Alpenstrandläufer

Der Alpenstrandläufer

Schlammige Tidebereiche, Salinen oder flache Süßwasserstellen dienen den Alpenstrandläufern als Aufenthaltsort, wenn sie in großer Zahl in Portugal Rast machen. Besonders eindrucksvoll sind die plötzlichen Schwenks der fliegenden Schwärme

Text: DR. MANFRED TEMME

Calidris alpina

Der scheinbar widersprüchliche Name ,,Alpenstrandläufer” führt sogleich zur Frage nach der Herkunft. Viele Vogelnamen wurden bereits vor mehreren hundert Jahren vergeben und nicht immer von Biologen. In diesem Fall rührt der Name wohl daher, dass der Vogel in Skandinavien höher als verwandte Arten in gebirgigen (alpinen) Regionen brütet. Zur Zugzeit hingegen, von August bis Oktober und dann wieder auf dem Heimzug im April und Mai, halten sich Alpenstrandläufer meist im Wattenmeer an der gesamten Nordseeküste auf. Dort bilden sie stellenweise gewaltige Schwärme mit Millionen von Exemplaren. Altvögel sind von Ende April bis Anfang September leicht am schwarzen Brustschild zu erkennen. Daher kommt der portugiesische Name Pilrito-de-peito-preto; die Engländer nennen ihn Dunlin. Der etwa starengroße Alpenstrandläufer ist im Herbst und Winter schwer zu erkennen, wenn er, ähnlich wie viele andere Strandläuferarten, ein graues Winterkleid anlegt. Dann müssen selbst Ornithologen genau hinschauen, um ihn an weiteren Merkmalen sicher bestimmen zu können. Beim Abflug ertönt sein nasaler Warnruf, ,,trüüüü”. Ein jetzt sichtbarer dunkler Längsstreifen auf dem Bürzel bis zu den Schwanzfedern macht ihn dann unverwechselbar. Zur Nahrung dienen Schlammbewohner wie kleinste Schnecken oder Würmer. Letztere werden meist mit einem feinen Tastorgan vorne im Schnabel ,,erschmeckt”. Dafür stochert der Alpenstrandläufer im Boden herum und hinterlässt typische Löcherspuren, die an die Arbeit einer Nähmaschine erinnern. Fängt er einen noch schlammbeschmierten Wurm, läuft er mit diesem auch schon mal bis zur nächsten Pfütze und spült ihn vor dem Verzehr ab. Zu den Zugzeiten kommen sie auch in Portugal als häufigste Strandläuferart vor. Sie sammeln sich im Bereich des Naturschutzgebietes Ria Formosa in großen, oft Hunderte zählenden Trupps. Sie besuchen bei günstigen Wasserverhältnissen auch andere schlammige Tidebereiche der Algarve sowie Salinen oder flache Süßwasserstellen, wie das schutzwürdige Feuchtgebiet Lagoa dos Salgados bei Armação de Pêra. Zieht der Alpenstrandläufer zurück nach Norden, macht er weitere Zwischenstationen in Portugal. So rasten Ende April im Mündungsgebiet des Rio Sado im Naturreservat Estuário do Sado südlich von Setúbal zu Hochwasserzeiten über 10.000 Vögel in wattähnlichen Schlammbereichen. Besonders eindrucksvoll sind die plötzlichen Schwenks eines großen fliegenden Schwarmes. Bei Störung fliegen die Vögel in dichter Formation auf, zeigen etwa zuerst alle ihre dunklere Oberseite, ein wie auf Kommando folgender Schwenk lässt plötzlich in der Sonne die vielfach helleren Unterseiten zusammen mit den raschen Flügelschlägen aufblitzen. Mal ähnelt der Trupp einer Rauchfahne, bald einer aufsteigenden Wolke, dann wieder einem flachen Band über dem Horizont. Diese Manöver werden nicht von einem Anführer befehligt, jeder Vogel reagiert für das menschliche Auge kaum erfassbar auf die Bewegungen der voranfliegenden Artgenossen. Als Brutvogel begibt er sich bis zu 5.000 km weit von hier in das skandinavische Fjäll sowie in russische und arktische Tundra-Gebiete. Im April beginnt die Kleingefiedermauser, der Federwechsel erzeugt ein bunteres Brutkleid mit schwarzem Brustschild. Er ist durch die rotbräunlich und schwarz gefleckten Rückenfedern und die ähnlich gesprenkelten Kopf- und Halspartien auf seinem versteckten Bodennest in Krähenbeerheiden und Grasblüten bestens getarnt. Nach knapp dreiwöchiger Bebrütung schlüpfen vier Küken. Sie sind Nestflüchter und folgen den Eltern sofort durch dichte, niedrige Vegetation an Wasserstellen. Durch die Fülle an sommerlichen Insekten im nordischen Lebensraum wachsen die Jungen rasch heran und ziehen oft schon im Juli und August in die ausgedehnten Wattenbereiche der Nordsee. Viele bleiben an südenglischen Küsten, andere ziehen in den Süden und erreichen Portugal und die nordafrikanische Küste.

 

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