existieren ohnehin Vorschriften zur einheitlichen Abgrenzung der einzelnen Parzellen. Allgemein gilt: Je höher die Begrenzungen, desto kleiner erscheint der umschlossene Raum. Umschlossene Innenhöfe wirken wie Zimmer, schmale Wege zwischen hohen Hecken oder Mauern wie Korridore. Diese Wirkung kann durchaus erwünscht sein. So sind etwa die andalusischen Patios mit ihrem üppigen Kübelpflanzenschmuck, Nachkommen des mittelalterlichen hortus conclusus, sehr ansprechende Räume. Wer seinen kleinen Innenhof größer erscheinen lassen möchte, der sollte Einfassungen in durchbrochener Bauart ausführen, helle Materialien sowie Pflanzen mit weichem Habitus und kleineren Blättern auswählen. Wenn es ein Hauch Barock sein darf, können Spiegel oder Trompe l’oeil Malerei auf verblüffende Weise vergrößernde Effekte erzielen. Große Gärten wirken ohne vertikale Elemente leicht unpersönlich und leer. Dies ändert sich, wenn die Fläche mit Einfassungen gegliedert und in ihrem Inneren Räume angedeutet werden. Es können durch Heckenformationen gebildete Gartenzimmer entstehen oder es sorgen bauliche Elemente, ein imposanter Solitärbaum, eine einzelne Gebüschgruppierung, für die erforderliche Unterteilung. In der Algarve ist starker Wind ein regelmäßiger Gast, den man, je nach Lage des Grundstücks, nicht ignorieren kann. Nicht immer wird dies bei Bau und Positionierung des Hauses ausreichend berücksichtigt und später finden sich die Hausbewohner zu ihrem Missvergnügen bei den Mahlzeiten auf der Terrasse mit flatternden Servietten wieder. Starker Wind hat auf viele Pflanzen eine schädigende Wirkung. Es sollte über eine Windschutzkonstruktion nachgedacht werden, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Dabei ist eine massive Barriere, etwa eine Mauer, nicht so empfehlenswert, da an der Leeseite extreme Luftströmungen und kühle Zonen entstehen können. Eine Hecke, je breiter, je besser, reduziert die Windgeschwindigkeit wirkungsvoller. Ein ganzer Schutzgürtel aus Bäumen und Sträuchern ist der ideale Windschutz für ein offenes Gelände; denn auf der windzugewandten Seite leitet die abgestufte Pflanzung die Luftströme nach oben und über eine große Distanz über den Garten hinweg. Solch eine Lösung benötigt allerdings viel Platz. Gegen Lärm hingegen ist mit einer ,,grünen Mauer” nichts auszurichten. Schall lässt sich durch die Botanik nicht bremsen, hier bringen allenfalls feste Verbauungen Linderung für geplagte Ohren. Ausgewählte Pflanzungen können helfen, allzu massive Baulichkeiten wohltuend zu bemänteln. Die Einfriedung eines Grundstücks kann weiters dazu benutzt werden, bestimmte Ausblicke zu verändern oder zu verdecken. Vielleicht soll ein Bereich des Gartens abgeschirmt oder vor neugierigen Blicken geschützt sein, vielleicht möchte man unattraktive Gartenbestandteile oder den hässlichen Ausblick auf das benachbarte Brachland kaschieren, ­ eine passende Gestaltung lenkt die Aufmerksamkeit von den betreffenden Zonen ab. Bei der Entscheidung, ob die vertikalen Gartenelemente aus Pflanzen oder unbelebten Materialien bestehen sollen, spielt auch die Frage der Zeit eine Rolle. Zäune und Mauern lassen sich relativ rasch errichten; Anpflanzungen brauchen mehr Zeit, bis sie die gewünschten Proportionen und die beabsichtigte Wirkung haben. Doch es gelingt, beide Gestaltungsmöglichkeiten zu kombinieren, wie den Drahtgeflechtzaun, der sofort für die erforderliche klare Abgrenzung sorgt, mit Sträuchern oder Schlingern bewachsen zu lassen. Die ideale Heckenpflanze, die schnellstens die gewünschte Höhe erreicht, um dann das Wachstum nahezu einzustellen, existiert natürlich nicht. Für Hecken sind immergrüne Sträucher und Bäume geeignet, die langsamer wachsen und nach dem Schnitt bereitwillig neue Seitentriebe bilden, damit der grüne Schutzwall dicht und buschig bleibt und nicht mit kahlen ,,Beinen” dasteht. Hohe Wind- oder Sichtschutzwände können mit schneller wachsenden Arten kombiniert werden. Eine formale Hecke verleiht einem Garten einen Hauch von Eleganz ­ allerdings nur, wenn sie gepflegt und regelmäßig geschnitten wird. Pflanzen, die ungezwungen wachsen, bedürfen in der Regel nur ein Mal jährlich eines Rückschnitts. Lebende Umfriedungen bringen sicherlich etwas mehr Pflegearbeit mit sich, doch locken sie auch willkommene Gäste an, wie ein Vogelpärchen, das sich dort nistend niederlässt. Da heißt es dann schon einmal, die Heckenschere ruhen zu lassen, bis Brut- und Aufzuchtzeit des Vogelnachwuchses abgeschlossen sind.

Allgemein gilt: Je höher die Begrenzungen, desto kleiner erscheint der umschlossene Raum

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

ESA 11/05

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