Zen-Oasen

Bonsaipflanzen sind nun auch in der Algarve käuflich zu erwerben; Grund genug, um einen Blick auf die Gartentradition der Japaner zu werfen, die dahinter steht

Wörtlich übersetzt heißt Bonsai ,,Pflanzen in einer Schale”, und ist eine kulturelle Besonderheit, die aus China nach Japan gelangte und sich dort zu einem beliebten Zeitvertreib entwickelte. Bonsai und die japanische Gartenkunst folgen den gleichen Prinzipien: Persönliche ästhetische Vorstellungen werden durch die Bildsprache der Natur dargestellt. Im 6. Jh. v. Chr. wurde der Garten als Kunstform aus China eingeführt. Der erste japanische Gesandte, so heißt es, staunte in China über die künstlich angelegten, prachtvollen Gärten des dortigen Herrschers. Wenige Jahre nach seiner Rückkehr in die Heimat besaß auch Japan seinen ersten Garten mit Seen und Inseln. Von nun an gehörten für die japanischen Adligen Gärten zum neuen Lebensstil. Und nach vielen gesellschaftlichen Veränderungen ging auch ein erstarktes Bürgertum daran, sich in kleinem Rahmen, oft in Innenhöfen, Gärten zu gestalten. Die Japaner bereicherten das chinesische Original mit ihrer Formensprache und ihrem besonderen Bezug zur Natur. Immer schon hatten Japaner besondere Orte in der Naturlandschaft als heiligen Sitz der Götter verehrt, etwa einen Wasserfall, einen besonders geformten Stein, einen mächtigen Baum. Die frühen japanischen Gartengestalter nahmen die neu eingeführten Ideen auf und behielten zugleich die alte, animistische Auffassung bei, nach der die in der Natur vorkommenden Dinge ­ Felsen, Teiche, Inseln ­ nicht unbelebt, sondern schützende Wohnstatt heiliger Geister sind. Der Buddhismus, der Mitte des 6. Jh. ins Land kam, brachte ebenfalls Symbole in die Gartengestaltung ein, so etwa die Darstellung des heiligen Berges Shumisen, der durch einen lotrecht aufgestellten Stein, umgeben von einer ,,Gebirgskette” von kleineren Steinen, zu einem der häufigsten Motive wurde. Schöne Steine wurden zu wertvollen Prestigeobjekten: In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen war ein siegreicher Kämpfer bestrebt, möglichst den ganzen Garten seines Feindes mitsamt Felsen und Bäumen davonzutragen, als größten Schatz, den dieser besaß. Von der Natur lernen und die Natur interpretieren, dies geht bei japanischen Gartengestaltern Hand in Hand. ,,Erinnere dich an den Anblick berühmter Orte, wähle das aus, was dich anzieht und füge deine eigene Deutung hinzu”, empfiehlt Sakuteiki, das berühmte japanische Buch der Gartenkunst (etwa im 11. Jh. entstanden). Ein Grundsatz, der allgültig ist. Was lehrt die Natur über das Leben und den Kosmos, welchen Platz nimmt der Mensch im Gesamtgefüge ein ­ das gilt es, bei der Naturbeobachtung zu erkennen. Der Weg, den das Wasser durch die Landschaft nimmt, veranschaulicht ,,den Weg des geringsten Widerstandes”. Die bizarre Form Wind zerzauster Kiefern spricht von Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, biegsame Bambushalme und Gräser von Anpassungsfähigkeit. Die ganze Komplexität der einfachsten Dinge, etwa die Verzweigungen von Blattadern, erinnert daran, dass es im Himmel und auf Erden weit mehr gibt, als das, was wir mit unserem Verstand erfassen können. Obwohl die japanischen Gartengestalter ihre Anregungen aus der Natur beziehen, sind ihre Gärten doch etwas ganz anderes als ,,Wildgärten”. Die Natur wird im Garten neu interpretiert, sodass das Ergebnis eine idealisierte Vision der Natur ist, eine Essenz der wesentlichen Erscheinungsformen. Nicht Nachbildung ist das Ziel, vielmehr die Schaffung eines Kunstwerks. Wichtigstes Gestaltungsprinzip ist das Gleichgewicht zwischen natürlicher und künstlicher Schönheit. Beim Bonsai sind hierfür Materialien und Gestaltungstechniken aufs Äußerste beschränkt: eine Landschaftsszene in einer Schale. Minimalistischer geht es nicht mehr. Die großen kaiserlichen ,,See-und-Inselgärten” weisen mit ihren weich geschwungenen Konturen viele Elemente der späteren englischen Landschaftsgärten auf. In kleinen Tempelhöfen legte man Kare-san-sui, wörtlich ,,Trockene-Berg-Wasser-Gärten”, an, die wir als ,,Zengärten” bezeichnen. Diese Kreationen mit wenigen Pflanzen, Steinen und geharktem Kies wurden in erster Linie nicht zum Betreten sondern zur Betrachtung angelegt. Der Betrachter ergründet den Garten rein geistig. So konnte auch ein kleiner Garten als grenzenlos erfahren werden, ein Gedanke des Zen-Buddhismus, dass das Große im Kleinen zu erfahren ist. Roji, der Teegarten, entstand im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kultur des Tees und war in allen Gesellschaftsklassen zu finden. Dieser Garten stellte in seiner Gesamtheit den Pfad zum Teehaus dar, der, von der Außenwelt abgeschirmt, der geistigen Vorbereitung auf die Teezeremonie dienen sollte. Der Charakter der Pflanzung sollte die ruhige Atmosphäre der Gebirgslandschaft schaffen, was mit immergrünen Bäumen und Sträuchern erreicht wurde; selten wurde Blühendes integriert. Die Auswahl und Platzierung der Trittsteine und der Steinlaterne waren von höchster Bedeutung. Während wir in unseren Gärten die breitestmögliche Palette an Pflanzen kultivieren, beschränken sich die Japaner auf eine kleine Anzahl. Bambus, Kiefer und Kirsche sind das klassische botanische Trio, ergänzt u. a. von Ahorn, Azaleen, Rhododendron, Kamelien. Der Unterhalt eines japanischen Gartens besteht hauptsächlich im Schnitt; jede einzelne Kiefer ist kunstfertig zu einem übersteigerten Urbild dieses Baumes getrimmt, eine Kunst, die sich in der Technik des Bonsai bis zum Äußersten steigert. Die grundsätzlichen Gestaltungsprinzipien der japanischen Gartenkultur sind überall anwendbar. Man kann versuchen, dem japanischen Geist zu entsprechen, und ohne die in Japan möglichen und üblichen Elemente ein Gebilde schaffen, das auf den ersten Blick vielleicht nicht japanisch aussieht, aber die gleiche Ruhe und Schönheit verströmt. Doch kann man sich auch an die üblichen japanischen Gestaltungselemente Stein, Kies, kleine Pflanzenauswahl halten und einen Garten im japanischen Stil kreieren. Bambusarten, Pinie, immergrüne Sträucher stehen auch hier in der Algarve zur Verfügung; Kirsche könnte durch Pfirsich oder Mandelbaum ersetzt werden, eindrucksvoll gefärbtes Herbstlaub bietet Diospyros kaki. Vielleicht wäre so ein minimalistischer japanischer Trockengarten mancherorts eine reizvolle Antwort auf Wassermangel und hohe Bewässerungskosten.

Marie Giering, Landschaftsarchitektin

ESA 07/05

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