Die Kraft der Farben

Bekanntlich lösen Farben unterschiedliche Gefühle beim Betrachter aus. So ist es möglich, mit Farben von Blüten und Blättern, holzigen Pflanzenteilen und Früchten eine bestimmte Stimmung im Garten zu erzielen.
Das großartige Schauspiel eines niederländischen roten Tulpenbeetes in voller Blüte kann einem geradezu den Atem verschlagen, eine Rabatte in zarten Pastelltönen ruft ganz andere Reaktionen hervor. Der gewählten Farbzusammenstellung kommt also eine erhebliche Bedeutung zu. Um das zu verdeutlichen, bedarf es einiger weniger theoretischer Ausführungen: Sehen wir Farbe, nehmen wir in Wirklichkeit Licht wahr, das mit unterschiedlichen Wellenlängen von den Gegenständen um uns zurückgeworfen wird. Alle Wellenlängen ergeben die Farben des Regenbogens: Rot, Orange, Gelb, Blau, Grün, Indigo und Violett. Rot hat die größte Wellenlänge, Violett die kürzeste. Schwarz absorbiert das Licht, Weiß besteht aus allen Farben und reflektiert sie, was bereits im Jahre 1666 Sir Isaac Newton experimentell feststellte. Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630 Künstler und Farbtheoretiker entwickelten Grundsätze, nach denen wir die drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau unterscheiden, die sich nicht durch Mischen anderer Farben herstellen lassen. Sekundärfarben werden beim Mischen von zwei Primärfarben erzeugt, und Tertiärfarben entstehen durch Mischen von Sekundärfarben. Die Darstellung in einem Farbkreis verdeutlicht dies. Die Grundfarben bilden ein Dreieck (s. Abbildung) mit drei gleich langen Seiten, diese Farben lassen sich problemlos miteinander kombinieren. Dreht man dieses Dreieck im Farbkreis, so ergeben sich damit beliebig viele weitere Farbdreiklänge. Die im Farbkreis gegenüberstehenden Werte nennt man Komplementärfarben. Sie bilden den stärksten denkbaren Kontrast und wirken leuchtend und lebendig. Rot und Grün, Blau und Gelb und Violett oder Blau und Orange, nebeneinander angeordnet, sollten jeweils möglichst in gleichem Masse vertreten sein, damit das Gesamtbild ausgewogen ist. Gelbe Rosen mit violettblauem Lavendel oder Salbei (Salvia leucantha), gelborange Lilien und der Kartoffelstrauch (Solanum rantonettii) mit seinen kräftig blauen Blüten sind unübersehbare, fröhliche Arrangements. Auf dem Farbkreis benachbarte Farben hingegen bilden einen so genannten Farbverlauf. Die Kombination solcher Farben wirkt besonders harmonisch: blaue Blüten kombiniert mit rosa oder lila Tönen, orange neben gelben Schattierungen. Wenn dabei auch noch Farbton (hell oder dunkel) und Farbtiefe (Sättigung) berücksichtigt werden, kann bei der Zusammenstellung nichts schief gehen.

