Seegras

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Für kleine Meereslebewesen sind Seegraswiesen Nahrungsquelle, Versteck und Laichplatz. Der maritime Rasen gehört zu allen flachen Küsten weltweit, doch der Bestand schrumpft dramatisch. Das beeinträchtig die biologische Vielfalt. Forscher in Portugal bepflanzen den Meeresboden
Fotos: UAlg

,,Wir wissen nie, ob die Natur unsere Arbeit annimmt und weiterführt” Die maritime Pflanze ähnelt dem Gras, das an Land wächst

Biologen bezeichnen Seegraswiesen als Kinderzimmer für Fische, Muscheln, Schnecken, Seepferdchen und Wasserpflanzen. Seegras (Zostera marina) wird oft mit Seetang verwechselt, doch ist es mit den Laichkräutern des Süßwassers verwandt, bildet Wurzeln und Samen. Die schmale Blattform und die kleinen Blüten sind eine Anpassung an den vom Seegang beeinflussten Lebensraum. Seegras gehört zu den wenigen Blütenpflanzen, die trotz ständiger Wasserbedeckung im Meer gedeihen, was außerdem nur Algen können. Die maritime Pflanze ,,ähnelt dem Gras, das an Land wächst, ein wogender Unterwasserrasen, den statt des Windes die Wellen bewegen. Bei Flut ist er vom Sonnenlicht durchflutet, kleine Meereslebewesen tummeln sich darin”, erklärt die Biologin Elsa Serrão von der Algarve-Universität. Das Wurzelgeflecht von Seegraswiesen dämpft den Wellengang, stabilisiert den Boden, bindet Sand und vermindern so die Küstenerosion. Dieser Idealfall ist selten geworden. Seegraswiesen fielen Bau- und Strandbefestigungs-Maßnahmen zum Opfer. In verunreinigtem, trüben Wasser lässt Lichtmangel sie absterben. In tieferem Wasser zerstören die Schleppnetze der Fischer sie. Freizeitboote gefährden ihr Biotop, da Anker, wie Yachten sie benutzen, den Meeresboden förmlich zerstückeln. Ausgedehnte Seegrasflächen gab es an den Flussmündungen von Sado, Tejo, Mira und Mondego. Heute sind sie allein in der Ria Formosa noch hinreichend entwickelt. Im Rahmen des mehrere Vorhaben umfassenden Projekts BIOMARES, das 2006 eine EU-Auszeichnung und heute finanzielle Unterstützung aus Brüssel erhält, arbeiten jetzt Meeresbiologen auf einem 20 Hektar großen Areal im Parque Natural da Arrábida zwischen Setúbal und Sesimbra an Seegras-Anpflanzungen. Das Pilotprojekt verlangt Geduld: Seegras muss zunächst an Land gezüchtet werden. Wenn es widerstandsfähig genug ist, wird es gebündelt und an Eisengittern befestigt von Tauchern auf dem Meeresgrund angebracht. Bei keiner Anpflanzung ist sicher, ob sie Wurzeln entwickelt. Bis zu zwei Jahre vergehen, bevor Erfolg absehbar ist: ,,Wir wissen nie, ob die Natur unsere Arbeit annimmt und weiterführt”, meint Elsa Serrão. Es gab bereits Gebiete, in denen sich das Seegras entwickelte, um sich kurz darauf stark ausgedünnt zu zeigen. Forscher vermuten, die Erwärmung der küstennahen Wasserströme könnten die Pflanze beeinträchtigen. Und Aufzeichnungen aus den Niederlanden zeigen: Wo die Muschelfischerei verboten wurde, bilden sich neue Seegraswiesen. Wo sich das Seegras gut entwickelt, tut dies auch das unterseeische Leben: Das Meerwasser übernimmt die Bestäubung der Seegras-Blüten, ein dichter Teppich wächst und gibt vielen Spezies Nahrung und Schutz. Seegraswiesen gehören mit einer Kohlenstoffproduktion von etwa 500 Gramm pro Quadratmeter und Jahr zu den produktivsten Ökosystemen der Welt und alles lebende Gewebe ist aus organischen Kohlenstoffverbindungen aufgebaut. Doch Elsa Serrão betont, der Einsatz lohne nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes: Es sei zu erwarten, dass ,,Rochen, kleine Tintenfische und andere Lebewesen zurückkehren, die nennenswerten wirtschaftlichen Nutzen haben”. (www.ccmar.ualg.pt/ biomares/projecto_biomares.html)

Henrietta Bilawer

ESA 05/09

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