Die Wiederbelebung der Prunus dulcis

Ein uralter Freund

In der Pflanzensymbolik gilt der Mandelbaum als Sinnbild des Leichtsinns, denn er treibt seine Blüten in der Kälte des Monats Januar aus. Früher als andere Bäume schmückt er die Algarve-Landschaft

Einerseits würden zwar weltweit nirgendwo mehr Mandeln produziert als in seiner Heimat, allerdings „essen wir viel lieber die von der Iberischen Halbinsel, denn die sind besser“, bekannte unlängst ein Gast aus Kalifornien auf einer Landwirtschaftsmesse im Alentejo. Sollte es einer zusätzlichen Motivation bedurft haben, so wirkt dieses Eingeständnis ganz sicher beflügelnd auf regionale Pläne: Auch wenn die kalifornische Übermacht von achtzig Prozent der Weltproduktion erdrückend scheint, wollen Landwirte in Alentejo und Algarve den für Portugals Süden so emblematischen Mandelbaum wieder verstärkt anpflanzen.
In der Bewässerungsfeldwirtschaft im Einzugsbereich der Alqueva-Talsperre wird der Baum bis 2019 auf 7.000 Hektar gepflanzt; das übertrifft sogar den Bestand von gut 5.600 Hektar, auf denen noch vor hundert Jahren 27 Sorten der vielseitigen Mandeln wuchsen. „Die Algarve war als ‘Zentrum der Mandelblüte’ weithin bekannt und es ist gut, dass der Baum in das Leben, die Kultur und die regionale Wirtschaft zurückkehrt“, heißt es in einer Studie der Universidade do Algarve, an der sich unter anderem die Stadtverwaltungen von Tavira und Loulé beteiligt haben. Rund um Alqueva können demnach pro Hektar mindestens vierhundert Bäume gedeihen, bei günstiger Entwicklung bis zu tausend; dann lohnen sich automatisierte Ernteverfahren.
In Kalifornien ist die Produktion durch häufige, lange Dürren beeinträchtigt; in Spanien, Europas größtem Erzeuger der Steinfrucht, sowie in der nordportugiesischen Provinz Trás-os-Montes, wo gut zwei Drittel der portugiesischen Mandeln wachsen, öffneten sich in den vergangenen, ungewöhnlich warmen Wintern die Knospen bereits im Dezember – und Temperaturstürze zum Jahreswechsel vernichteten die zarten Blüten. All diese Ereignisse „führen seit einigen Jahren zu steigenden Preisen“, berichtet Jorge Ortigão Costa: Kostete ein Kilogramm Mandeln im Jahr 2013 auf dem Weltmarkt fünf Euro, sind es derzeit über sieben Euro. Costa gehört einer der größten landwirtschaftlichen Betriebe in Portugal. Er exportiert Obst und Gemüse in 56 Länder und hat festgestellt, dass dort auch Mandeln Absatzmärkte finden. Am Alqueva-Stausee seien „im Bezug auf Bodenqualität und Klima bis zu 15.000 Hektar bestens für die Mandelzucht geeignet“, denn hier ist die Pflanze nicht nur, wie benötigt, 100 bis 400 Stunden Temperaturen unter sieben Grad ausgesetzt, sondern sie bekommt auch viel Sonne und Wärme. Zudem gibt es inzwischen Züchtungen, die gegen die verstärkte Raureifbildung im Gebiet der Talsperre unempfindlich sind.

