Der mobile Garten

Wie manche Gefäßtypen mit bestimmten Baustilen besonders harmonieren, kommen auch manche Pflanzen in speziellen Gefäßformen besonders gut zur Geltung

Der mobile Garten

Töpfe, Kübel, Pflanzgefäße aller Art sind mobil. Während die Pflanzen im Freiland ihren festen Platz haben und sich allenfalls den Jahreszeiten gemäß oder aufgrund ihres Wachstums verändern, kann man den Topfgarten jederzeit umgestalten, mit ihm umziehen, ihn entrümpeln oder ergänzen

Marie Giering, Landschaftsarchitektin, lebt in Monchique und schreibt in regelmäßigen Abständen für die ESA. Kontakt: Tel. 282 912 630

Es soll Leute geben, die die Einrichtung ihrer Wohnung ein Leben lang unverändert lassen, andere hingegen räumen mit Leidenschaft um, so oft es geht. Die Möbel des Gartens, die Pflanzen, lassen sich nicht so leicht verrücken, vor allem wenn sie bereits eine Weile an ihrem Standort Wurzeln treiben konnten. Für die leidenschaftlichen Veränderer gibt es aber dennoch eine Möglichkeit, ihr Gartenzimmer regelmäßig neu zu dekorieren: Das Gärtnern in Töpfen. Jede Pflanze hat ihre Saison, in der sie am schönsten ist. Abgeblühte oder kränkelnde Pflanzen kommen ins Erholungsquartier im Gewächshaus oder einem hinteren Gartenwinkel, wo sie eine Weile betreut werden, bis sie wieder präsentabel sind. Auf der Terrasse stehen inzwischen die besonders prächtigen Exemplare. Pflanzgefäße und Topfgruppen sind Blickfänge für das Auge. Ein einzelnes Pflanzgefäß kann wie eine Skulptur in Szene gesetzt werden. Mit Topfgruppen ist es möglich, Räume zu bilden oder sich einen Schutz vor allzu neugierigen nachbarlichen Blicken zu schaffen. Bepflanzte Gefäße weisen auf eine besonders reizvolle Zone im Garten hin, flankieren einen Durchgang, markieren Höhenunterschiede. Ein schöner Anblick sind Stufen, die auf beiden Seiten von Töpfen begleitet werden. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass genügend Platz bleiben muss, um die Treppe auch im Regen zu begehen. So reizend es ist, duftende Blätter zu streifen, so unangenehm sind nasse Beine. In Nord- und Mitteleuropa hält man sich Kübelpflanzen, weil viele beliebte Arten den Winter im Freien nicht überstehen würden und deshalb im Herbst in ein frostfreies Quartier gebracht werden müssen. In der Algarve sind wir in der glücklichen Lage, nicht über Minusgrade nachdenken zu müssen. Wer nicht gerade eine Vorliebe für tropische Arten hat, kann seine Pflanzen das ganze Jahr über im Freien stehen lassen.

