Gift im Garten

Bei der Gestaltung eines Gartens mit Pflanzen denken wir an Farben und Formen, an Wasserbedarf und Bodenansprüche ­ aber denken wir auch an Gift? An das Gift in den Pflanzen, mit denen wir uns umgeben? Unser Garten sollte uns und unseren Kindern Freude bereiten und keine Gefahr darstellen

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

Gift im Garten

In Mitteleuropa gibt es etwa 50 Pflanzenfamilien, die Giftstoffe enthalten. Mit den vielen Fremdlingen aus Australien, Neuseeland, Südafrika und Südamerika, die auch in den Algarvegärten gedeihen, wird diese Zahl noch höher Bei mancher Pflanze, die wir wegen ihrer wunderbaren Blüte oder ihres ansprechenden Blattwerks bewundern, ist uns nicht bewusst, was in ihnen steckt. Kinder, die die Welt durch Anfassen und Sich-Einverleiben kennen lernen, probieren schon mal aus, wie ein interessantes Blatt schmeckt oder halten alle Beeren für essbar. Sie sehen, wie wir Salate mit Blüten der Kapuzinerkresse verzieren, Sonnenblumen- oder Kürbissamen verwenden und Beeren zum Nachtisch reichen. Das regt zum Nachmachen an, und Blüten, Samen und Beeren sind schließlich in allen Gärten zu finden. ,,Die Samen sind durch ihren Gehalt an Ricin, einer der toxischsten Eiweißkörper überhaupt, sehr giftig. Es genügen zu einer tödlichen Vergiftung 0,179 g pro kg Körpergewicht für einen erwachsenen Menschen von 75 kg. Für Kinder sind das fünf bis acht Samenkerne, die zum Tode führen”, so die Fachliteratur. Es ist von den Samen des Rizinus (Ricinus communis), auch Wunderbaum oder Christuspalme genannt, die Rede. Da er über attraktives Blattwerk und schöne Blütenstände verfügt, wird er als Zierpflanze im Garten geschätzt. Die Rizinus-Samen finden sich übrigens auch in indischen oder afrikanischen Schmuckketten, was für Kleinkinder, die gerne alles in den Mund nehmen, besonders gefährlich ist. Ähnlich werden in seinem Verbreitungsgebiet die holzigen Samen des wunderschönen Zedrach-Baumes (Melia azedarach) verarbeitet; sie werden zu Rosenkränzen aufgereiht, weshalb die Pflanze auch Paternosterbaum heißt. Im Extremfall soll auch hier der Genuss von wenigen Früchten zum Tode führen. Andererseits werden Blätter, Rinde und Früchte zu einem wirksamen Insektizid verarbeitet. Rizinus ist natürlich ein besonders krasses Beispiel für Pflanzengift. Doch denken wir an das uns bekannte Abführmittel Rizinusöl, so zeigt sich, wie nahe tödliche Dosis und Heileigenschaft beieinander liegen können.

Dies kennt man auch vom Fingerhut (Digitalis purpurea), der im Monchique wild wächst und sich dort gelegentlich von selbst als Gartengast einstellt. Der Cardenolid-Gehalt seiner getrockneten Blätter ist für Erwachsene schon bei 0,3 g wirksam, bringt mit 5 g einen Hund um und mit 25 g sogar ein Pferd ­ jedoch, kontrolliert dargereicht, weiß man um ein sehr wirkungsvolles Herzstärkungsmittel. Zur ,,Grundausstattung” wohl fast aller Gärten in der Algarve zählt der Oleander (Nerium Oleander). Als Gruppe oder Hecke, robust und widerstandsfähig, ist er mit seinen Farbtönen von weiß bis dunkelrot, seinen duftenden gefüllten Sorten allgegenwärtig. Kamele, so heißt es, verschmähen seine Blätter ­ und sie haben recht: er ist sehr giftig. Bei Aufnahme durch den Mund werden Zunge und Rachen gefühllos, es kommt zu Übelkeit und Erbrechen, Herz-Rhythmusstörungen, Atemlähmungen und Pupillenerweiterungen, der Puls verlangsamt sich, und nach zwei bis drei Stunden kann der Tod eintreten. Vergiftungen sind schon bei Benutzung des Holzes als Fleischspieß vorgekommen; aus den USA werden immer wieder Vergiftungsfälle gemeldet, weil Äste vom Oleander für das Barbecue verwendet wurden. Es gibt sogar Krankheitsfälle aufgrund von Honig, der überwiegend von Oleanderblüten stammt. Bereits in der Antike war dies bekannt: Xenophon berichtet, dass seine Soldaten von genossenem Honig Vergiftungserscheinungen davontrugen. Allerdings handelte es sich hier um Rhododendron ponticum, von dem die Bienen hauptsächlich gesammelt hatten, einer Pflanze, die sich übrigens auch im MonchiqueKlima wohl fühlt. Was tun, damit Kinder im Garten nicht gefährdet sind? Man kann giftige Pflanzen nach Möglichkeit aus dem eigenen Garten verbannen. Das Wichtigste ist jedoch, Kinder frühzeitig mit den uns umgebenden Gewächsen vertraut zu machen und dabei zu erklären, was gefährlich ist. Der Oleander in Nachbars Garten oder an der Straße kann ja nicht ausgemerzt werden. Deshalb: Auf die Krabbelklasse müssen Papa und Mama immer ein Auge haben.

