Der Raubwürger

In der Algarve und im Alentejo ist der selten gewordene Raubwürger (Lanius excubitor meridionalis) zu beobachten. Obwohl nicht sehr groß, nimmt er es beim Beutezug vereinzelt mit Nagetieren und kleinen Vögeln auf

Der Raubwürger zählt zu den Singvögeln und ist etwa so groß wie eine Amsel. Durch sein auffälliges grau-schwarz-weißes Gefieder ist der Vogel unverkennbar. Im Fluge, der wellenförmig mit Gleitstrecken erfolgt, wirkt der Raubwürger wie eine kleine Elster. Eine im Feld schon leicht erkennbare Unterart (Lanius excubitor meridionalis), die nur auf der Iberischen Halbinsel vorkommt, hat eine Rosafärbung auf Brust und Bauch und ist auf dem Rücken dunkler als die in Mittel- und Nordeuropa vorkommende Form. Andere feine Unterschiede in der Gefiederfärbung zeigt die nordafrikanische Unterart (Lanius excubitor algeriensis). Das Verbreitungsgebiet des Raubwürgers erstreckt sich zwar über ganz Europa und Nordafrika, das Vorkommen ist aber überall sehr lückenhaft. In Deutschland ist der Raubwürger in den letzten Jahrzehnten schon sehr selten geworden und kaum noch zu beobachten. Selbst die Zugvögel, die vor vielen Jahren in Deutschland noch als Überwinterer beobachtet werden konnten, bleiben heute aus. Wie so oft, werden für den drastischen Rückgang dieser Art auch die raschen Modernisierungen der Landwirtschaft und andere Formen der Zerstörung des Lebensraums verantwortlich gemacht. Deshalb sollte man in Südportugal die Gelegenheit nutzen und versuchen, die selten gewordene Art zu beobachten und näher kennen zu lernen. Der bevorzugte Lebensraum des Raubwürgers ist offenes Gelände mit einzelnen Bäumen und Büschen. Er hält sich wegen seiner Störungsanfälligkeit von menschlichen Ansiedlungen fern. Der in Portugal picanço-real und englisch Great Grey Shrike genannte Vogel ist zwar das ganze Jahr über in der Algarve heimisch, ist dennoch nicht besonders häufig anzutreffen, stellenweise eher im Osten oder in westlichen Teilen der Algarve. Bei Ausflügen in die nördliche Provinz Alentejo wird er Vogelbeobachter häufiger belohnt. Der Raubwürger fällt dort eher auf, weil er oft gut sichtbar auf den an Nebenstraßen oder Schotterwegen entlang führenden Telefondrähten oder Stromleitungen sitzt. Diese höheren Sitzwarten nutzt der Vogel zur Beobachtung: Nach Sichtung einer Beute überrascht und fängt er sie entweder am Boden oder auch in der Luft. Nach Fehlstößen kehrt der Vogel auf seinen vorherigen Beobachtungsposten zurück. Zur Nahrung gehören größere Insekten, gelegentlich werden sogar Eidechsen, Frösche, Mäuse oder kleinere Vögel überwältigt. Der Raubwürger soll in Einzelfällen sogar junge Ratten und Rothühner angreifen und spatzengroße Beutevögel im Fluge davontragen können. Fällt mehr Beute an, als gerade verzehrt werden kann, spießt der Raubwürger diese auf Stacheldraht oder Dornenbüschen auf. So zwischengelagert, wird die Beute später verbraucht. Der kräftige, hakenförmige Schnabel, mit greifvogelartiger Spitze, hilft bei der Zerteilung der Beuteteile. Der Gesang des Raubwürgers klingt einfacher als der des kleineren Verwandten, dem Rotkopfwürger. Es erinnert an ein plauderndes Lied mit mausartig schrillen Lauten und vibrierenden Trillern in denen ein raues ,,Väck” eingeflochten wird. Zuweilen lässt auch das Weibchen des Raubwürgers vor der Brutzeit einen zwitschernden Gesang hören. In ein stabiles Baumnest, das außen mit Reisern und innen mit zarten Pflanzenteilen ausgekleidet ist, werden vier bis sieben Eier gelegt. Die über zweiwöchige Bebrütung erfolgt hauptsächlich durch das Weibchen, an der Aufzucht der Jungen beteiligen sich beide Partner. Das Futter für den Nachwuchs stellen hauptsächlich Insekten dar. Die Eltern sind am Nest recht mutig und verteidigen ihre Jungen energisch, sogar etwa gegen eine große Rabenkrähe. Nach nur 19 bis 20 Tagen können die Jungen das Nest verlassen. Die Altvögel sollen ihrem Brutplatz sehr treu sein und manchmal mehrere Jahre dasselbe Nest benutzen.
Text: DR. MANFRED TEMME

ESA 01/05

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