Heilpflanzen – Affodill, Canafistula

Medizin am Wegesrand
Die heilsamen Eigenschaften von Nutzpflanzen, die zum Teil nur in Portugal wachsen, werden vernachlässigt, kritisierten jetzt Botaniker und Mediziner. Sie fordern von Industrie und Politik mehr Aufmerksamkeit für einen alten kurativen Ansatz.

Affodill (port.: abrótea), ein altes Mittel zur Wundheilung, ist vom Aussterben bedroht

Portugals erster Gelehrter der Heilkunst, der zu weit reichendem Ruhm gelangte, war Garcia de Orta. Um 1500 geboren, studierte er Medizin und war seit 1530 Professor für Logik an der Universität Coimbra. 1563 verfasste er nach intensiven Studien als Arzt und Händler für Gewürze und Kräuter in der portugiesischen Kolonie Goa 1563 die Schrift Colóquio dos simples e drogas e coisas medicinais da Índia über die tropische Medizin Indiens. Der französische Arzt und Botaniker Charles L´Écluse übersetzte das Werk bald ins Lateinische und machte es der europäischen Wissenschaft zugänglich. Es gilt als Standardwerk der Heilkunde, die seinerzeit ohne Botanik nicht auskam. Botanische Gärten bieten also nicht nur einen Querschnitt durch die Welt der Pflanzen, die den Betrachter mit Duft und Blüten beeindrucken. Hinter vielen Gewächsen verbergen sich uralte Geschichten von Krankheit, Schmerz und Linderung. Darauf sollten sich Mediziner auch heute besinnen, außerdem könnten ,,Heilpflanzen ein wirtschaftlich nicht zu unterschätzender Faktor sein”, sagt Elsa Teixeira Lopes von der Pharmazeutischen Fakultät der Universität Lissabon. Ihrer Ansicht nach werden ,,die Eigenschaften der medizinisch wirksamen Pflanzen Portugals vergeudet”, so die Wissenschaftlerin auf einem Kongress in Beja, wo Vertreter verschiedener Fachrichtungen über die ,,sozio-ökonomische Bedeutung und den Wert der Pflanzenkunde in der Medizin” konferieren und ,,mehr Forschung in diesem Bereich” fordern. Elsa Teixeira Lopes stellte eine Schautafel über medizinisch wirksame Pflanzen aus Portugals Fauna vor: Obwohl es eine einfache Darstellung ist, könne die ,,fast als Pionierarbeit gelten, denn es gibt nur sehr wenig modernes Material” zu diesem Thema. Lopes untersuchte endemische Pflanzen, also solche, die nur in einem bestimmten Gebiet vorkommen. Sie finden in der traditionellen Medizin und in längst vergessenen Hausmittelchen Verwendung. Die Eigenschaften dieser Pflanzen verglich die Forscherin mit pflanzlichen Erzeugnissen der Pharmaindustrie. Als Beispiel führt Lopes die Fingerhutart Dedaleira ibérica an, die nur auf der Iberischen Halbinsel wächst und deren biologische Eigenschaften vielfältiger und intensiver sind als bei Fingerhutarten, die allgemein für Medikamente gegen Herzsuffizienz verwendet werden. Ähnlich verhält es sich beim Liliengewächs Affodill oder Asphodill, in Portugal bekannt unter den Namen abrótea, abrótega, bengala de São José oder gamão, seit Alters her zur Wundheilung und bei Hautkrankheiten angewendet. Es wächst auf trockenen Böden der Serra da Gardunha und ist vom Aussterben bedroht. Pharmakologin Lopes konnte nun die Wirksamkeit von abrótea-Extrakten auf das Herpes-Virus nachweisen. Viele Pflanzenwirkstoffe aus der heimischen Botanik könnten bei der Arzneimittelherstellung eingesetzt werden, meint Elsa Teixeira Lopes. Doch ,,die Pharmaindustrie zeigt kaum Interesse”, es fließen praktisch keine Forschungsmittel. Die Politik sei aufgerufen, ,,Patentregistrierungen auf Naturprodukte zu erleichtern”. Derzeit sei ,,alles, was seinen Ursprung in der Natur hat, Gemeingut, das allen gehört”. Anstrengungen zur gezielten Aufschlüsselung der pflanzlichen Wirkstoffe und der Einsatz solcher Forschungsergebnisse würden nicht belohnt, klagt auch Luís Mendonça de Carvalho vom Botanischen Museum der Landwirtschaftlichen Hochschule Beja. Er stellte die Banco Português de Germoplasma Vegetal vor, in der Samen und Keimlinge aller in Portugal wachsenden Pflanzen aufbewahrt werden sollen, um die biologische Vielfalt zu sichern. Derzeit herrsche die Tendenz, den ,,Reichtum an verschiedenen Pflanzen derselben Spezies zu vernachlässigen”. Wenn aber nur wenige Vertreter einer Pflanzenart übrig blieben, bedeute das den Verlust von Nuancen für die Heilkraft”.

