Die Orpheusgrasmücke

Sylvia hortensis – Toutinegra-real (pt.) – Orphean Warbler (engl.)

Der Mittelmeerraum, einschließlich der Iberischen Halbinsel, ist die Hochburg mehrerer Grasmückenarten, von denen einige in Deutschland höchstens gelegentlich als sogenannte Irrgäste von Experten entdeckt werden

Dies ist für mich schon die zweite in der Algarve sehr selten anzutreffende Grasmückenart, die mir auf diese Weise begegnet ist. Das ist ein wirklich interessantes Vorkommnis, denn es zeigt, wie wertvoll es sein kann, im Garten eine Trinkschale für Vögel bereitzustellen und sie dadurch nicht nur zu versorgen, sondern auch zur Beobachtung anzulocken.
Die erste Begegnung war mit einer selten zu sehenden Weißbartgrasmücke (s. ESA 10/13), die im April bei ihrem Zwischenstopp während des Durchzuges kurzfristig in meiner Trink- und Badeschale im Vorgarten badete und dabei fotografiert werden konnte. Zuvor hatte ich diese Vogelart trotz meiner vielen Aufenthalte in den Wintermonaten noch nicht angetroffen.
Ähnlich war es jetzt mit der wenig farbenprächtigen Orpheusgrasmücke, die ich bisher zu dieser Jahreszeit hier auch noch nicht gesehen hatte. Der Grund dafür ist ebenfalls, dass diese Art üblicherweise nur von April bis August in der Algarve zu beobachten ist, denn danach hält sie sich als Langstreckenzieher südlich der Sahara in Afrika auf.
Anfang der 1990er Jahre führten mehrere Ornithologen einen Zensus über die Anzahl der Brutreviere der Orpheusgrasmücke in der Algarve durch. Dabei konnten dreizehn Brutplätze bestätigt werden, von denen sich einige im Umkreis von Monchique befanden; überwiegend jedoch im nordöstlichen Bereich der Region. In erster Linie bevorzugen diese Vögel höhere, dichte Bäume wie Korkeichen oder Pinien, vor allem, wenn dort wenig Unterholz existiert. Die Orpheus-grasmücke kommt aber auch in dichter Fluss-ufervegetation vor, wo selbst Spezia-listen sie kaum sehen und fast nur an den Rufen von anderen Grasmückenarten unterscheiden können. Somit war der Besuch in der Badeschale eine vielleicht einmalige Gelegenheit, um diese Vogelart zu fotografieren, die im Übrigen zu den größeren der verschiedenen Grasmückenarten zählt.

Text: Dr. Manfred Temme
ESA 10/2015

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