Der Abendhimmel

Wenn Kuhreiher und Sichler am Schlafplatz landen

Selbst als Ornithologe, der über 60 Jahre Vögel in der ganzen Welt beobachtet hat, ist Dr. Temme beim abendlichen Eintreffen von zahlreichen Kuhreihern vom Anblick immer noch begeistert. Er und die ESA möchten gerne ihre Leser an den einmaligen Erlebnissen teilhaben lassen

Vor uns liegt eine relativ kleine Wasserfläche auf der mehrere Löffelenten und Stockenten schwimmen. An den flachen Ufern laufen Stelzenläufer auf der Suche nach kleinen Wassertieren umher und viele Bekassinen stochern im weichen Boden nach Würmern. Im Randgebiet stehen mehrere Stechbinsen aus denen einzelne Cistensänger nach fliegenden Insekten starten. Mittlerweile sinkt die Sonne langsam gen Horizont und es dämmert schon etwas. Die ersten einzelnen Kuhreiher, die aufgrund des weißen Gefieders von Weitem auffallen, landen im flachen Wasser und trinken ein wenig. Zunehmend häufiger kommen einzelne oder kleine Gruppen hinzu, bis bei Sonnenuntergang bereits 400 bis 500 Tiere gelandet sind. Noch werden die hellen Vögel von den letzten Sonnenstrahlen angeleuchtet und heben sich daher gut von der dunkleren Umgebung ab. Zwischendurch erscheinen lärmend 80 bis 100 Dohlen und aufgrund des schwarzen Gefieders, sind sie in der Dämmerung kaum auszumachen. Auch sie trinken und fliegen dann gemeinsam wieder mit „ki-ak ki-ak“ Rufen auf, drehen eine weitere Runde und landen in einem hohen Baum am Rande des zwei Fußballfelder großen Feuchtgebietes. Kurz nach Sonnenuntergang, der Himmel leuchtet im Westen noch rötlichgelb, geht es richtig los. Es erscheinen jetzt aus allen Himmelsrichtungen in rascher Folge größere Scharen aus 10, 20 oder 30 Kuhreihern, so dass man mit dem Zählen kaum nachkommt. Die Kuhreiher haben tagsüber auf den Feldern und Wiesen der Umgebung Nahrung gesucht (größere Insekten, Würmer) und fliegen jetzt das Gebiet an, wo sie in Sicherheit vor Bodenfeinden die Nacht verbringen können. Das geht nur, wenn mehrere größere Büsche vorkommen und die auch noch zur erhöhten Sicherheit im Wasser stehen. Die ersten Vögel suchen diese auch schon auf, um sich einen guten Platz zu sichern. Inzwischen ist es fast dunkel geworden und plötzlich erscheint ein unglaublich eindrucksvoller Trupp von rund 80 Sichlern (auch Braunsichler), kreist noch einmal in dichter Formation vor dem helleren Teil des Abendhimmels, wobei das Licht gerade noch für Fotos ausreicht. Nach dem raschen Landen sind die dunkelbraunen Vögel, im Kontrast zu den weißen Kuhreihern jetzt fast nicht mehr zu sehen. Noch vor wenigen Jahren galten einzelne Sichler als Seltenheit in Portugal und worden von Vogelkundlern begeistert beobachtet. Wie bei meiner Entdeckung dieses Schlafplatzes im Jahre 2008, erscheinen nun am fast dunklen Himmel, aus nördlicher Richtung über der Stadt Lagoa, Gruppen in mehrere Staffeln die aus 100, 150 und mehr Kuhreihern bestehen können. Einige landen noch kurz im Wasser und begeben sich dann ebenfalls zum Schlafen in die Büsche. Das Ganze erinnert von Weitem, wegen der vielen weißen „Tupfer“, an eine Baumwollplantage. Ganz spät erscheinen noch einzelne Seidenreiher, Löffler und die großen Graureiher, bevor es ganz still wird und die Nacht sich vollständig hernieder senkt. Wenn dann die ersten Fledermäuse in der Dunkelheit umherfliegen, wissen wir, dass jetzt Schluss mit der Zählung gemacht werden und die Heimfahrt erfolgen kann. Aber immerhin sind meine Frau und ich diesmal wieder auf etwa 1.300 Kuhreiher gekommen. Da meist einmal pro Woche gezählt wird, sind in den letzten sechs Wintern bei 75 Abendzählungen schon allerhand interessante Daten zusammen gekommen. So wurde herausgefunden, dass im Mittwinter die Anzahl am höchsten ist. Im Laufe des März und April gehen diese durch Abwanderung der Brutvögel zu ihren Kolonien zurück und es bleiben etwa 400 bis 500 Nichtbrüter dem Schlafplatz treu.

Dr. Manfred Temme

ESA 01/14

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