Seidenreiher

Egretta garzetta

Der Seidenreiher ist auf den Lebensraum Wasser spezialisiert

Seiden reiher

Durch sein rein weißes Gefieder gehört der Seidenreiher zu den auffälligen Vogelgestalten auf der Iberischen Halbinsel und ist in der Algarve an geeigneten Plätzen nicht zu übersehen

Text: DR. MANFRED TEMME

Seidenreiher unterscheiden sich von den gleichfalls weißen Kuhreihern vor allem durch ihre unterschiedlichen Lebensräume

Rund um das Mittelmeer zeigt der Seidenreiher in zusagenden Lebensräumen eine zwar inselartige, aber stellenweise dichte Verbreitung. In den letzten Jahrzehnten unternimmt er zudem eine starke, nach Norden gerichtete Ausweitung seines Areals; neuerdings brütet er sogar vereinzelt an der niederländischen Küste. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, wann die ersten Brutversuche auf den deutschen Nordseeinseln erfolgen. Vom ungeübten Beobachter wird er auf den ersten Blick mit dem ebenfalls in der Algarve oft vorkommenden weißlichen Kuhreiher (s. ESA 5/04) verwechselt. Trotzdem dürfte bei genauerem Hinsehen eine Unterscheidung leicht fallen, denn bei der Bestimmung kommt es nicht nur auf das Aussehen an. Im Gegensatz zum Kuhreiher ist der Seidenreiher fast ausschließlich ans Wasser gebunden und folgt niemals dem Bauern bei der Feldarbeit. Der Seidenreiher hält sich zur Nahrungssuche fast ausschließlich an und im Wasser auf. Er scheut keineswegs Salzwassergebiete wie Salinen, Priele in Tidebereichen oder Brackwasserstellen wie Flusslagunen, und Ästuare, wie sie unter anderem im Bereich des Naturschutzgebietes Ria Formosa und an der breiten Mündung des Arade typisch sind. Ebenso ist er auch in rein limnischen Lebensräumen wie an Flussufern, flachen Seen oder Tümpeln zu finden, solange dort genügend Beutetiere vorkommen. Diese bestehen aus kleinen Fischen, Krebschen, Frösche oder anderem Wassergetier. Dafür bringt der Vogel das entsprechende Fanggerät, einen spitzen scharfrandigen Schnabel zum Halten der glitschigen Beute, mit. Wie bei vielen Reihern hat auch er den besonderen Knick im Hals. Der ermöglicht es dem Vogel, sich mit zurückgezogenem Kopf vorsichtig an ein Beutetier heranzuschleichen und dann blitzschnell zuzustoßen. Im Fluge wird der lange dünne Hals, in typischer Reihermanier S-förmig zurückgebogen. An den langen schwarzen Beinen trägt er als Kontrast gelbe Zehen, die er beim Schreiten im flachen Wasser oft anhebt. Sie sind ein weiteres Merkmal zur Bestimmung der Art.

Der englische Name Little Egret verweist auf die geringere Größe, verglichen mit dem seltenen Silberreiher, wie auch die portugiesische Bezeichnung Garça-branca-pequena, die auch die Farbe des Gefieders einbezieht. Zu Beginn der Brutzeit im Frühjahr wachsen dem Seidenreiher an Hinterkopf, Hals und Schultern lange, aufgelockerte, herunterhängende Zierfedern. Sie sind besonders gut zu sehen, wenn das Männchen sie bei der Balz zur Schau stellt oder sie im Wind wehen. Diese weißen Schmuckfedern wären dieser Reiherart vor etwa 100 Jahren beinahe zum Verhängnis geworden, als jede modebewusste Dame einen Hut mit solchen Federn tragen wollte. Die Vögel wären damals fast ausgestorben. Seit diese fatale Mode nicht mehr aktuell ist, nehmen die Bestände des Seidenreihers wieder kontinuierlich zu. Gebrütet wird in manchen südeuropäischen Gebieten, gemeinsam mit anderen Reiherarten, entweder auf Bäumen oder in großen Schilfwäldern, unzugänglich für Bodenfeinde. Sichere Brutplätze bietet die Algarve auf den frei im Wasser stehenden steilen Felsformationen, etwa an der Küste bei Albufeira, bei Benagil und südlich von Lagos. Hier erfordert es genaues Hinsehen, um Seidenreiher an der Ponta da Piedade in den dichten Kolonien der ebenfalls dort brütenden Kuhreiher zu entdecken. Drei bis fünf Eier werden abwechselnd von beiden Partnern drei Wochen lang bebrütet. Die Jungenaufzucht dauert weitere sechs Wochen. Dabei können die Jungvögel schon nach drei bis vier Wochen in der Nähe des Nestes umherwandern. Wagen sie sich aber zu sehr in die Reichweite der Nachbarpaare, kann das gefährliche Schnabelhiebe zufolge haben. Manche Seidenreiher weichen im Winter auf den afrikanischen Kontinent aus, aber es verbleiben noch genügend Individuen in der milden Algarve. Daher wird es dem aufmerksamen Vogelfreund möglich sein, den Vogel in jeder Jahreszeit schon von weitem zu erkennen.

 

Share.

Comments are closed.