Pilzschule: Röhrlinge

Röhrlinge

Vor allem Maronen und Steinpilze genießen in Deutschland ein hohes Ansehen. Doch oft überschätzen Pilzfreunde ihre Kenntnisse bei der angeblich so ,,einfachen” Bestimmung von Röhrlingen

Schon die Gesamtzahl der bekannten Arten in dieser Pilzgruppe überrascht den Unkundigen: allein in Europa gibt es über 150 Röhrlingsarten, aufgeteilt in 14 verschiedene Gattungen. Der verbreitete Irrtum, dass es in dieser Gruppe keine Giftpilze gibt, führt nicht selten bei Sammlern zu Leichtsinn und Sorglosigkeit. Was manche schon mit einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt bezahlen mussten. Auch in der Algarve. Lebensbedrohlich kann die Arglosigkeit oder Verwechslung für Kinder und ältere Menschen sein. Wichtigste Giftpilze unter den Röhrlingen in der Algarve sind der Satansröhrling, der Falsche Satansröhrling, der Falsche Hasenröhrling und mindestens eine noch nicht näher bekannte Art aus der Gattung der Schmierröhrlinge. Dazu kommt der Ochsenröhrling, der erst in Verbindung mit Alkoholgenuss seine Giftwirkung zeigt und einige Arten wie die Raufüße, die zum Teil roh genossen giftig sind. Bei der großen Farben- und Formenvielfalt im Reich der Pilze sind die Röhrlinge relativ einfach von den anderen Pilzgruppen zu unterscheiden. Deren Fruchtkörper sind stets in Hut und Stiel gegliedert, sowie immer mit einem leicht vom Hutfleisch ablösbaren, röhrigen Fruchtlager ausgestattet. Bei ähnlich aussehenden Stielporlingen dagegen ist diese Röhrenschicht fest mit dem Hutfleisch verbunden. Auch wenn die Röhrlinge (Ordnung: Boletales) in Deutschland nur etwa 2 % der vorkommenden Großpilze ausmachen, sind sie vermutlich wegen der relativ leichten Erkennbarkeit und ihrer enormen ,,Pilzmasse” sehr beliebt. In Südeuropa hingegen haben sie nicht diesen Stellenwert, möglicherweise weil sie viel schneller als im kühleren Mitteleuropa vergehen. Hier gesammelte Röhrlinge sind kaum lagerfähig, zersetzen sich bei warmen Temperaturen viel schneller als andere Pilzarten und können daher leicht zu Sekundärvergiftungen führen.

Der Liebhaber seltener Röhrlinge kommt in der Algarve voll auf seine Kosten, denn einige der in Deutschland zur Gattung der Dickröhrlinge (Gattung: Boletus, etwa 40 Arten) gehörenden besonders spärlichen Steinpilzarten wie der Bronzeröhrling (Boletus aereus) oder etwa der Königsröhrling (Boletus regius) kommen hier neben normalen Steinpilzen häufiger vor. Kein Wunder, es sind ausgesprochen Wärme liebende Arten. Edelkastanien und Eichen sind dabei die bevorzugten Mykorrhizapartner. Allerdings sind nicht alle Röhrlinge strenge Symbiosepartner verschiedener Bäume. So gibt es einige Arten, die als Schmarotzer ­ wie der Parasitische Röhrling ­ auf und von anderen Pilzen leben. Bei einigen Spezies wie Nadelholz-Röhrling oder Schwefel-Röhrling ist die Lebensweise wegen ihrer Seltenheit nicht einmal genau erforscht und damit der Speisewert nicht bekannt. Die zum Teil roh giftigen, sorgfältig gegart aber essbaren Raustielröhrlinge (Gattung: Leccinum, etwa 25 Arten) sind in Deutschland durch die verschiedenen Rotkappen und Birkenpilze vertreten. In Europas südlichen Gefilden dagegen findet man nicht nur den Korsika-Raufuß, sondern bei verschiedenen Eichenarten den auffälligen und wenig bekannten, aber sehr häufigen Südlichen Eichen-Raufuß (Leccinum lepidum). Der hübsche Pilz ist in der Huthautfarbe recht variabel. Es gibt Exemplare mit hellbraunen, andere besitzen dunkelbraune Hüte. Abweichend von den Steinpilzarten besitzen die Raufüße stets einen schuppigen Stiel, haben also nie eine Netzzeichnung. Eine exakte Bestimmung der Raufüße ist oft nur möglich, wenn der Baumpartner bekannt ist.

Schmierröhrlinge können abführend wirken
Wegen der zumindest bei Feuchtigkeit stets schleimig-schmierigen Hutdeckschicht sind die Schmierröhrlinge (Gattung: Suillus, etwa 40 Arten) von anderen Gattungen einfach abzugrenzen. Diese Pilze leben nur mit Nadelbäumen in Symbiose. Daher findet man sie hier ausschließlich in der Nähe der verschiedenen Pinienarten. Dass bei empfindlichen Personen und übermäßigem Genuss der Ringlose Butterpilz und ebenso der Körnchenröhrling zu Durchfällen führen können, ist nicht jedem Pilzsammler bekannt. Unter den Pinien der Atlantikküste, aber auch weiter im Landesinneren wie in der Serra de Monchique finden wir auch typische, südeuropäische Arten wie den Mittelmeer-Schmierröhrling (Suillus mediterrane) und den Weißbraunen Schmierröhrling (Suillus bellini).

Neue Giftpilzart in Südeuropa
Noch vor wenigen Jahren glaubte man in der mykologischen Fachwelt, dass es in Europa in der Gattung Blaßspor-Röhrlinge (Gyroporus) keine Giftpilze gäbe. 1995 haben portugiesische und spanische Wissenschaftler nachgewiesen, dass es mit dem Falschen Hasenröhrling (Gyroporus ammophilus) einen gefährlichen Giftpilz als Symbiosepartner von Pinien in Portugal gibt. Im Aussehen ähnelt er dem heimischen Maronen-Röhrling. Dieser kommt aber in der Algarve vermutlich nicht vor. Anhand von Bildern kann dieser Giftpilz übrigens nicht vom ,,echten” Hasenröhrling (Gyroporus castaneus) unterschieden werden.
Dieter Honstraß

Bekannt, aber noch ungeklärt sind einige Vergiftungsfälle mit anderen Röhrlingen.
Daher können Sie gern per E-Mail ihre Röhrlings-Funde mit Standortaufnahmen oder
Vergiftungsfälle der Pilzschule info@pilzschule.de berichten. Pilzhotline-Nr.: +49 176 261 900 33

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