Monochrome Pflanzungen, bei denen eine einzige Farbe dominiert, sind besonders ausdrucksstark. Legendär ist der ,,weiße Garten” im englischen Sissinghurst Castle, in dem viele Weiß- und Silbertöne vereinigt wurden. Zu viele verschiedene Farben neutralisieren sich gegenseitig, und ein buntes Flickenmuster wirkt unentschieden. Eine geballte Konzentration von Rottönen hingegen, mit indischem Blumenrohr (Canna indica), gelbrotem Wandelröschen, roten Pelargonien und Petunien, roten Dahlien und Salvien sowie einjährigen Zinnien, durchmischt mit dem dunkelpurpur Laub der roten Berberitze (Berberis thunbergii Atropurpurea) ist in voller Sonne ein leuchtender Blickfang, der in der Dämmerung zu einem geheimnisvollen Glühen verblasst. Oder eine Rhapsodie in blue: Blau blühender Agapanthus kombiniert mit Bleiwurz (Plumbago) und dem Kletterer Sollya heterophylla sowie, wenn die Bodenbeschaffenheit es erlaubt, blauen Hortensien, wobei blaue Iris, weiße Kapmargariten mit dunkelblauen Staubgefässen und die kleinen hellblauen Frühjahrsblüten des Rosmarins den Jahresreigen eröffnen und das Laub des Senecio cineraria elegantes Grau beisteuert. Leider ist die Blütezeit der meisten Pflanzen sehr begrenzt; deshalb sollte man sich vor allem mit den Formen, Farben und Tönungen des Laubwerks beschäftigen, das man das ganze Jahr über sieht. Die Blattfarben der sommerund wintergrünen Gehölze und Bäume sind die ,,Wände” des Freiraumes. Grün ist nicht gleich Grün, man kann mit der Palette der Blattfarben wunderbare Ton in Ton-Gemälde erschaffen. Für andersfarbige Akzente stehen viele Arten mit purpurfarbenen, goldgelben oder silbrigem Laub zur Verfügung ­ die aber nur sparsam verwendet werden sollten. Während sich dieses Bild in Mitteleuropa im jahreszeitlichen Verlauf ändert, ist in der Algarve kaum bunte Herbstfärbung in die Planung einzubeziehen. Eine schöne Ausnahme bildet Diospyros kaki, die Götterfrucht, deren apfelgrünes Laub sich im Herbst kupferfarben färbt, bevor es fällt. Jeder Farbe werden bestimmte Eigenschaften zugesprochen. Wir kennen alle solche Assoziationen: Bei Rot denken wir an Wärme und Sommer, aber auch an Gefahr oder Aggressivität. Blau vermittelt Weite und Offenheit, Kühle und Entspannung. Gelb wird mit Sonne und Licht in Verbindung gebracht, Grün hat beruhigende Wirkung. Braun ist die Farbe der Erde und des lebendigen Holzes, die Nichtfarbe Weiß schafft eine Atmosphäre von Reinheit und Einfachheit. Hinzu kommt, dass zahlreiche Töne ein und derselben Farbe ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen können. Es gibt warme und kühle Farben. Auch hat jeder Mensch einen subjektiven, auf seinen individuellen Erfahrungen basierenden Zugang zu den einzelnen Farben. Farben haben unbestritten Einfluss auf unsere Gefühle und damit auch auf unser Wohlbefinden. Das gilt es, zu nutzen. Energievolle, fordernde Kombinationen wie Gelb, Zinnoberrot, Gelbgrün, Orange eignen sich gut für Aktivitätsbereiche im Garten, etwa neben der Terrasse, am Grillplatz. Abgesehen von ihrer anregenden Wirkung haben diese Farben noch die Eigenschaft besonders hervorzutreten und dadurch optische Verkürzung zu bewirken: Schreiend rote Blüten spielen sich derart in den Vordergrund, dass große Flächen kleiner und näher erscheinen. Wenn Sie die Aufmerksamkeit auf bestimmte Gebiete lenken wollen: Schwelgen Sie in Rot und Orange. Gartenecken hingegen, die Sie gerne aufsuchen, um sich zurückzuziehen, strahlen mit Blaugrüntönen wohltuende Ruhe aus. Ein kleiner Akzent von blaustichigem, zartem Rosa gibt dem Arrangement eine romantische Note. In schattigen Bereichen wirken dunkle Farben stumpf, hier sind helle Blüten gefragt, die aus dem Dämmer hervorleuchten und den Eindruck von Weite vermitteln. Kühle Kombinationen werden mit einer vereinzelten warmen Farbe spannend akzentuiert, und bei der umgekehrten Konstellation, warme Töne zusammen mit einer kalten Farbe, funktioniert es gleichermaßen. Wer nun vor lauter Theorie nicht mehr weiß, was er wie kombinieren soll, der sei mit einem Zitat des erfahrenen Landschaftsgärtners Fürst Pückler Muskau getröstet, der in seinen ,,Andeutungen über Landschaftsgärtnerei” feststellte: ,,… Inwieweit man nach künstlicher, vorher berechneter Farbenabstufung pflanzen soll, wage ich nicht zu entscheiden. Die Sache hat ihre großen Schwierigkeiten, und nach meiner Erfahrung gelangen mir wenigstens diese Versuche nie sonderlich, wenn ich dabei zu sehr ins Detail ging, wogegen ganz rücksichtslos gemischte Pflanzungen oft durch Zufall und Natur den unverhofftesten Reiz entfalteten…”.

ESA 05/05

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