Bei einem Spaziergang durch die Gärten von Küste und Hinterland der Algarve finden sich allerdings noch weitere giftige Spezies:
Das Wandelröschen (Lantana camara) kennt man als robuste Hecke, als Zierstrauch und Dauerblüher; seine Früchte sind besonders giftig. Die Familie Viburnum hat nur giftige Arten, vor den Früchten des im Winter blühenden Viburnum tinus ist zu warnen. Die auffällige Gestalt des Aronstab (Arum maculatum) findet sich wild in höheren schattigen Lagen; alle Pflanzenteile sind giftig. Die Glyzine (Wisteria chinensis) hat giftige Samen, und der mit ihr verwandte Goldregen (Laburnum anagyroides) ebenfalls; drei bis vier der Früchte können für Kleinkinder bereits tödlich sein. Buchsbaum (Buxus) besitzt stark giftige Blätter und Früchte. Pfaffenhütchen (Euonymus europea bzw. japonica) lockt mit seinen kleinen leuchtend karminroten Samenkapseln; 36 davon können einen Erwachsenen töten. Der rote ,,falsche” Pfeffer vom Pfefferbaum (Schinus molle) hält allerhand Haut reizende Substanzen bereit; er gehört nicht unbedingt ins Gewürzregal. Stechapfel (Datura) siedelt sich in seiner Wildform bisweilen unaufgefordert im Garten an. Er und seine äußerst attraktiven, zum Teil duftenden Zuchtformen ,,Engelstrompete” sind in allen Pflanzenteilen stark giftig. Sogar beim Schneiden dieser schönen Geschöpfe ist Vorsicht geboten: Bereits ein Tropfen des Pflanzensaftes kann aufgrund des hohen Atropingehaltes zu Sehstörungen führen. Daturae, aus Südamerika stammend, haben schon früh als Gifte und Rauschmittel in religiösmagische Riten Eingang gefunden. Thuja und Wachholder (Juniperus), die Immergrünen und Pflegeleichten, haben unter anderem das hochtoxische Thujon in allen Pflanzenteilen, vor allem in den Zweigspitzen. Aloe finden sich in vielen Algarvegärten. Der Saft der Blätter von Aloe ferox ist ein Abführmittel, das nur mit Vorsicht zu genießen ist, schon 8 g können lebensgefährlich werden. Heute weiß man, dass Kaiser Otto II von diesem ,,Heilmittel” eine tödlich endende Darmentzündung bekam.

Ein Blick in unsere Nutzgärten:
Die Puffbohne oder Saubohne (Vicia faba), portugiesisch fava, ist selbst in gekochtem Zustand nicht ganz ungiftig. Tomate, Aubergine und Kartoffel gehören zu den Nachtschattengewächsen (Solanaceae), die sehr viele giftige Arten aufweisen. Die eigentlichen Früchte der Kartoffel ­- wir essen ja die Knollen -­ sind absolut ungenießbar. Der gleichen Pflanzenfamilie gehört die Kapstachelbeere (Physalis peruviana) mit ihren köstlichen gelben Beeren in der ,,Papierhülle” an, die zwar als ungiftig eingestuft werden, aber immer wieder Gegenstand von Berichten sind, dass nach ihrem Genuss Vergiftungserscheinungen auftreten. Also lieber nicht zu viel essen!

ESA 03/05

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