Canafistula, die Röhrenkassie, hat schmerzlindernde und blutreinigende Eigenschaften

Von ihren Expeditionen in die neuen Kolonien brachten portugiesische Forscher umfangreiche pharmakologische Kenntnisse mit. Der Arzt, Botaniker und Pharmazeut Garcia de Orta beschrieb nach 1538 Pflanzen in ihrer Wirkung, denen erst 300 Jahre später medizinische Bedeutung zugemessen wurde. Dazu gehört Schlangenwurz (Rauwolphia serpentina). Das daraus gewonnene Reserpin war das erste bekannte Medikament in der Nervenheilkunde. Der Missionar José de Anchieta erkundete die Pflanzenmedizin der Völker Brasiliens: Ipecacuanha, die Brechwurzel, und den Copaíba-Baum, dessen Öl für entzündungshemmenden Balsam verwendet wurde (heute wird die Nutzung des Baumöls für Biodiesel erforscht). Der Geistliche Fernão Cardim berichtete um 1583 über die krampflösende Wirkung des Stechapfels estramónio, über jaborandi, einen Baum, dessen Blätter als Aufguss bei Hautkranheiten, Erkältungen und Nierenkrankheiten halfen, über canafístula, die Röhren-Kassie mit schmerzlindernden und blutreinigenden Eigenschaften und über Aloe-Pflanzen. Auszüge aus Garcia de Ortas Abhandlungen über Heilpflanzen: http://hiperlivro. ods.org/users/garciadeorta/

Haus und botanischer Garten von Garcia de Orta in Goa

Carvalho erläutert den Unterschied seines Projektes zum Millenium Seed Bank Project (MSBP) in Wakehurst Place bei London (www.rbgkew.org.uk/msbp), dessen Ziel es ist, bis 2010 den Samen von zehn Prozent (oder 24.000) aller bekannten Pflanzen der Erde zu sichern: Das MSBP sei nicht die Rettung der Artenvielfalt. Allgemein würden dort Pflanzen nach bestimmten Charakteristika wie erosionshemmendem Wuchs oder Resistenz gegen Pilzbefall ausgesucht. Heilpflanzen haben selten solche Eigenschaften und bleiben außen vor.

Ihr Schutz liege wohl auch künftig in den Händen von Menschen auf dem Land, die die medizinisch wirksamen Bestandteile der Pflanzen kennen und deren ,,Apotheke der eigene Kräutergarten ist”, so die Forscher in Beja. Doch auch dabei sollte Vorsicht walten: Ipecacuanha, die Brechwurzel, von dem Geistlichen José de Anchieta um 1554 in Brasilien entdeckt, hat ihren Namen aus der brasilianischen Tupi-Sprache. Er bedeutet ,,Pflanze vom Wegesrand, die einen krank macht”.

 

Share.

Comments are closed.