Gottesanbeterin

Ein ,,Tiger” unter den Insekten

Mantis religiosa

Eine in Ruhestellung befindliche grüne Gottesanbeterin ist in dichter Belaubung gut getarnt. Die langen Stacheln an den Fangarmen sind hier gut zu erkennen

Bei einer stärkeren Störung wirft die Gottesanbeterin die Flügel nach oben und erschreckt den Angreifer mit bunten ,,Augenflecken”

Über Lebensweise, Tarnung und Schreckstellung der Gottesanbeterin ­

von Dr. Manfred Temme

Gottesanbeterinnen gehören zur umfangreichen Familie der Fangschrecken, von denen fast 2.000 verschiedene Arten auf der ganzen Welt verbreitet sind. Die meisten können nur von Spezialisten unterschieden werden. Gottesanbeterinnen haben ihren Namen von der Haltung des ersten Beinpaares, das zu Fangbeinen umgestaltet ist und in Ruhehaltung an zum Beten gefaltete Hände erinnert. Diese Fangarme tragen viele Stacheln, schnappen blitzschnell zu und können ein selbst größeres Beuteinsekt unbarmherzig wie mit einem Schraubstock festhalten. Danach kann es von der Gottesanbeterin in Ruhe verspeist werden. Für eine große Fliege benötigt sie etwa nur 15 Minuten. Die bis zu gut sieben Zentimeter langen Insekten sind für den Menschen völlig harmlos. Da sie sich meist durch eine vortreffliche Tarnfärbung auszeichnen, werden sie in der Algarve gewöhnlich erst bei intensiven Gartenarbeiten zufällig entdeckt. Diese Tiere halten sich ganzjährig in belaubten Büschen, Sträuchern und auf Blumen auf. Dort bewegen sie sich nur sehr langsam durchs Gezweig, können aber, falls erforderlich, freie Flächen rasch laufend überwinden. 24 Viele Tiere sind grünlich gefärbt, aber eine graubraune Form verfügt ebenfalls über eine vortreffliche Tarnfärbung, vor allem wenn sie sich in sommerlich trockenem Pflanzenwerk aufhält. Vom Standpunkt des Gartenbesitzers gelten Gottesanbeterinnen als sehr nützlich, denn sie verzehren manche von ihm unerwünschte Insekten. Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Gottesanbeterin ihren recht beweglichen dreieckigen Kopf in die Richtung wendet, aus der sich entweder Beutetiere oder Feinde nähern, denn die Sichtleistung der Augen ist ausgezeichnet. Fangschrecken sind mit Heuschrecken und Heupferdchen verwandt. Letztere ernähren sich allerdings hauptsächlich vegetarisch und springen oder fliegen bei Gefahr meist sofort weg. Sollte eine Gottesanbeterin dagegen bei der Gartenarbeit übersehen und gestört werden, bleibt sie zunächst still sitzen. Normalerweise wendet sie nur den Kopf und blickt den Menschen mit ihren großen Augen an. Wird sie aber überrascht oder massiv gestört hat sie noch eine Schreckstellung parat. Ganz plötzlich werden die Flügel nach oben ausgebreitet. Dadurch erscheint überraschend eine auffällige bunte Zeichnung, die an große Augen erinnert. Diese Abwehrhaltung schreckt größere Feinde wie Vögel, Geckos oder Chamäleons derart ab, so dass sie von einer weiteren Verfolgung der Gottesanbeterin absehen. Große Augenflecke als Abschreckung sind im Insektenreich, vor allem bei einigen Tag- und Nachtfaltern, sehr verbreitet und tragen möglicherweise entscheidend zur Erhaltung der jeweiligen Arten bei. Gelegentlich findet man im Gras, Gestrüpp oder an geschützten Hauswänden die grauen festen Eikapseln, Ootheken genannt, der Gottesanbeterinnen. Es sind hartschaumstoffartige Gebilde, in denen mehrere Eier in Fächern untergebracht sind. Aus diesen schlüpfen kleine so genannte Nymphen, die den Erwachsenen schon ähneln und nach jeder Häutung größer werden. Somit durchlaufen sie eine, wie es in der Biologie heißt, unvollkommene Verwandlung oder Entwicklung in meist vier Stadien. Erst im letzten und geschlechtsreifen Stadium entwickeln sich die Flügel. Bei manchen Arten fressen die Weibchen während oder nach der Paarung ihre kleineren Männchen sogar auf, was aber bei den mediterranen Arten nicht praktiziert werden soll.

 

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