Rabe

Ein seltener Vogel

von HENRIETTA BILAWER

Auf der Iberischen Halbinsel lebt der Rabe Corvus corax hispanus, weniger robust als seine nordeuropäischen Brüder, die sich an widrige klimatische Bedingungen angepasst haben. Ob die Leichtigkeit des Seins im Süden den iberischen Raben das Leben kosten könnte, ist nicht absehbar, doch wird der Wappenvogel Lissabons in der Hauptstadt immer seltener

Legenden sind von Natur aus langlebig. Ihre Elemente ­ obgleich vielfältig ­ wiederholen sich, selbst wenn Zeiten und Kulturen, denen sie entstammen, sehr unterschiedlich sind. So geht es auch den Mythen um den Raben, dem verschiedene Rollen zugeschrieben werden. Götter und Könige nutzten ihre Flugfähigkeit und Klugheit. Personifiziert als weiser Wanderer, zeigt er Verirrten den Weg, nicht nur in den Grimm’schen Sieben Raben. Die Vögel mit dem glänzend schwarzen Gefieder umkreisten der Sage nach den Kyffhäuser, in dem Kaiser Barbarossa sich im ewigen Schlaf befand; sie würden ihn wecken, sollte sein Reich in Gefahr sein. Und wenn die Raben den Londoner Tower verlassen, so will es die Legende, werde die Monarchie untergehen. Die Briten gehen auf Nummer sicher und stutzen ihnen die Flügel; Raben stehen unter dem Schutz des Königshauses. In anderen Quellen trägt der Rabe die Seele der Verstorbenen ins Paradies. Teile all dieser Eigenschaften finden sich auch in der Mythologie, die die Geschichte Lissabons ausschmückt: Zwei Raben zieren das Stadtwappen. Sie sitzen überlebensgroß am Bug und am Heck einer stilisierten Karavelle, die im Jahr 1173 die sterblichen Überreste von São Vicente, dem Schutzpatron der Hauptstadt, aus dem spanischen Saragossa nach Lissabon brachte ­ auf der Flucht vor Mauren und Piraten, entlang der später nach ihm benannten Costa Vicentina, nach einem vierhundertjährigen Zwischenstopp bei Sagres, am gleichfalls namenstragenden Cabo de São Vicente. Der Rabe ist in Portugal nicht, wie in vielen europäischen Kulturen, mit Krieg und Tod assoziiert. Hier verheißt der Vogel Glück und symbolisiert Loyalität, so der Historiker José Mattoso. Nicht nur deshalb schlagen Ornithologen jetzt Alarm: Die Raben verschwinden aus Lissabon. Sie werden immer seltener, im Gegensatz zu anderen Ländern, wie die englische Vogelschutz-Organisation Birdlife International nun meldete. In ganz Portugal gibt es demnach nicht mehr als geschätzte zehntausend Raben. Da die Art nicht zu den vom Aussterben bedrohten gehört, werde bisher nichts unternommen, um ihrem Lebensraum in der Hauptstadt zu pflegen und zu erhalten.

 

Erstmals tauchte der schwarze Vogel 1233 auf einem StadtteilEmblem auf

 

Er habe gern zugesehen, wie die gewieften Vögel besonders harte Samenkörner auf das Straßenpflaster beförderten und darauf warteten, dass ein darüber fahrendes Auto die Schale knackt, berichtet José Águas aus der Rua dos Corvos, der ,,Raben-Straße” in Stadtteil Alfama. Der kleine Weg erhielt seinen Namen 1897. Das Datum markiert die erste dokumentarische und offiziell verbindliche Beschreibung des Stadtwappens, das allerdings schon in allen Entwürfen seit 1612 Raben zeigt ­ ein Stadtteilwappen trug bereits 1233 die schwarzen Vögel. Rentner José Águas erinnert sich: Es ,,gehörte einfach zu unserem Viertel, dass die Raben zutraulich an die Tabernas kamen oder sich sogar in die Wein- und Bierschenken hineinlocken ließen”. Andere spazierten geduldig vor dem Lokal auf und ab und imitierten mit erstaunlicher Genauigkeit die Stimmlagen der Stammgäste. Die Vögel sind nahezu verschwunden aus ihrem traditionellen Heimatviertel südlich der Igreja de São Vicente. Geblieben sind Motive im Straßenpflaster, wie in der Rua da Vitória an der Igreja de São Nicolau: Stein gewordene Mythologie. Die lebenden Exemplare finden sich fast ausschließlich südlich der Hauptstadt am Cabo Espichel an der Tejomündung ein. ,,Als wollten sie noch immer den Weg des Heiligen Vicente begleiten”, so die Fremdenführerin Júlia Monte. Bis vor Kurzem hat sie Besuchern der Hauptstadt nur Wege und Monumente erklärt. Nun nimmt sie sich auch für die Lissabonner Flora und Fauna Zeit, denn ,,es ist schön, wenn man statt ,es war einmal’ sagen kann: ,dies und das ist heute noch vorhanden’. Noch”. Die Lissabonner Raben beflügeln Künstler: Raben-Ornamente des Bildhauers Joaquim Martins Correia schmücken die Metrostation Picoas. Graça Roque Tomé nennt die schwarzen Vögel der Hauptstadt Corvus olisiponensis und hat sie aus Draht und Reisig nachgeformt. Einer steht in der Galerie Fabula Urbis, die sich erdachten und echten Geschichten der Hauptstadt in Bild, Objekt und Buch widmet (www.fabula-urbis. pt). Und eine Fotokünstlerin mit dem Pseudonym Tinta Azul verfremdet ihre Fotografien von Lissabonner Bauwerken so, dass ,,sie sich in einen Raben verwandeln. Oder der Rabe in ihnen zum Vorschein kommt. Ist das der Corvus olisiponensis? São Vicente würde es wissen”. Gonçalo Elias beobachtet die real existierende hauptstädtische Vogelwelt bereits seit zwei Jahrzehnten. Er hat den rapiden Rückgang der ,,akrobatischen Flieger” in jüngerer Zeit verfolgt. Da sich die Raben im Allgemeinen leicht an jeden Lebensraum gewöhnen, sei ihr Rückzug aus Lissabon ,,auf jeden Fall bemerkenswert”, so Elias. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge sind Raben die Vögel mit der größten Intelligenz. In Experimenten zeigen sie erstaunlich rasche Lernfähigkeit aus dem, was sie selbst in ihrer Umwelt beobachten, sowie die Fähigkeit, komplexe Handlungen im Voraus zu planen. Sollte der Rückzug der Raben aus Lissabon also ein Zeichen sein? Gonçalo Elias glaubt daran. Auf jeden Fall aber ,,geht es um ein Wahrzeichen”.

In Portugal verheißt der Rabe Glück und symbolisiert Loyalität

 

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