Allerdings gedeiht auch hier nicht alles überall, und so bietet die Kübelgärtnerei die Möglichkeit, starken Wind, Dauerregen oder ungeeignete Bodenverhältnisse auszutricksen. Die Kamelie, die das feuchte Klima und den sauren Boden Monchiques bevorzugt, nimmt bei guter Pflege auch mit einem Platz in Porches vorlieb, sofern ihr Topf mit entsprechendem Substrat gefüllt ist und ihr reichliches Gießwasser nicht aus der Leitung kommt. Dem Orangenbäumchen, das in Carvoeiros salzhaltigem Wind und betonhartem Boden verkümmert, könnte in einem passenden Gefäß, an geschützer Stelle, neues Leben beschert werden. Früher zogen Gärtner nur ihre kostbarsten Pflanzen in Töpfen und Kübeln, gärtnerische Glanzleistungen, die intensiv gepflegt und gehegt wurden. Wertvoll gestaltete Pflanzgefäße wurden eigens für diese Kostbarkeiten hergestellt. Heute kann aus einer Vielfalt von Töpfen, Kübeln, Kästen und Trögen ausgewählt werden. Tontöpfe sind stets ein perfekter Rahmen für Pflanzen. In der Algarve gibt es von Ost bis West Olarias, die Tönernes in allen Ausführungen anbieten. Leider gehen manche dieser Töpfe nach einiger Zeit mit Wind und Wetter und Gießwasser in Selbstauflösung über, da sie offenbar nicht ausreichend gebrannt wurden. Es wäre interessant, zu erfahren, wie man beim Kauf diese weichen Scherben von den wirklich ,,hartgesottenen” Tontöpfen unterscheiden kann. Selbstverständlich eignen sich auch andere Behältnisse, vom halben Fass bis zum ehemaligen Kochtopf. Entscheidend ist, dass das Pflanzgefäß zu seiner Umgebung passt. Der repräsentative Eingangsbereich eines herrschaftlichen Hauses verlangt nach anderen Gefäßen als der Bauerngarten, und vor der Front des kleinen portugiesischen Stadthäuschens kann eine Pelargoniensammlung in alten Olivenölkanistern wunderschön aussehen. Wie manche Gefäßtypen mit bestimmten Baustilen besonders harmonieren, kommen auch manche Pflanzen in speziellen Gefäßformen besonders gut zur Geltung. Der klassische Versailler Kübel, der eigens für die Orangerien von Versailles konstruiert wurde, verlangt nach einem Gehölz oder einem Hochstämmchen, das unterpflanzt werden kann. In weiten flachen Schalen bringt man am besten niedrige Pflanzen unter wie Mittagsblumen, Hauswurz, Stiefmütterchen. Die klassische Spindel benötigt aufrecht wachsende Spezies, während ein großer Krug sehr schön mit Hängepflanzen bestückt werden kann. Wichtig für die Gesamtwirkung ist das Wie und Wo der Zusammenstellung von bepflanzten Gefäßen. Zwei gleiche Pflanzgefäße mit immergrünen Gehölzen wirken elegant und verbreiten eine formale Atmosphäre, ein Treppenabsatz oder ein Eingang wird dadurch festlich betont. Eine Gruppe von verschieden großen Töpfen wirkt zwanglos, obwohl sie in der Regel das Ergebnis gut überlegter Zusammenstellung ist. Jede Gruppe sollte verschiedene Höhen und unterschiedliche Blattformen beinhalten. Eine Pflanze mit riemenförmigen Blättern verlangt runde Formen an ihrer Seite, die strengen architektonischen Blätter der Yucca beispielsweise kontrastieren gut mit locker fallenden Arten wie Arctotis, Hängepelargonien oder Efeu. Blattwerk und Blüten sollen ein harmonisches Gesamtbild ergeben. Ein immergrünes Arrangement ohne Farben sieht düster aus, panaschierte oder silbrige Blätter hellen auf. Die Dauerbepflanzung ­ ein Gehölz, ein immergrüner Strauch ­ kann entsprechend der Jahreszeit mit wechselnden Töpfen umgeben werden. Zwiebelpflanzen und einjährige Sommerblüher eignen sich gut, nach ihrem Abblühen werden sie durch Nachfolger ersetzt. Eine praktische Sache ist der Küchengarten im Topf. Fast alle Küchenkräuter lassen sich problemlos in Gefäßen ziehen, sie sind, als Gruppe in Küchentürnähe aufgestellt, nicht nur schnell zur Hand, sondern auch ein hübscher Anblick. Bei der Einrichtung eines Topfgartens sind jedoch auch die Angewohnheiten der vierbeinigen Hausgenossen zu berücksichtigen, so vorhanden. Wenn Wotans wilde Jagd in einem Anfall von überschüssiger Energie um die Ecken fegt, sollten besser keine kleinen zerbrechlichen Gefäße im Wege sein, und ein größerer Bello kann mit freudigem Schwanzwedeln die frisch erblühten Tulpen köpfen, wenn sie in entsprechender Höhe platziert sind. Vom gestiefelten Kater hingegen droht keine akute Umsturzgefahr, Samtpfote spielt höchstens mit den Hängeranken oder legt sich im Blumentopf schlafen.

ESA 01/05

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