Mandelbäume waren ursprünglich nur in West- und Zentralasien heimisch. Die Mauren brachten sie in Portugals Süden, was in der allgegenwärtigen Legende des arabischen Kalifen Ibn-Almundim verewigt ist, der Tausende von Mandelbäumen gegen das Heimweh seiner geliebten Prinzessin Gilda nach dem schneereichen Atlasgebirge pflanzen ließ, um durch die weißen Blütenblätter für seine Angebetete die Illusion von Schnee zu schaffen. Abseits der Poesie war die Mandel über viele Generationen hinweg ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Region. Besonders Tavira stand im Mittelpunkt der Mandelzucht, die der Stadt und dem Umland eine wechselvolle Wirtschaftsgeschichte bescherte.
Der Augustinermönch João de São José schrieb im Jahr 1577 in der „Chorologie des Königreichs Algarve“, einer vegetationsgeografischen Beschreibung der Landschaft und ihrer Nutzung: „Die Mandel erweist sich als wertvolles Gut, denn sie braucht keinen Dünger, verfault nicht bei Regen und lässt sich von Käfern nicht beeindrucken, sodass ihr Besitzer keine weiteren Umstände mit ihr hat, als sie zu ernten.“ Der Mönch hatte andere Einflüsse nicht bedacht. Mitte des 17. Jahrhunderts dezimierte eine Pest-Epidemie die Bevölkerung. Es gab kaum noch Arbeitsfähige. Die Landwirtschaft kam zum Erliegen. Auch das Hafenbecken war bald fast vollständig versandet, sodass die Handelsschiffe nicht mehr in den Hafen gelangten 
– die Region verlor ihre ökonomische Bedeutung. Einzig die Küstenschifffahrt und die Flussfischerei hatten Bestand. Tavira war auf Kontakte mit dem 
nahen Umland zurückgeworfen und litt unter dem Abgeschnittensein von der übrigen Welt, mit der noch eine Generation zuvor reger Handel und kultureller Austausch stattgefunden hatte.
Fischfang und Salzgewinnung waren der Region als Lebensgrundlage geblieben. Doch schließlich besannen sich die Menschen auf die Wiederbelebung der Landwirtschaft, kultivierten neben Feigen und Johannisbrot in wachsendem Umfang auch Mandelbäume. Deren Ertrag erreichte als Exportgut bald auch wieder entfernte Länder; Italien und Flandern garantierten der Stadt eine gewisse Teilnahme am Welthandel. In historischen Dokumenten ist die neu aufkeimende Bedeutung der Mandeln dokumentiert, aber auch die Abhängigkeit von ihnen: Eine Chronik im Stadtarchiv von Tavira berichtet über ein Jahr, in dem die Bäume steril waren und keine Früchte hervorbrachten, was große Not in der Bevölkerung verursachte.
Auch in anderen Teilen der Region waren Mandeln mehr als nur Landschaftsschmuck in Form von zart-rosa-weiß leuchtenden, fragilen Blüten an knorrigen Ästen: Hinter Namen wie Bonita, Convento oder Lourencinha verbergen sich Mandelsorten, die auch im gesamten Kreis Portimão wuchsen; Ludo, Ferragudo und José Dias gehörten ebenso dazu wie die besonders schmackhafte Fôfana oder die weiche Molar da Fuzeta – Namen, an die sich heute nur noch Eingeweihte erinnern. Die Bäume brachten im Schnitt bis zu 2.000 Tonnen Ertrag pro Jahr. Im Anbaugebiet selbst wurde davon nur der zehnte Teil verbraucht, der Rest ging in den Export in andere Länder Europas, vor allem nach Deutschland, Belgien, England und in die Niederlande, machte die Algarve und damit Portugal zu einem der wichtigsten Mandelexporteure überhaupt.

Mit der fortschreitenden Entwicklung der Agrartechnik ging ein beispielloser Aufschwung einher: Im Jahr 1965 wurden 10.000 Tonnen Mandeln geerntet, die auf rund 4,2 Millionen Bäumen in der Algarve gereift waren. Die Frucht gehörte zu jedermanns täglichem Speiseplan, zum Frühstück, als Zwischenmahlzeit oder Aperitif, ganz zu schweigen von den vielen Rezepten für Süßspeisen, in denen Mandeln ein Hauptbestandteil waren und sind. Die Schalen der Früchte wurden als Brennstoff verarbeitet, Mandelöl als integraler Bestandteil kosmetischer Produkte eröffnete dem Erzeugnis aus der Algarve weitere Absatzmärkte.
Die Region wurde reicher und sprach sich auch als touristisches Ziel herum. Ein Verdrängungsprozess begann: Die Bäume wurden gerodet, denn Hotelanlagen versprachen höhere Rendite als Mandelhaine. Wo Bauen nicht rentabel war, wurden pflegeleichte Apfelsinen angepflanzt. Die Modernität jenseits der traditionellen Landwirtschaft erschien allzu verheißungsvoll; weder Behörden noch Bürger widersetzten sich dem langsamen, von Menschenhand herbeigeführten Mandelsterben. 1976 wurden schließlich nur noch 300 Tonnen Mandeln exportiert – ein Rückgang um mehr als das Dreißigfache in gerade mal zehn Jahren. In den 1980ern war die Produktion dann so gering, dass nicht einmal verlässliche Statistiken darüber vorliegen. Die Frucht, die Jahrhunderte lang als die Königin der regionalen Wirtschaft gegolten hatte, war zu ihrem Stiefkind geworden.

Mit den jüngsten Plänen für die Rückkehr zum Mandelanbau soll sich das ändern. Die Studie der Algarve-Universität führt aus, dass unter anderem veränderte Ernährungsansprüche zur Wiederentdeckung der Frucht beitragen: Ihre Eigenschaften machen die Mandel zu einem der gesündesten Lebensmittel mit einem ungewöhnlich hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren bei Abwesenheit anderer Fette und Cholesterin. Mandeln enthalten Linolsäure, Vitamin E und Selen, das bei der Vorbeugung gegen Krebserkrankungen hilft, gegen Diabetes und den Grauen Star. Mandeln sind reich an Kalzium, Eisen, Magnesium, Phosphor, Kalium, Zink, Kupfer, Mangan sowie den Vitaminen B1, B2 und B6, Niacin und Folsäure. Und: Mandeln sind ein integraler Bestandteil portugiesischer Volkskultur und praktisch aller Speisekarten des Landes. Was jetzt zu blühen beginnt, wird zum Ende des Sommers geerntet und findet sich spätestens zum nächsten Weihnachtsfest in allen typischen Süßspeisen der Algarve. Und vielleicht können orientalische Prinzessinnen bald wieder ihr Heimweh mit der Mandelblüte stillen.
Text: Henrietta Bilawer
ESA 01/2017

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