Das Geschenk Athenes – Olivenbaum

Das Geschenk Athenes

Die Bäume gingen hin, um einen König über sich zu salben, und sprachen zum Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben? Richter 9, 8
,,Oliveiras estão na moda ­ Ölbaume sind in” lautete der kurze Kommentar eines portugiesischen Gärtners zu den unzähligen Reihen von alten Ölbäumen, die, ihre Arme gestutzt, ihre mächtigen Wurzelballen in Plastik gepresst, entlang der Algarve in den Gärtnereien zum Verkauf stehen. Meist versehen mit einer Anwachsgarantie, kommen sie in öffentlichen Grünanlagen und in Privatgärten zum Einsatz. Jeder einzelne Baum ist eine eigene Persönlichkeit, und ihre Liebhaber lassen es sich etwas kosten, diese Individuen zu sich in den Garten zu holen: 300, 500, 800 Euro oder mehr ­ je nach Aussehen und Alter. Und woher kommen nun eigentlich diese fast unsterblichen Gewächse, die fünf oder sechs Menschengenerationen an einem Standort beheimatet waren, in so großer Zahl? Auf diese Frage wird nicht oder nur ausweichend geantwortet. Nur eines ist sicher ­ dort, wo diese entwurzelten Geschöpfe einst wuchsen, werden sie nicht mehr benötigt. Niemand mag sie pflegen, ihre Früchte ernten und verwerten. Sie sind für ihre Eigentümer nutzlos geworden oder stehen einfach, zum Beispiel einem Neubau, im Wege. Also gilt es, aus ihnen einen letzten Vorteil zu ziehen: sie mit den Wurzeln säuberlich zu roden und zu verkaufen. Basta. So traurig diese Veränderung der Landschaft einerseits ist, so ist es doch erfreulich, dass diese Baumaltertümer nicht alle zu Brennholz verarbeitet werden, sondern an neuen Standorten Wertschätzung finden. Der Mittelmeerraum ­ und die atlantische Algarve sei einmal klimatisch und großräumig gesehen dazu gerechnet ­ wird seit Jahrtausenden vom Ölbaum geprägt: in seiner Landschaft, seiner Wirtschaft, im Gebrauch seiner Produkte im Alltag, aber auch in seiner Kunst und seiner Mythologie. Die Ölbaumkultur wurde zunächst schwerpunktmäßig im östlichen Mittelmeerraum, vor allem in Palästina, in Syrien und auf Kreta, betrieben. Diese Länder erlangten durch den Handel mit Olivenöl, aber auch mit dem des Ölbaumholzes, beträchtlichen Reichtum. Wenn man die Vielfalt der Olivenölverwendung betrachtet, wird das verständlich: Salböl, Körperpflege, Haarpflege, Duftöle und Heilmittel, nicht zuletzt die Verwendung des sehr harten Holzes für Werkzeuge und Waffen, die Keule des Kyklopen, der Odysseus mit seinen Gefährten in der Höhle gefangen hielt, stammte von einem Ölbaum: ,,Neben der Hürde lag des Kyklopen riesige Keule, Von einem Ölbaum frisch gehauen; er wollte sie tragen, Wenn sie dürr genug.” Die Göttin Athene gilt als Entdeckerin und Stifterin des Ölbaumes, dessen Blätter die Dichter wegen ihrer grau bis meergrünen Farbe mit den Augen der Göttin verglichen. Das Öl der Oliven war für die Griechen die Quelle des Lichtes, und das Licht hielten sie für ein Symbol der Verständigung. Dem Mythos nach stritten Athene und Poseidon, der Gott des Meeres, um die Herrschaft in Attika. Kekrops, sagenumwobener erster König Athens, sollte den Streit entscheiden. Sieger sollte derjenige sein, der den Bewohnern Attikas das wertvollere und nützlichere Geschenk machte. Poseidon stiftete eine salzhaltige Quelle ­ Salz war in damaligen Zeiten ein sehr wertvolles Handelsgut ­ Athene hingegen pflanzte einen Ölbaum und siegte. Dieser Wettstreit und seine Symbole bleiben lange Zeit ein beliebtes Motiv auf altgriechischen Vasen und Reliefs.

Die portugiesischen Spitzenerzeugnisse sorgfältig hergestellten Olivenöls stammen meist aus Anbau in den nördlicheren Gebieten des Landes
Mit dem wachsenden Römischen Reich wanderte der Ölbaum in den westlichen Mittelmeerraum. Haupterzeugerländer sind nun nicht mehr Syrien oder Kreta, sondern vor allem Apulien und Spanien. Heute ist die Mittelmeeroder Kreta-Diät und der damit verbundene Konsum von hochwertigen Olivenölen ein aktuelles Thema. Die portugiesischen Spitzenerzeugnisse sorgfältig hergestellten Olivenöls stammen meist aus Anbau in den nördlicheren Gebieten des Landes. Die riesigen, monotonen Wirtschaftswälder in Spanien, säuberlich von Maschinen durchpflügt, sind nun die moderne Folge des Wettstreits zwischen Athene und Poseidon. Die Zeiten, da in der flirrenden Hitze des Mittags Pan im Ölbaumhain anzutreffen war, sind vorbei. Auch das wilde Bunt der Frühjahrsblüten zwischen den knorrigen Stämmen, einst beliebtes Motiv auf alten portugiesischen Postkarten, ist nicht mehr zugelassen. Romantik und Wirtschaftlichkeit vertragen sich nicht mehr. Umso mehr ein guter Grund, sich im privaten Bereich seinen heiligen Hain zu schaffen. Obwohl ein Ölbaum es sogar aushält, als Dekoration der Kreisverkehrsbegrenzung oder Bäume müssen zunächst regelmäßig eingeschwemmt werden. Auch deshalb ist es sinnvoll, seine Begleitung nach geo-botanischen Gesichtspunkten auszuwählen und ihm ebenfalls trockenheitsresistente Arten beizugesellen. Die ganze Palette der mediterranen Kräuter und silberlaubigen oder weißfilzigen Kleinsträucher bietet sich an: Lavendel, Thymian, Rosmarin, diverse Salbeiarten, aber auch Gazanien, Senecio cineraria, Santolina, Buchsbaum, Zistrosen, Currykraut. Im Wurzelbereich können Zwiebeln für Frühjahrsblüte sorgen. Exotisch-tropisch anmutende Pflanzen sind sowohl von ihrem äußeren Habitus als auch von ihren Standortansprüchen keine idealen Partner für Ölbäume. Die sehr aufwendige Ölgewinnung wird im privaten Gartenbereich keine Rolle spielen. Beim Einlegen der Oliven sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt, denn die vorgenannten mediterranen Küchenkräuter sind nicht nur im Garten gute Nachbarn des Ölbaums, sie vertragen sich auch in Salzlake oder Öl bestens mit seinen Früchten.

Hätte der Ölbaum einen Personalausweis, so könnten wir daraus folgende Daten entnehmen: Name: Olea europea Geburtsdatum: sehr alt, Vorfahren wohl schon vor 7.000 Jahren bekannt Wohnort: Mittelmeergebiet, Afrika, Arabische Halbinsel, Himalaja, heute auch Übersee Besondere Kennzeichen: Langsam wachsender Baum, bis zehn Meter hoch, erst nach zehn Jahren volle Blüte, erst grüne, dann schwarze ölhaltige Früchte

ESA 08/05

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

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