Der Gärtner im Spagat

Der Gärtner im Spagat

Willst Du eine Stunde glücklich sein -­ so betrinke Dich; willst Du drei Tage glücklich sein, so heirate; willst Du eine Woche glücklich sein, dann schlachte ein Schwein; willst Du ein Leben lang glücklich sein, dann lege einen Garten an
Fotos: gw

(chinesisches Sprichwort aus dem 12. Jahrhundert)

Diese alte chinesische Weisheit kennt inzwischen vermutlich jeder, zumindest jeder Gärtner, und wer seine große oder kleine Parzelle gerne selbst beackert, wird dem letzen Satz sicher zustimmen. Allerdings sprach der Chinese, der diese Sentenz prägte, von einem Garten. Er dürfte sich, zeit seines Lebens, nicht nennenswert von seiner Scholle wegbewegt haben. Er baute seinen Chinakohl und die Sojabohnen an, beobachtete die Jahreszeiten und bewunderte die Schönheit der Chrysanthemen, dann meditierte er ein wenig im Bambushain oder trank Tee im Pavillon. Jedenfalls hatte er sein ganzes Leben Zeit, das Wachsen und Gedeihen seiner Pflanzenkinder zu begleiten. Bestimmt flog er nicht hin und her zwischen den Welten, wie wir es heute vielfach tun. Manch ein ,,Teilzeit-Algarvio” betreut ja im Heimatland auch noch eine grüne Oase und versucht sich in der besonderen Disziplin des Garten-Spagats. Klima wechseln, Schweres vom Gepäckband wuchten, Abschiede schlucken, einpacken, auspacken ­ das macht jedenfalls nicht glücklich, selbst wenn Samentüten und Pflanzen mitreisen, die dann den ,,anderen” Garten probeweise bereichern sollen. Man erlebt einen sonnengestreichelten März in der Algarve und fliegt, noch die tropischen Leuchtfarben der Frühjahrsblüte im Herzen, zurück in den mitteleuropäischen Winter, wo kaltnasse Schauer das schüchtern sich zeigende junge Grün abwatschen. Hat sich der alte Winter dann endlich wirklich in die rauen Berge zurückgezogen, werden Blätter und Blüten kühn und bezaubern den Betrachter mit ihrer Fähigkeit, kahles Gestänge im Zeitraffertempo mit Wolken 48 Doch dann heißt es: Zurück in den Süden, bevor Satz zwei und drei der sanften Frühlingssonate genossen werden konnten. Ein Jahreszeitsprung in den Hochsommer, die Sonne gibt inzwischen mit Pauken und Trompeten den Ton an und übertreibt dabei wie üblich, auch als Mensch kann man sich dabei nur entblättern. Der Blick schweift über abgeblühte Ruderalflächen, die schon die sommerliche Brauntönung annehmen, und sodann kontrollierend zur Bewässerungsanlage, die das hauseigene Grün während der trockenen Zeit künstlich aufrechterhalten soll. Der Garten in der Wahlheimat ist der eigenen Seele einen Schritt voraus, man muss ihn erst wieder einholen. Die Pflanzen sind weitergewachsen, ganz besonders auch die ungewollten. Während man dem Rascheln der Palmfieder lauscht und den boshaften Ausläufern der Quecken nachgräbt, die ohne Aufsicht doppelte Verbreitungsgeschwindigkeit vorlegen, gehen die Gedanken zur kürzlich in oberbayerische Erde versenkten jungen Birke. Ob sie es wohl schafft, so ganz allein, ohne aufmunternden Zuspruch? Wenn man dann das nächste Mal wieder alle Präliminarien abgedient hat, die zum Entern eines Flugzeuges berechtigen, und vor seinem gärtnerischen Neuerwerb steht, kommt einem alles seltsam blass vor. Es fehlt der ausgegossene Farbkübel der Bougainvillea, die Riesenblüte des Hibiskus, der schwüle Duft des Oleanders ­ und natürlich das südliche Licht… Dafür verwohnt der Herbst in Deutschland seine Liebhaber mit farbigen events: loderndes Ahornlaub vor dunkelblauem Oktoberhimmel, abends garniert mit leichten Nebelschleiern. Hier dagegen setzt die Natur im Herbst ein eindrückliches Schauspiel mit dem Titel ,,der erste Regen” aufs Programm. Wenn nach langer Sommerdürre die ersten starken Schauer einsetzen, ist es jedes Mal wieder faszinierend zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit sich das frische Grün aus der Erde katapultiert und binnen drei Tagen bereits alles mit dünnem Flaum überzieht. Fast jeder Doppelgärtner ist zudem mit dem ,,Hin-und-Her-Bazillus” infiziert. Das Töpfchen mit dem Rosmarin wird per Handgepäck auf die deutsche Terrasse befördert, es reisten schon Koffer voller Obstbaumjährlinge oder Traubensorten zum Aufpfropfen gen Süden. Wüstengewohnte Sukkulenten sehen einem grausigen deutschen Matschtod, verursacht durch Frost, entgegen, wenn sie nicht rechtzeitig ins Hausinnere gerettet werden. Viele mediterrane Gewächse fristen ein deutsches Leben im Kübel, weil sie winters umständlich in schützende Gehäuse verfrachtet werden müssen. Manche mitteleuropäische Staude hingegen kämpft hier vergebens gegen das üppige Grün, das schon alle Plätze besetzt hat, wenn es für sie Zeit zum Aufwachen und Aufwachsen ist. Man kann seinen Garten nicht in den Koffer packen. Aber dennoch ist es reizvoll, den Steckling von Tante Julchens Rose (Herkunft unbekannt) hier in der Algarve zum Anwachsen verführt zu haben. Und schließlich befindet man sich in bester Gesellschaft: Seit gereist wird, sind Pflanzen im Gepäck dabei. Glücklich also, wer all diese Gegensätze in einem Leben vereinen kann? Vielleicht ist es Lebenskunst, vielleicht aber auch eine schizophrene Turboverrücktheit unseres Jetzeitalters? Interessant wäre, was der Chinese dazu meint.

Marie Giering

ESA 06/08

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